Gedenkstein in Althengstett


Am 26.09.2016 wurde in Althengstett der Gedenkstein für Marian Tomczak und Hedwig Zipperer enthüllt. An der Zeremonie nahmen rund 180 Menschen teil, darunter der Bürgermeister von Althengstett, Dr. Clemens Götz, der Landtagspräsident Wilfried Klenk und der polnische Generalkonsul Andrzej Osiak, sowie Angehörige beider Familien.
Der Gedenkstein wirft ein Schlaglicht auf ein Kapitel, das zum Kriegsalltag genauso gehörte wie zur „Heimatfront“, das aber häufig nicht so exponiert aufgearbeitet wird wie in Althengstett.

Schon bald nach dem Machtantritt des NS-Regimes begann sowohl die propagandistische Vereinnahmung des Bauernstandes als auch eine erhebliche Einmischung der Politik in die Landwirtschaft mit dem Ziel, die Produktion zu erhöhen.

1936 erschien die inhaltliche Zusammenfassung der Lehrschauen der „3. Reichsnährstands-Ausstellung“ in Frankfurt am Main unter dem Titel „Der Bauernhof in der Ernährungsschlacht“. Die landwirtschaftliche Erzeugung wurde zum Kampf stilisiert, jeder Bauernhof zu einer Einheit an einer „Front“, die die Ernährung und damit die Zukunft des Deutschen Volkes sichern sollte.

Dass es mit dieser „Ernährungsschlacht“ nicht so weit her war wie die Propaganda glauben machen wollte, zeigte sich 1938, als die Massen von Bauarbeitern am Westwall dramatische Versorgungsengpässe in den Rheingebieten verursachten, die vor allem die Versorgung der einheimischen Bevölkerung mit Fleisch betrafen.

Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs spitzte sich die Situation weiter zu. Hatte schon zu Friedenszeiten die boomende Industrie die Jugend vom Land in gut bezahlte Stellen gelockt, so zog nun die Wehrmacht weitere wehrfähige Männer aus den Dörfern ab, doch gleichzeitig stieg auch ihr Bedarf nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Die Produktion der deutschen Landwirtschaft hinkte hinter der Propaganda und der rapide steigenden Nachfrage her. Doch die NS-Führung erinnerte sich sehr genau der Hungerjahre des 1. Weltkriegs, die die Moral der Bevölkerung letztlich gebrochen hatten. Dies sollte sich unter keinen Umständen wiederholen.

Als ab September 1939 polnische Kriegsgefangene nach Deutschland kamen führte man diese in großem Maße auch der Landwirtschaft zu. Sie hatten einen erheblichen Teil der „Erzeugungsschlacht“ zu kämpfen. Für Althengstett wurden 51 polnische Zwangsarbeiter ermittelt, die während des Krieges in der Landwirtschaft vor Ort eigensetzt waren.

Entsprechend der Rassenideologie des Nationalsozialismus gab es für Einsatz, Unterbringung und Behandlung der Zwangsarbeiter klare Vorschriften. Sie waren separat von Deutschen unterzubringen, sollten ihr Essen separat einnehmen und Kontakt war auf das Nötigste zu beschränken.

Es liegt auf der Hand, dass solche Vorschriften in vielen bäuerlichen Betrieben gar nicht praktikabel waren und so sind zahlreiche Beispiele überliefert, wo Bauern trotz der drohenden ernsten Konsequenzen die Vorschriften ignorierten und die Zwangsarbeiter in den Betrieb weitgehend integrierten. Und es blieb nicht aus, dass sich zwischen den oft jungen Männern und einheimischen jungen Frauen Beziehungen entwickelten, die als „Rassenschande“ freilich mit dem Tod bedroht waren.

Zwischen Marian Tomczak und Hedwig Zipperer entwickelte sich eine solche Beziehung. Sie fand im August 1942 mit der öffentlichen Erhängung Marian Tomczaks durch ein Stuttgarter Gestapo-Kommando ihr brutales Ende. Die schwangere Hedwig Zipperer wurde in das KZ Ravensbrück deportiert. Sowohl sie als auch das gemeinsame Kind überlebten den Krieg.

Am damaligen Tatort wurde nun ein Gedenkstein für das Paar gesetzt, dessen einziges „Verbrechen“ darin bestanden hatte sich zu lieben. Der Stein erinnert auch daran, dass dieses Thema bis heute nur in geringem Umfang untersucht wurde und es kaum verlässliche Zahlen zu solchen Todesurteilen gibt.

Die Gemeinde Althengstett  war 1938 zu einem Munitions- und Gerätelager für die Flakstellung auf der Hochfläche nordwestlich Heumadens geworden, die zur Luftverteidigungszone West gehörte. Noch immer sind mehrere der zugehörigen Lagergebäude erhalten. 1944 wurde Althengstett in die Pläne zur Verlagerung von kriegswichtiger Produktion einbezogen. Daimler-Benz hatte 1945 bereits Maschinen zum Forsttunnel gebracht, wo die Produktion von Motoren vorgesehen war, jedoch nicht mehr begann.

Über die Zahl vollstreckter Todesurteile an Zwangsarbeitern, die eine Beziehung mit einer deutschen Frau eingingen gibt es nur unvollständige Angaben. Für Württemberg-Baden sind ca. 110 Fälle bekannt. In Bayern wurden mindestens 60 polnische Zwangsarbeiter aus diesem Grund hingerichtet.

Eine Dokumentation zu Althengstett im Nationalsozialismus ist derzeit in Arbeit und wird 2016 erscheinen.

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