Lesung und Ausstellung Bad Cannstatt 06.05.2010


„Das ist ja ein spannendes Hobby, das Sie da haben“, staunte eine Besucherin am Ende der Veranstaltung „das habe ich mir gar nicht so vorgestellt“. Sie war ursprünglich wegen Spratzel Strull gekommen. Noch heute hat die Band um Schlagzeuger Hardy Sikler etliche Fans, obwohl sie sich schon vor 30 Jahren aufgelöst hatte. Nun ließ sie sich ausführlich erklären, womit sich die Forschungsgruppe Untertage beschäftigt, was sich bei der Erforschung historischer Anlagen und Bauwerke alles ereignen kann und welche umfangreichen Erkenntnisse man über bestimmte Aspekte der Geschichte gewinnen kann.

Rock im Bunker

Spratzel Strull war die erste Band, die im Rosensteinbunker probte und wahrscheinlich überhaupt die erste, die von der Stadt Stuttgart einen Bunker als Übungsraum vermietet bekam. Die vielschichtigen Beziehungen der Akteure dieses Abends zum Hochbunker an der Rosensteinbrücke waren letztlich auch ausschlaggebend für die kombinierte Lesung und Ausstellung. Dass der Veranstaltungsort am gleichen Neckarufer steht wie der Bunker, nur rund 200 m entfernt, setzte einen zusätzlichen Akzent.

Für Gabriele Baumgartner, die Leiterin der Stadtteilbücherei Bad Cannstatt, ist die Veranstaltung eine runde Sache. „Das ist Cannstatter Geschichte zum Anfassen“, sagt sie. Sie hatte bereits eine Veranstaltung im Tiefbunker unter dem Karl-Benz-Platz ausgerichtet. So wäre sie jetzt am liebsten mit der Lesung in den Rosensteinbunker gegangen.

Für die Ausstellung ist freilich die Stadtteilbücherei besser geeignet. Die hohen Räume des ehemaligen Fabrikgebäudes ermöglichen eine problemlose Präsentation auch der Lifesize-Fotos von Jonnie Döbele. Die hatte dieser 1973 im Hochbunker aufgenommen. Als Kunststudent hatte er mitbekommen, dass dort eine Band übt und er wollte Fotos unter Alltagsbedingungen machen. Es war eine Reportagesituation. Die Band hatte ihren Proberaum im ehemaligen Sanitätsraum des Bunkers im oberen Erdgeschoss. Der junge Fotograf stand einfach plötzlich da und begann Bilder zu machen.

Der Schleier des Vergessens

Es folgte eine Geschichte, aus der man Geschichten machen kann: Zu dieser Zeit waren Spratzel Strull im Tonstudio gewesen. Die erste Single war aufgenommen. Die Plattenfirma hatte vier Testpressungen angefertigt. Die hörte man sich an und war entsetzt. Es klang nicht, wie man klingen wollte. Doch die Plattenfirma ging konkurs, der Traum vom eigenen Tonträger platzte. Die Band litt unter persönlichen Problemen und Umbesetzungen und löste sich schließlich auf.

Der junge Fotograf Jonnie Döbele wurde Filmemacher und Dozent der Filmschule StuttgART. Seine Filme lagerten für Jahrzehnte unbeachtet in einem Karton. Inzwischen wurde der Bunker modernisiert, der Proberaum im Sanitätsraum steht nicht mehr zur Verfügung. Stattdessen wurde ein neuer im obersten Stockwerk eingerichtet. Nichts erinnerte mehr an die Begebenheiten in den 70er Jahren im Rosensteinbunker.

Diese Geschichten waren weitgehend vergessen, bis 2009 Hardy Sikler sein Buch über die Geschichte von Spratzel Strull veröffentlichte. Er stellte ein Foto der Band auf dem Dach des Rosensteinbunkers online. Da meldete sich Jonnie Döbele, der seine alten Fotos wieder entdeckt hatte. Zu dieser Zeit recherchierten wir die Geschichte des Rosensteinbunkers. Als wir nun die beiden Künstler fragten, ob wir einen Teil der Fotos aus dem Bunker veröffentlichen könnten, schloss sich der Kreis.

Comeback

Am 06. Mai 2010 stellten die Beteiligten den staunenden und begeisterten Besuchern eine kaleidoskopartige Reise durch die Jahrzehnte vor, beginnend mit einem geschichtlichen Abriss zum Bunker von der Forschungsgruppe Untertage. Norbert Prothmann präsentierte die Geschichte des Bauwerks von 1941 bis heute. Anschliessend las Hardy Sikler aus seinem Buch „Spot on! Mit einer Stuttgarter Band durch die wilden 70er Jahre“ jenes Kapitel, das im Rosensteinbunker spielt. Schließlich erzählte Jonnie Döbele noch die Geschichte der Fotos, die im Bunker entstanden. Der Gitarrist Rainer „Willy“ Bernhardt begleitete den Abend mit Klassikern der Blues- und Rockgeschichte.

Am Ende gab es sogar noch „Euphrat und Tigris“ zu hören. Es wäre die erste Single von Spratzel Strull geworden, die nie einen Tonträger veröffentlichten. Von der einzigen Testpressung, die die Band heute noch besitzt, gibt es mittlerweile wenigstens eine Audiodatei. Die Geschichte des Bunkers finden sie hier.

Die Ausstellung mit den Fotografien von Jonnie Döbele, Original-Plakaten, historischen und aktuellen Fotos vom Rosensteinbunker war von Mai bis September 2010 zu den regulären Öffnungszeiten der Stadtteilbücherei zu sehen.

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