Geheim- und Wunderwaffen und das Kriegsende 1945 im Südwesten


Eine Reihe von Standorten ist verknüpft mit der Entwicklung von Geheim- und Wunderwaffen des 3. Reichs und mit den sich darum rankenden Mythen.

Vor allem in Mitteldeutschland führte die Möglichkeit zur Erforschung von legendenumwobenen Orten nach der Wiedervereinigung zu einer Aufarbeitung der Geschehnisse in den letzten 12 Monaten des 2 Weltkriegs.

Eine Zusammenhängende Darstellung solcher Aktivitäten für Südwestdeutschland fehlt bis heute. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass es keinen Forschungsschub wie in Mitteldeutschland nach 1989 gab. Andererseits gab es im Südwesten eher eine Kontinuität der Aktivitäten und in vielen Fällen waren die mit den neuen Waffen verbundenen Maßnahmen in den letzten Kriegsmonaten im Südwesten meist kleinteiliger und damit auf den ersten Blick weniger Spektakulär.

Während man im Thüringischen Kahla einen ganzen Berg in eine unterirdische Flugzeugfabrik verwandeln wollte, auf dessen flacher Kuppe die fertigen Me 262 starten sollten, hatte man zwischen Leonberg und Schwäbisch Hall ein System dezentraler Fertigungsstätten errichtet, in dem die Flugzeugkomponenten gebaut wurden, die dann in einem Waldlager bei Schwäbisch Hall endmontiert wurden. Die meisten der fertiggestellten Me 262 waren in Schwäbisch Hall endmontiert worden und von dort zu ihren Einsatzflughäfen gestartet. Die Tragflächen wurden im Engelbergtunnel bei Leonberg gefertigt. Dazu wurde in Leonberg extra ein KZ errichtet. In Korntal-Münchingen wurden Komponenten in einem Zeltbetrieb gebaut und nach Leonberg geliefert.

Weitere solcher Waldlager gab es an der A8 Richtung München (Burgau, Leipheim, Horgau) wo die Autobahn als Behelfsflugplatz hergerichtet wurde. Diese Betriebe waren primitive Barackenlager, in denen KZ-Häftlinge das High-Tech-Flugzeug montierten. Bis heute gibt es keine umfassende Literatur darüber.

Für den Einsatz der Me 262 war auch der Flugplatz Großsachsenheim vorgesehen, an dessen Erweiterung mit KZ-Kommandos noch bis kurz vor dem Eintreffen der Alliierten gebaut wurde. In Hailfingen-Tailfingen und anderen Standorten wurden ebenfalls noch 1945 mit KZ-Häftlingen umfangreiche Erweiterungen vorgenommen. Der Flugplatz sollte eine zweite Rollbahn erhalten um die gestiegenen Anforderungen der Nachtjagd zu erfüllen. Unweit davon entstand bei Aidlingen eine moderne Funkfeuer-Anlage, die die Nachtjäger im Einsatz gegen die Bomber leiten sollte.

Auch neue Flugzeugkonzepte sind mit Standorten im Südwesten verbunden. Der Name Jesingens steht untrennbar für den geplanten Ersteinsatz des Raketenflugzeugs „Natter“. Ende Februar 1945 wurden dort unweit der A8 drei von sechs geplanten Startplattformen errichtet. Zum Einsatz der „Natter“ kam es nicht mehr. Die Bauarbeiten verzögerten sich und die Firma Bachem konnte die Flugzeuge nicht rechtzeitig liefern.

Der erste bemannte Flug einer „Natter“ endete am 01. März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Heuberg mit dem Tod des Piloten. Es war der erste bemannte Raketenflug der Geschichte.

In Tamm hatte sich die Möbelfabrik May um einen Auftrag zum Bau von Horten-Nurflüglern beworben. Auch hier führten letztlich fehlende Kapazitäten und Materialknappheit dazu, dass May nur einen Prototypen fertigen konnte, der bis heute die Spekulationen nährt. Die Gebrüder Horten flogen noch bis Kriegsende Testflüge mit Modellen und Prototypen auf dem Tierstein bei Dietingen (Nähe Rottweil).

Die Schwäbische Alb war auch der Zufluchtsort für Teile der Kernforscher des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts. Während Otto Hahn in Tailfingen bis Kriegsende in einer stillgelegten Fabrik Grundlagenforschung betrieb, hatten sich die deutschen Physiker in Haigerloch einen Versuchsreaktor gebaut, in dem sie eine Kettenreaktion auslösen wollten. Sie scheiterten denkbar knapp.

Die Firma Heim in Reutlingen baute in großer Stückzahl Tragflächen für die V1-Flugbombe. Deren Fertigung war zunächst auch das Ziel des KZ Vaihingen-Enz, bis man die im Entstehen begriffene unterirdische Anlage umwidmete und dem Jägerstab zur Me 262-Produktion unterstellte. Ein KZ-Betrieb sollte in dem Steinbruch einen riesigen Fabrikbunker errichten, der jedoch nie fertig wurde.

Diese Beispiele zeigen, dass gegen Kriegsende ein ganzes Netz von Standorten existierte, an denen an neuer Technologie gearbeitet wurde. Doch die Aktivitäten waren extrem zersplittert und in zahlreichen kleinen Ortschaften angesiedelt. Die Geschehnisse wurden dort oft nur noch als vergebliche Versuche einiger Unbeirrbarer wahrgenommen und viele Berichte haben bis heute die lokalen Publikationen kaum verlassen.

Für die Einheimischen lag darin auch ein Stück Kontinuität. In einer Region, in der traditionell kleine und mittlere Betriebe die Wirtschaft prägen, fiel es nicht wesentlich ins Gewicht, wenn eine kriegsbedingt stillgelegte Fabrik, ein Brauereikeller oder ein Bergwerk wieder genutzt wurde. Anders als in Leonberg, Vaihingen und im Raum Heilbronn wo die Rüstungsprojekte entsprechende Lager benötigten, die auch den Alltag der Anwohner veränderten, waren viele mit den neuen Technologien verbundene Aktivitäten noch relativ überschaubar. Ihre historische Bedeutung wurde teilweise kaum wahrgenommen.

Tatsächlich spielten sie für den Kriegsausgang keine Rolle mehr. Nach der Schlacht von Heilbronn brachen die deutschen Fronten im Südwesten zusammen. An der Enz entwickelten sich im April tagelange Kämpfe zwischen deutschen und französischen Verbänden. Ab 21. April 1945 war mit der Räumung des östlichen Enz-Ufers und der Besetzung Stuttgarts der Krieg in weiten Teilen Süddeutschlands vorbei. Wie verzweifelt der Widerstand der in Auflösung befindlichen Wehrmacht war zeigen Beispiele wie der Einsatz von Schulflugzeugen gegen feindliche Verbände und die vergeblichen Versuche, sich am Albaufstieg erneut festzusetzen.

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