Projekt Heilbronner Strasse

Der Hinweis kam von einer Mitarbeiterin der DB Stuttgart-Ulm Projekt GmbH im Spätherbst 2014. Der ehemalige Luftschutzstollen unter der Heilbronner Straße war im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 untersucht worden. Ein Teil der bereits 1939 erstellten Anlage war von den Baumaßnahmen der Bahn nicht betroffen. Der Stollen ist in einem hervorragenden Erhaltungszustand und sogar mit elektrischem Licht ausgestattet. Durch eine örtliche Besonderheit ist er quasi klimatisiert: Neben dem Stollen liegen Fernwärmeleitungen der EnBW. Sie heizen den Stollen im Winter mit und halten ihn so trocken. Wenn es im Sommer draußen warm ist, ist die Fernwärmeleitung nicht in Betrieb, dann ist der Stollen kühl.

Ein Luftschutzstollen am Hauptbahnhof

Die Luftschutzanlage führte einst vom Vorplatz des Nordausgangs am Hauptbahnhof zum Güterbahnhof und hatte eine Gesamtlänge von 150 m. Sie ist heute in zwei Teile geschnitten, von denen jeder Teil zwei intakte Zugänge aufweist. Die Trennung erfolgte beim Bau des U-Turn vor dem Gebäude der ehemaligen Bahndirektion, auch „Autotunnel Güterbahnhof“ genannt. Für diesen Autotunnel war die Stollenanlage von oben her angeschnitten worden. Unter der Fahrbahn existiert noch eine Verbindung der beiden Stollensegmente die ca. 1,60 m hoch ist.

Das Stollensegment südlich des U-Turns ist als Lagerraum vermietet. hier mündete auch einst der Luftschutzstollen der Reichsbahndirektion, der nach dem Abbruch des Gebäudes teilverfüllt wurde. Er befindet sich noch immer im Besitz der Bahn. Die Einmündung in den Stollen Heilbronner Straße wurde vermauert.

Das nördliche Stollensegment diente der Stadt Stuttgart jahrelang als Aktenlager und steht inzwischen komplett leer. Es wird durch die Bauarbeiten für Stuttgart 21 nicht tangiert. Unser Interesse war geweckt. Sollte man diese Räumlichkeit der Öffentlichkeit zugänglich machen können? – Wenn ja wie? – Und in welcher Form?

Was sollen wir tun?

Wir hatten die Planunterlagen erhalten und Fotos der Anlage. Wir beschlossen eine Projektgruppe aufzusetzen, die sich mit Möglichkeiten der Präsentation und allen damit verbundenen Aspekten beschäftigen sollte. Die Projektgruppe bestand aus Mitgliedern unseres Vereins, aber auch aus Freunden des Vereins, die ihre Expertise einbrachten. Für einen themenbezogenen gemeinnützigen Verein mit einer überschaubaren Größe sind solche Freunde von unschätzbarem Wert.

Bis zur Mitgliederversammlung des Vereins im Februar 2015 sollte die Projektgruppe Beschlussvorlagen liefern, auf deren Grundlage der Verein entscheiden konnte, sich für das Projekt weiter zu engagieren oder die Sache nicht weiter zu verfolgen. Eine klare Vorgabe war auch die Personalplanung. Aktivitäten in der Heilbronner Straße sollten die Betreuung des Luftschutzstollens in Bietigheim nicht dadurch gefährden, dass für Bietigheim keine Helfer mehr zur Verfügung stehen.

Im Dezember 2014 hatte die Projektgruppe zwei Varianten diskutiert:
1. Ein Bunkermuseum am Hauptbahnhof
2. Eine sporadische Präsentation der Anlage z.B. bei der Langen Nacht der Museen.

Wir dachten an die langen Schlangen, die sich Jahr für  Jahr in der Nacht der Museen auf dem Marktplatz bildeten, weil die Menschen das ehemalige Bunkerhotel besichtigen möchten. Eine weitere Anlage in der Innenstadt könnte die Situation entzerren, die Museumslandschaft in Stuttgart bereichern und auch der Geschichte der Stadt eine weitere Facette hinzufügen. Solche Bunker waren nicht so selten. Und es gab nicht nur die Bunker mit ihren Zimmerchen wie man sie in Feuerbach und eben unter dem Marktplatz besichtigen kann, es gab auch langgezogene Betonstollen. Ab 1944 sparte man sich den Beton und grub die Stollen ins Erdreich.

Meinungsfindung

Ein Bunkermuseum würde uns überfordern. Für eine regelmäßige Öffnung ist unser Verein zu klein. Ein erstes Telefonat mit dem Baurechtsamt ergab weiteren Gesprächsbedarf. Für einen musealen Betrieb mit Publikumsverkehr müssten Toilettenräume zur Verfügung stehen. Solche gab es zwar dereinst im Stollen, sie sind jedoch nicht mehr vorhanden. Heutigen Standards würden die damaligen Toiletten auch nicht genügen.

Die Projektgruppe beschließt ein Konzept für Option 2 zu erarbeiten und damit zum Baurechtsamt zu gehen.

Anfang Februar 2015 ist das Konzept fertig. Auf 15 Power-Point-Folien wird ein Event-bezogenes Ausstellungskonzept beschrieben, das ohne bauliche Eingriffe in das Bauwerk auskommt, den Besucherstrom durch das Bauwerk festlegt, damit auch Ein- und Ausgang definiert und das ggf. um ein paar wenige Großexponate erweitert werden könnte, wie etwa eine Lore, wie sie beim Stollenbau verwendet wurde oder auch einen entschärften Blindgänger aus dem Fundus des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Den Grundstock der Ausstellung sollten jedoch laminierte Tafeln und andere bewegliche Exponate stellen, die auch nicht zwangsläufig im Stollen eingelagert werden müssten.

Verschiede Abschnitte sollten thematisch gegliedert werden:
– Bau des Stollens 1939
– Weitere Luftschutz-Anlagen in der Umgebung, etwa Hindenburgplatz, Wagenburgtunnel
– Hauptbahnhof und Innenstadt im 2. Weltkrieg
– Zivilschutzanlagen beim Hauptbahnhof im Kalten Krieg
Mit dem Konzept gehen wir zum Baurechtsamt.

Der Weg durch die Instanzen

Es zeigt sich, dass die Variante „Bunkermuseum“ seitens des Baurechtsamts einige Auflagen nach sich ziehen würde, die diese Variante vollkommen ausschließen. Die Variante 2 stößt beim Baurechtsamt auf keine Ablehnung. Eine sogenannte „geringfügige Nutzung“, bei der die Besucher durch das Bauwerk geführt werden und dort nicht unbestimmte Zeit verweilen können ist aus Sicht des Amtes möglich. Die Nutzungsdetails sind nun mit dem Eigentümer der Immobilie zu klären, eventuelle Veranstaltungen jeweils einzeln beim Amt für öffentliche Ordnung anzumelden.

Auf der Mitgliederversammlung wird der Stand des Projektes vorgestellt. Die Machbarkeit ist ausreichend erarbeitet. Es gibt sogar ein Empfehlungsschreiben der DB Stuttgart-Ulm Projekt GmbH, die als Eigentümerin des teilverfüllten Nachbarstollens das Vorhaben unterstützt. Soll nun also der Vorstand mit den vorliegenden Ergebnissen den Antrag beim Besitzer des Stollens stellen, um die Anlage sporadisch der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen? Die Mitglieder stimmen dafür. Der Hausherr ist das Liegenschaftsamt der Stadt Stuttgart.

Die Projektgruppe möchte zunächst noch die Stellungnahme der Bezirksbeirätin einholen und schreibt diese an. In einer höflichen Antwort verweist sie darauf, dass die Entscheidung beim Liegenschaftsamt liegt. Bedingt durch Urlaube und berufliche Auslastung der Vereinsmitglieder ist es inzwischen Juli. Der Vorstand schreibt an den Leiter des Liegenschaftsamtes, Thomas Zügel.

Von dort kam mit Datum vom 14. August 2015 eine Absage. Wir würden unser Konzept leider nicht umsetzen und die Anlage nicht der interessierten Stuttgarter Bevölkerung präsentieren und erklären können.

Doch nach der Sommerpause gingen die Gespräche weiter. Innerhalb der Projektgruppe überwog zunächst die Ernüchterung. Die Entscheidung eines Amtsleiters ist in erster Linie verbindlich. Dennoch wollten sich nicht alle geschlagen geben. Über den Kontakt zu Mitarbeitern des Liegenschaftsamtes wollten sie noch einmal den Dialog suchen. Mögliche Gründe für die Absage im Konzept suchen, ggf. Nachbesserungen anbieten.

Inzwischen war es Herbst geworden. Das Projekt hatte auf keiner Seite Priorität, aber es köchelte weiter. Im Oktober erhielten wir die überraschende Nachricht: Es solle einen Ortstermin geben. Wir sollten  dem Liegenschaftsamt in den Räumlichkeiten unser Konzept erläutern.

Der Ortstermin verlief sehr positiv. Fragen, Antworten, Begehung, Ausschlusspunkte, Kostenaspekte, ein paar bauliche Änderungen, das Sicherungsrecht der Bahn, das noch für die Dauer der Bauzeit von Stuttgart 21 hineinspielt. „Ja, dann haben wir ja alles geklärt. Dann bereiten wir eine Nutzungsvereinbarung vor.“

Sektkorken

Es folgten noch ein paar Telefonate und Emails um Details abzuklären, dann kam der Entwurf der Nutzungsvereinbarung im Dezember per Post. Nun musste sich der Verein damit einverstanden erklären, dem Entwurf zustimmen, um letztlich die vom Amt unterschriebene Nutzungserklärung zu erhalten. An Heiligabend 2015 fand sich diese im Briefkasten.

Im Januar 2016 nahmen wir den Kontakt mit Lift auf und führten eine erste Begehung mit deren Team durch. Unser Ziel war es, den Stollen in der Langen Nacht der Museen am 02. April 2016 zeigen zu können. Die Stadt stimmte zu, das Team von Lift war begeistert und nachdem die letzten organisatorischen Hürden genommen waren erfuhr die Anlage bei der „Langen Nacht“ eine rauschende Premiere.

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