Martinskirche LS-Rettungsstelle

Mit der Aufsiedlung im Bereich des heutigen Nordbahnhofsviertels entstand die evangelische Martinsgemeinde. Seit 1889 hatte sie in der Martinskapelle in der Martinstraße ein eigenes Gotteshaus mit ca. 450 Sitzplätzen. Mit dem zügigen Wachstum der beiden Siedlungen „Postdörfle“ und „Eisenbahndorf“ stieg auch die Zahl der Gemeindemitglieder, die sich zwischen 1892 und 1905 auf 9.500 Mitglieder mehr als verdreifachte.

So entstand der Beschluss zum Bau einer neuen Kirche. Als Standort wurde die Eckartstraße bestimmt. Es dauerte allerdings bis 1937, bis die neue Kirche mit 1000 Sitzplätzen eingeweiht werden konnte. Architekt Karl Gonsner entwarf ein flexibles Konzept für verschiedene Nutzungen: Er fügte quer zum Hauptschiff einen Anbausaal an, der sowohl als Erweiterung des Kirchenraums nutzbar war, als auch für eine separate Nutzung abgetrennt werden konnte. Kirchsaal und Anbausaal wurden mit voneinander unabhängigen Zugängen ausgeführt.

Gonsner musste auch den Veränderungen des Zeitgeistes Rechnung tragen. Die seit 1933 erlassenen und ständig erweiterten Bestimmungen zum zivilen Luftschutz führten dazu, dass im Kellergeschoß der Kirche eine Luftschutzrettungsstelle für das 16. Luftschutzrevier eingeplant und gebaut werden musste, die ebenfalls 1937 fertiggesellt wurde.

Der Zugang zur Rettungsstelle liegt in einem Nebeneingang, der keinen Zugang zum Kirchengebäude ermöglicht, sondern direkt über eine Treppe ins Untergeschoß führt. Dort gelangte man über eine Gasschutzschleuse in die Räume der Rettungsstelle, die dem Grundriss der Kirche entsprechend zunächst hintereinander angelegt waren, um dann unter dem Anbausaal in einen Quertrakt zu münden. Von dort gab es einen Ausstieg in das Kirchengebäude über eine enge Treppe, die nicht zum Transport von Liegen geeignet ist, sowie den eigentlichen Ausgang aus der Rettungsstelle über eine geräumige Gasschutzschleuse.

Die Rettungsstelle wurde 15. September 1939 von den Technischen Beiräten der Stadt Stuttgart besichtigt. Der Ortstermin war Teil einer Informationsbegehung zum Zustand des Zivilen Luftschutzes die die Beiräte auch in die Luftschutzanlagen des Rathauses unter dem Pierre-Pflimlin-Platz, des Neuen Schlosses (Stollen und Luftschutzrettungsstelle), der Handwerkskammer in der Jägerstraße und des Güterbahnhofs (Stollen unter der Heilbronner Straße) führte.

Bei den Luftangriffen auf die Innenstadt und das Nordbahnhofsviertel 1944 wurde die Martinskirche weitgehend zerstört. Die verbunkerte Rettungsstelle überstand die Angriffe. Bis 1950 konnte auch die Kirche wieder aufgebaut werden.

Die Räume der Rettungsstelle wurden teilweise als Lagerraum und für andere Bedarfe der Gemeinde genutzt. Bis vor wenigen Jahren hatte die Gemeinde allerdings wenig Interesse an der Geschichte der Rettungsstelle. Die verordnete und ungeliebte Sondernutzung des Untergeschosses, wiewohl sie nur medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung diente, war zu negativ behaftet. Mit der Öffnung der Kirche auch für nicht-kirchliche kulturelle Veranstaltungen änderte sich der Blickwinkel, und die Räume der Rettungsstelle konnten auch für solche Events genutzt werden.

Mit dem im Januar 2019 gefassten Beschluss zu Sanierung und Umbau der Martinskirche wurden auch Ideen zur Zukunft der ehemaligen Rettungsstelle diskutiert. Da die Kirche zum dauerhaften Standort der Jugendkirche werden soll, würde sich ein Bistro in der ehemaligen Rettungsstelle anbieten. Die Sanierung der Kirche soll 2021 abgeschlossen sein.