Ausgrabung Privatstollen

2006 erhielten wir eine ungewöhnliche Anfrage. Ein Hausbesitzer aus Stuttgart berichtete von einem verzweigten Kriechstollen unter seinem Grundstück. Die Dimensionen des offenbar nur auf allen vieren begehbaren Relikts aus dem zweiten Weltkrieg schienen ungewöhnlich.

Allerdings konnte der Stollen nicht ohne weiteres besichtigt werden.

Bereits die Vorbesitzer hatten die Anlage teilweise mit Bauschutt und den Abfällen von Renovierungsarbeiten verfüllt. Nachdem unser Kontakt das Gebäude übernommen hatte, ließ er sich zunächst von dieser Entsorgungsvariante inspirieren.

Im Laufe der Zeit kamen ihm allerdings Zweifel. Interesse an der Geschichte seines Hauses tat ein Übriges. Er suchte eine Möglichkeit, den mühsam in den Stollen hineingeschafften, gepressten und festgetretenen Schutt wieder herausholen zu können.

Die Aufgabe klang zunächst nicht unlösbar. Der Zugang liegt im Keller des Gebäudes, von dort geht es ca. 10 m in Richtung Berg. Dort gibt es eine Verzweigung nach rechts unten und geradeaus.

Bis hierher und noch ein paar Meter weiter geradeaus ist der Stollen links, rechts und nach oben mit Beton-Elementen ausgeschalt. Der Abzweig nach unten führt direkt in den Stuttgarter Mergel und war offenbar nur noch mit Holz verschalt, z.T. offenbar gar nicht.

Zunächst räumten wir den geraden Gang. Nach weiteren 4 m endeten die Betonplatten und der Stollen führt weiter ins bloße Erdreich. Wegen Materialeinbruchs an der linken Seite wurde entschieden, hier nicht weiter zu graben.

Was würde der Rechte Weg bringen? – Nach einigen Eimern war der Gang nach unten endlich frei. Ca. 1,5 Höhenmeter tiefer war die Sohle der Fortsetzung erreicht, die in ca. 70° nach links weiterführt. Es schließt sich ein kurzer Gang mit angenehmer Deckenhöhe von 1,20m an, der in einen größeren Raum mit eingebrochener Decke führt. Die ehemalige Holzverschalung war beidseitig noch vorhanden aber zerbröselt. Wir fanden mehrere stark verrostete Metallteile (Kleiderhaken, Nägel, ein Scharnier). Nach dem Raum ging es nochmals 2-3 m. um die Kurve nach links, dort wurde zu Erbauungszeiten der Vortrieb eingestellt, man konnte noch die Bohrlöcher in Deckenhöhe sehen. Insgesamt wurde der Stollen auf eine Länge von ca. 35m freigelegt und von Bauschutt befreit.

Da wir den Gesamtverlauf der Stollen trotz eines ganzen Tags Arbeit noch nicht endgültig einschätzen konnten, gab es Anfang 2008 eine zweite Aktion. Diesmal war es das Ziel, den geradeaus führenden Stollen weiter zu untersuchen, und den Raum, dessen Decke eingebrochen war. Mit der zweiten Aktion konnten wir die freigelegte Stollenstrecke auf rund 50 m erweitern.

Auch nach dieser zweiten Aktion ist der ursprüngliche Stollen noch nicht komplett freigelegt. Die Prüfung des Erdreichs ergab, dass es noch weiterging. Allerdings ist dieser Teil komplett verschüttet, so dass ohne zunehmenden Aufwand hier keine Erfolge mehr erzielbar sind. Der Stollen diente wohl als Fluchstollen, um im Falle eines Volltreffers auf das Haus aus dem Luftschutzraum im Keller herauszukommen. Der Ausstiegspunkt muss demzufolge irgendwo im eigenen oder im Nachbargrundstück liegen. Er wurde aber bis heute nicht gefunden.

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