Bismarckturm

Otto von Bismarcks Rolle bei der Reichsgründung im Januar 1871 führte vor allem im konservativ-bürgerlichen und studentischen Umfeld zu einer übersteigerten Verehrung und schließlich zu einem regelrechten Kult. Die Verherrlichung Bismarcks schuf eine Identifikationsfigur, die als nationaler Gegenpol gegen den rein monarchistischen Ansatz der Hohenzollern fungierte.

In den acht Jahren zwischen seiner Absetzung als Reichskanzler und seinem Tod arbeitete Bismarck an seinem Mythos und meldete sich regelmäßig mit Kritik an der kaiserlichen Politik zu Wort. Vor allem bürgerliche, völkisch-national denkende Zeitgenossen, darunter auch zahlreiche Journalisten, stilisierten ihn zum entscheidenden Faktor der deutschen Einheit.

Zu seinen 80. Geburtstag verliehen ihm 394 Ortschaften die Ehrenbürgerschaft und über 300 Bismarck-Vereine wurden gegründet. Bismarck wurde zu einem politischen Popstar Deutschen Reiches, dessen Verklärung nach seinem Tod am 30.07.1898 sich vollends verselbständigte, allerdings auch stark deutschtümelnde Züge annahm.

Vom Gedenken zur Feuersäule

Vor allem in Studentenkreisen wurde Bismarck mit Germanischen und Deutschen Mythen in Zusammenhang gebracht und als „Abgott der deutschen Jugend“ tituliert, oder als „größter Deutscher“. Mit verbalen Superlativen wollte man sich freilich nicht zufrieden geben und so bildete sich eine Initiative heraus, die Deutschland mit einheitlichen Bismarck-Denkmäler überziehen wollte, die sein Andenken quasi allgegenwärtig machen sollten.

Am 03.12.1898 wurden in Hamburg die ersten Beschlüsse gefasst. So sollten „Bismarck-Feuersäulen“ entstehen, auf denen man zu seinem Gedenken Feuer entfachen konnte. Der studentische Gedenktag wurde auf den 21.06. (Sommersonnenwende) gelegt.
In der Folgezeit wurde das Konzept weiter ausgearbeitet. Die Säulen sollten typisiert sein, und die Kosten für eine 10 m hohe Säule sollten nicht höher als 20.000 Mark betragen. Da mit diesem Limit keine Aussichtsplattform finanziert werden konnte sollte darauf verzichtet werden.

Beim Wettbewerb für den Gestaltungsentwurf wurden 317 Entwürfe eingereicht. Am 21./22. April 1899 nahm das Preisgericht auf der Wartburg in Eisenach 30 Entwürfe in die engere Wahl, die besten 10 wurden ausgezeichnet.

Der Gewinner war der Entwurf „Götterdämmerung“ von Wilhelm Kreis. Zwischen 1869 und 1898 waren bereits 15 individuelle Bismarcktürme errichtet worden. Insgesamt entstanden 184 Bismarcktürme, wovon 2014 noch 146 erhalten waren. Ihre Finanzierung und Errichtung war in erster Linie eine studentische Initiative, der sich insbesondere bürgerliche Geldgeber angeschlossen hatten.

„Götterdämmerung“ in Stuttgart

In Stuttgart startet die Initiative zum Bau einer 20 m hohen Bismarcksäule nach dem Entwurf „Götterdämmerung“ mit Aussichtsplattform Anfang 1899. Initiatoren waren Studenten der Technischen Hochschule und der kgl. Tierarzneischule. Das Grundstück am Gähkopf stellte die Stadt kostenlos zur Verfügung. Bis 1904 war genug Geld für den Bau gesammelt worden. Nach drei Monaten Bauzeit konnte die Säule am 16.07.1904 eingeweiht werden.

Die Mauern sind bis zu 1,13 m dick. Auf der Seite zur Stadt hin (Südseite) wurde ein Reichsadlerrelief angebracht. Die Treppe zur Aussichtsplattform hat 92 Stufen. Auf den Turm wurde eine quadratische Feuerschale gesetzt, deren Flammen 3-5 m hoch werden konnten.

Wasser, Flak und Schließung

Bis 1914 gab es am Turm zur Sommersonnenwende eine Bismarckfeier. Während des 1. Weltkriegs war am Gähkopf eine Flak zum Schutz der Stadt Stuttgart stationiert.
1928 wurde ein Wasserbehälter mit 25 Kubikmetern eingebaut, und die Feuersäule zum Wasserturm. Im Bereich Feuerbacher Heide / Mühlbachhof waren bereits im 19. Jahrhundert Einrichtungen der Wasserversorgung installiert worden, um die benachbarten Höhenlagen entsprechend abdecken zu können.

Im April 1941 wurde die Feuerschale entfernt. Seit Kriegsbeginn war am Mühlbachhof eine Stellung der Schweren Flak eingerichtet worden, und die Luftwaffe hatte begonnen, die exponierte Lage des Gähkopfes erneut für die Luftverteidigung zu nutzen.

Im Bismarckturm wurde ein Beobachter für die Flak postiert. Auch ein kleiner Luftschutzstollen wurde direkt beim Turm für die Luftwaffenangehörigen geschaffen. Im April 1941 wurde die Feuerschale auf dem Dach entfernt. 1944 wurde der Wasserbehälter Mühlbachhof mit 2.000 Kubikmetern Inhalt durch Bombentreffer völlig zerstört. Der Bismarckturm überstand den Krieg hingegen weitgehend unbeschadet.

In den 1950er Jahren wurde der Turm geschlossen. Daran änderte auch ein erste Fassadenrenovierung 1958 und eine weitere in den 1980er Jahren nichts. 2001- 2002 wurde der Turm erneut saniert, dabei wurde das obere Drittel abgenommen und nach erfolgter Konservierung und Austausch mehrere Steine wieder aufgesetzt. Am 18.09.2002 wurde der Turm wieder eröffnet und ist seither für die Öffentlichkeit wieder zugänglich.