Gesprengte Aussichtstürme

Der Bombenkrieg hatte nicht nur Schäden durch Trefferwirkung zur Folge sondern führte auch zu sogenannten präventiven Maßnahmen. Je länger der Krieg dauerte, je verheerender die Luftangriffe wurden, desto radikaler wurden auch die Gegenmaßnahmen. Als man erkannte, dass die weiße Grundierung der Rotkreuzmarkierungen auf den Krankenhausdächern feindlichen Fliegern bei der Orientierung half, wurde die Grundierung übermalt.

Zu den drastischen Mitteln im Abwehrkampf gegen feindliche Bombenangriffe gehörte auch die Zerstörung zweier markanter Bauwerke, die auf den Höhenzügen am Rande des Stuttgarter Talkessels standen. Die Aussichtstürme am Hasenberg und in Degerloch.

Bis zum Mai 1942 hatte Stuttgart noch relativ viel Glück. Luftangriffe auf die Stadt schlugen fehl oder verursachten relativ geringe Schäden. Am 05. Mai 1942 erreichten 34 britische Bomber die Stadt. In Zuffenhausen und Bad Cannstatt starben 13 Menschen, 37 wurden verwundet.

Am 22. November 1942 trafen 191 britische Bomber beim Angriff auf Stuttgart den Hauptbahnhof und seine Umgebung schwer und richteten in Vaihingen, Möhringen und Rohr schwere Schäden an.

Am 11. März 1943 traf ein Angriff von 279 britischen Bombern Vaihingen, Kaltental und das südliche Stadtgebiet. Wie man heute weiß, waren die getroffenen Gebiete mehr Zufall als exakte Planung. Die Piloten hatten das verdunkelte Stuttgart gefunden, und mehr oder minder irgendwo abgeworfen. Dass es die südlichen Stadtteile und die Filderorte traf statt die Industriezentren im Norden, bzw. die Innenstadt entsprach der damaligen Treffergenauigkeit solcher Nachtangriffe.

Die immer verheerender und genauer werdenden Bombardements führten auf deutscher Seite zu der Einschätzung, dass die Aussichtstürme in Degerloch und auf dem Hasenberg den feindlichen Flugzeugen die Orientierung erleichtern könnten. Angeblich sollen sich Angehörige einer in Gefangenschaft geratenen Bomberbesatzung entsprechend geäußert haben. Die Aussage ist aber nicht belegt, und sie dürfte auch kaum den Tatsachen entsprochen haben. Es liegt nahe, dass diese Aussage lanciert wurde, um der Bevölkerung die Zerstörung der beliebten Aussichtstürme als notwendig darzustellen.

Nach einem ersten missglückten Versuch wurde der Hasenbergturm am 24. März gesprengt. Am 20. April erfolgte die Beseitigung des Degerlocher Turms.

Hasenberg

Der Hasenbergturm wurde vom Verschönerungsverein Stuttgart errichtet. 1870 hatte man den Beschluss gefasst, am 6. März 1879, wurde der Grundstein gelegt. Es war der 56. Geburtstag von König Karl. Am 15. August 1879 konnte die Einweihung gefeiert werden. Es war der erste Aussichtsturm in Stuttgart.

Der Fuß des Turms steht 456 m über dem Meer. Er war 36 m hoch und hatte einen Durchmesser von 5,7 m. Im Innern führten 184 Stufen nach oben.

Optisch war der runde Turm an spätromantische Burg- und Schlosstürme angelehnt. Die Aussicht war grandios „das blaue Band der Schwäbischen Alb mit den 3 Kaiserbergen Staufen, Stuifen, Rechberg, der Teck, Neuffen, Hohenzollern bis zum Plettenberg, Teile des Schwarzwaldes, im Norden der Odenwald mit dem Katzenbuckel und im Osten der Schwäbische Wald war zu sehen“ schreibt der Verschönerungsverein auf seiner Homepage über das Bauwerk.

Die exponierte Lage ließ den Turm schon zu Beginn des 1. Weltkriegs in den Fokus der Militärs rücken. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte der Württembergische Landesverband des Deutschen Luftflottenvereins damit begonnen an bestimmten Punkten Beobachtungsposten aufzustellen, die feindliche Flugzeuge melden sollten. Bald schon wurde die Beobachtung gegen feindliche Flugzeuge über die Oberämter organisiert und koordiniert. Die Beobachter wurden zu Flugwachen. Diese nutzten in vielen Fällen auch Aussichtstürme, da diese ja oft dort errichtet waren, wo die beste Sicht ins Land gegeben war. So wurde ab Oktober 1915 auf dem Hasenbergturm eine Flugwache stationiert. Sie bestand aus einem Unteroffizier und sechs Mann. Es war die einzige Flugwache im Stadtgebiet.

1917 wurde die Flugwache auf dem Hasenberg aufgegeben. Man hatte die Flugwachen nun in zwei Ringen um die Stadt gelegt. Die westlichsten lagen bei Herrenberg und Calw. Den Nordwesten deckte Flacht ab, den Norden Hohenasperg. Im Süden gab es eine Flugwache in Plattenhardt.

Auf alten Bildern und Ansichtskarten ist der Hasenbergturm von weitem zu sehen. Allerdings sind diese Darstellungen entweder im Blick nach oben (aus der Stadt heraus) entstanden, oder von einer Anhöhe am anderen Ende der Stadt als Panorama. Aus der Luft war die Sichtbarkeit weniger spektakulär. Die unterstellte Orientierungshilfe bei Nacht kann als minimal angesehen werden. Dennoch wurde das Bauwerk gesprengt. Nur ein zweigeschossiger Turmstumpf  blieb stehen.

Der Verschönerungsverein versuchte in den 1950er-Jahren zunächst eine Entschädigung zum Wiederaufbau des Turmes zu bekommen, jedoch vergeblich. Im Laufe der Zeit stellte sich dann die Erkenntnis ein, dass mit dem aus den Trümmern der Stadt aufgeschütteten Birkenkopf ein besserer und höherer Aussichtspunkt entstanden ist. Seither bewahrt und erhält der Verein den Turmstumpf als Mahnmal gegen den Krieg.

Degerloch

1885/86 erbaute der Degerlocher Ziegeleibesitzer Karl Kühner an der Ecke Hainbuchenweg/Nägelestraße (bis 1938: Turmstraße) den Degerlocher Aussichtsturm. Zuvor hatte Kühner mit dem Esslinger Maschinenfabrikanten Emil von Kessler die Filderbahngesellschaft gegründet, die 1884 die Zahnradbahn baute.

So war es logisch, dass Kühner an seinem Aussichtsturm auch eine Haltestelle der Zahnradbahn haben wollte, die 1886 fertiggestellt wurde. Zahnradbahn und Turm zeugten vom wirtschaftlich aufstrebenden Luftkurort Degerloch, der 1908 nach Stuttgart eingemeindet wurde. Die Haltestelle hieß noch 1930 Turm-Straße.

Architektonisch war der Turm ein typisches Bauwerk seiner Zeit mit spätromatischer Burgturm-Optik und Anleihen an verschiedenen Stilen. Auch dieser Turm war nachts wenig geeignet, hoch fliegenden Flugzeugen das Auffinden einer völlig verdunkelten Stadt unter Wolken und Nebel zu finden.

Die militärische Sinnlosigkeit dieser Maßnahmen zeigte sich  bei den kommenden Luftangriffen auf Stuttgart. Am 06. September 1943 flogen die Amerikaner den ersten Tagangriff auf Stuttgart und verursachten schwere Schäden im Bereich Kanzlei-, Breitscheid-, Falkert-, Rosenberg-, Schwabstraße. Die Sprengung der Aussichtstürme hatte nicht verhindern können, dass die Bomber ihr Ziel sehr genau trafen. Bei den Angriffen im Juli und September 1944 wurden die Stuttgarter Innenstadt und der Westen weitgehend zerstört.

Ob die Aussichtstürme den Krieg letztlich überstanden hätten ist ungewiss. Die Zerstörung durch die SS tilgte aber zwei markante Bauwerke, die wegen ihrer exponierten Lage noch heute das Bild der Stadt beeinflussen würden.