Kurpark im Dienst des Luftschutz

Wer heute durch den Kurpark joggt oder flaniert, kann viel über die dortigen Bäume lernen und über Gottlieb Daimler, der sich in dem Gelände, das heute zum Park gehört, einen eigenen Aussichtsturm errichten ließ. Durch seine Lage im oberen Teil von Cannstatt bietet der Park unerwartete und imposante Aussichten.

Seine geografische Lage führte dazu, dass der Park während des zweiten Weltkriegs verschiedene Aufgaben für den Luftschutz erfüllte.

Der Park wird im Osten begrenzt von der Güterumgehungsbahn Untertürkheim – Kornwestheim. Im heutigen Südteil des Parks hatte Gottlieb Daimler 1894 einen Aussichtsturm errichten lassen. Das Grundstück war damals noch der Garten seiner Villa und gehörte noch nicht zu den öffentlichen Kur-Anlagen. An der Nordkante zur Schmidener Straße hin befindet sich auch noch heute das größtenteils erhaltene Brückenlager des König-Wilhelm-Viadukts, der 1992 durch den neuen Bahnviadukt Stuttgart-Münster ersetzt wurde. Das neue Lager wurde auf Teile des alten aufgesetzt.

Auf einem kleinen Rundgang lassen sich die Stationen des Luftschutzes im Park verbinden.

Am Hang unweit der Ecke Wiesbadener- / Freiligrathstrasse steht der Daimlerturm.

Der Daimlerturm wurde während des Krieges durch einen hölzernen Aufsatz aufgestockt, in dem ein Beobachter für die Flak zu Schutz des Bahnviadukts postiert wurde. Es gibt auch Gerüchte, wonach auf dem Holzaufsatz selbst ebenfalls eine leichte Flak installiert gewesen sein soll. Diese konnten jedoch nicht bestätigt werden.

Lager des König-Wilhelm-Viadukts mit dem noch erhaltenen Turm. Hier wurde Leichte Flak gegen Tieffliegerangriffe stationiert. Der neue Viadukt wurde oberhalb des alten Lagers aufgesetzt.

Vom Turm führt ein Weg zur Bahnlinie, an der eine romantische, wenig frequentierte Allee nach Norden führt, die erst kurz vor dem Betriebshof des Garten- und Friedhofsamts wieder in den Park mündet. An dessen Zufahrt führt ein Weg aus dem Park auf die Schmidener Straße zum Lager des Viadukts. Hier war leichte Flak zum Schutz des Bahnviadukts gegen Tiefflieger in Stellung gebracht worden. Am Kopf des Bauwerks standen zwei historisierende Türmchen, von denen noch eines erhalten ist. Sie dienten der Flak als Gefechtsstand.

Zugang zum Luftschutzstollen Schmidener / Sulzerrainstraße.

Auf dem Weg zum Kursaal liegt in der Stützmauer des Hangs der Eingang zum 1942/43 erbauten Luftschutzstollen Schmidener / Sulzerrainstraße. Das Anwesen linker Hand in der Einmündung der Sulzerrainstraße in die Schmidener Straße wird heute vom Weingut der Stadt Stuttgart genutzt. In diesem Anwesen lag der Haupteingang zu diesem Stollen.

In diesem Gebäude befand sich der Haupteingang des Luftschutzstollens Schmidener/Sulzerrainstraße.

Es schließen sich die Gebäude des Mineralbads Cannstatt an und schließlich der Kursaal, hinter dem während des Krieges ein weiterer Luftschutzstollen geschaffen wurde.

Ehemaliger Stolleneingang hinter dem Kursaal.
Ehemaliger Stolleneingang hinter dem Kursaal.

In seinem Eingangsbereich befinden sich heute die Toilettenanlagen des Außenbereichs und Biergartens hinter dem Kursaal.

Die Kartengrundlage unserer Übersicht ist der Stadtplan von 1939.

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Baufortschritt im Bunker unter dem Diakonissenplatz

Alle Fotos: KultDiak e.V.

Der Tiefbunker unter dem Diakonissenplatz wurde im Rahmen des am 21. November 1940 von den Stadträten der Stadt Stuttgart diskutierten Bunkerbauprogramms beschlossen.

Am 10. Januar 1941 wurde mit dem Aushub der insgesamt 18.000 Kubikmeter Erdreich begonnen. Am 21. April 1941 waren die Betonierarbeiten abgeschlossen.

Der Bunker nahm in Stuttgart in mehrerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein:

Von Anfang an wurde eine Luftschutzrettungsstelle eingeplant. Es war die einzige LS-Rettungsstelle in Stuttgart, die in einen öffentlichen Luftschutzbunker eingebaut wurde. Üblicherweise wurden diese Einrichtungen in die Kellerräume öffentlicher Gebäude eingebaut, wie z.B. der Hohensteinschule in Zuffenhausen.

Der Bunker unter dem Diakonissenplatz wurde als einziger Tiefbunker in Stuttgart dreigliedrig gebaut, die drei Trakte sind u-förmig angeordnet.

Neben der Luftschutzrettungsstelle sollten zwei Trakte der Zivilbevölkerung der umliegenden Wohngebiete als Schutzraum dienen. Der längs zur Forststraße liegende Flügel wurde jedoch während des Krieges mit dem Lagezentrum des Sicherheits- und Hilfsdienstes (SHD) belegt, der für die Koordinierung von Hilfsmaßnahmen nach Bombenangriffen zuständig war.

Somit entsprach der baulichen Dreiteilung auch eine Dreiteilung der Nutzung: Medizinische Erstversorgung (Trakt an der Rosenbergstraße), Ziviler Luftschutzbunker (Trakt an der Silberburgstraße) und Lagezentrum des SHD an der Forststraße.

Zu den unterschiedlichen Nachkriegsnutzungen gehörte auch kurzfristig die Nutzung als Bunkerhotel. Anfang der 1970er Jahre wurde für einen Raum in diesem Bunker einer der ersten Mietverträge mit einer Rockband abgeschlossen. Es ist unklar, ob die Band „Müll“ im Bunker unter dem Diakonissenplatz oder „Spratzel Strull“ im Hochbunker Badstraße den ersten Mietvertrag in einem ehemaligen Luftschutzbunker erhielten.

Beide Bands gehen davon aus, die ersten gewesen zu sein. Da es damals noch keine formalisierten schriftlichen Mietverträge bei Amt für den Zivilschutz für solche Fälle gab, liegen hierzu keine exakten schriftlichen Dokumente vor. Während des Kalten Kriegs wurde der Bunker modernisiert, wobei die Dreiteilung der Nutzung beibehalten wurde. Im ehemaligen SHD-Lagezentrum sollte der Oberbürgermeister mit einem Krisenstab unterkommen.

2018 gründete sich der Verein „Kultdiak Stuttgart e.V.“, der in der ehemaligen LS-Rettungsstelle ein Kuturzentrum errichten will.

Während des OB-Wahlkampfs besuchten sowohl Marian Schreier als auch Frank Nopper den Bunker und liessen sich das Konzept erklären. Die Bauarbeiten begannen im Herbst 2020. Seit Februar 2021 ist die Chatroom Performance der InterAkt Initiative online.

Damit existiert die erste kulturelle Produktion aus dem Umfeld des noch im Werden entstehenden Kulturzentrums. Entsprechend den Umständen der Corona-Pandemie ist es ein virtuelles Projekt. Die Mitglieder des Kultdiak-Vereins arbeiten in der Zwischenzeit weiter an der Umgestaltung der Räume, um nach der Pandemie das Kulturzentrum als reale Location eröffnen zu können.

Der Verein hat zum Bunker auch eine Publikation veröffentlicht.

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Herbst 1940: Führersoforterlass und Bunkerbauprogramm

Am 10. Oktober 1940 erteilte Adolf Hitler den sogenannten „Führersoforterlass“, auf dessen Grundlage eines der größten Bauprogramme der Geschichte begann: Der flächendeckende Bau ziviler Luftschutzbunker in den Städten.

In den Großstädten Deutschlands waren bereits ab Anfang 1939 öffentliche Luftschutzräume und vereinzelte Bunker und Luftschutzstollen errichtet worden, z.B. Winkeltürme, Luftschutzstollen für die Stadtverwaltungen und Schutzräume und Bunker an wichtigen Bahnhöfen.

In Stuttgart waren das vor allem der Luftschutzstollen vor dem Neuen Schloss, die Luftschutzanlage des Rathauses unter dem Pierre-Pflimlin-Platz, die Stollen der Handwerkskammer und des Güterbahnhofs (unter der Heilbronner Straße), die Rettungsstelle des 16. Luftschutzreviers in der Martinskirche am Pragfriedhof (Eckartstraße) und der Winkelturm am Bahnhof Feuerbach.

Im Führersoforterlass heisst es u.a.:

„I. Zur sofortigen Durchführung auf dem Gebiete des Luftschutzbauwesens ordne ich an:
1.Für Wohngebiete (städtische Gebiete, Siedlungen, Laubenkolonien), in denen keine oder unzureichende Luftschutzräume vorhanden sind, sind behelfsmäßige Schutzmaßnahmen zu treffen.


2.Vorhandene oder neu zu bauende Verkehrsstraßen oder Verkehrsanlagen (z. B. Untergrundbahnen und Tunnelbauten) sind für den Bau unterirdischer, bombensicherer Luftschutzräume auszunutzen.


3.Die in Luftschutzräumen vorhandenen Öffnungen in den Außenwänden des Gebäudes sind zu beseitigen unter gleichzeitiger beschleunigter Durchführung der gesetzlich angeordneten Brandmauerdurchbrüche.


4.Neu zu errichtende öffentliche Luftschutzräume sind bombensicher zu bauen, die vorhandenen öffentlichen Luftschutzräume sind – so weit möglich – auf Bombensicherheit zu verstärken.“

Aus I.4. geht klar hervor, dass es zu diesem Zeitpunkt offenkundig eine große Zahl öffentlicher Luftschutzräume gab, die nicht bombensicher waren, und von denen auch nicht alle bombensicher ausbaubar waren.

Der Führersoforterlass delegierte die Bestimmung der Städte, die umgehend Bunker zu errichten hatten an das Reichsluftfahrtministerium. Eine finale Liste wurde indessen nie verabschiedet. Der ersten Bauwelle folgten weitere Bauprogramme. Insgesamt wurden in Deutschland rund 6.000 bombensichere Bunker gebaut, zuzüglich tausender Stollenanlagen und einer unbekannten Zahl nicht-bombensicherer Schutzräume, wie z.B. LS-Deckungsgräben.

Die meisten Großstädte begannen unmittelbar nach dem Führersoforterlass mit Beratungen und Planungen zur Umsetzung der Anordnungen. In Stuttgart begannen die Beratungen am 21. November 1940. Die meisten der noch heute in der Stadt existierenden Hoch- und Tiefbunker gingen aus der dort besprochenen ersten Bauwelle hervor, auch der „Großluftschutzraum Wagenburgtunnel“.

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