Schlotwiese

Die Schlotwiese ist in Zuffenhausen heute vor allem bekannt als Naherholungsgebiet, Kleingartenanlage und Sportpark. Ihre wechselhafte Geschichte reicht aber bis in die Zeit vor der Industrialisierung Zuffenhausens zurück.

1715-1720 war dort ein herzogliches Jagdschlösschen mit Nebengebäuden errichtet worden. 1819 wurde es abgebrochen und das Gelände an die Evangelische Brüdergemeinde Korntal verkauft, die dort eine sog. „Kinderrettungsanstalt“ für arme und verwahrloste Kinder einrichtete. Ab 1833 waren in der Anstalt ca. 40 Kinder bis zu 6 Jahren untergebracht.

Die Anstalt produzierte unter tätiger Mitwirkung der Kinder die sogenannte Schlotwieser Seide in 17 Farben. Dazu wurden 20.000 – 25.000 Seidenraupen gehalten. 1836 wurde das sogenannte Seidenhaus gebaut, das nunmehr 5.000 – 6.000 Maulbeerpflanzen beherbergte, um 100.000 Seidenraupen zu ernähren. Dieses Gebäude exisitierte noch bis in die frühen 1940er Jahre.

Vom Kinderheim zum Sportpark

1846 wurde die „Kinderrettungsanstalt“ nach Korntal verlegt und das Anwesen an die beiden Fabrikanten Schüle und Schrade verkauft, die dort eine Baumwoll-, Samt- und Manchester-Fabrik einrichteten. In solchen Fabriken arbeiteten üblicherweise Frauen und Kinder. Die Weberei verfügte über 25 mechanische dampfkraftbetriebene Webstühle. Es war die erste Fabrik in Zuffenhausen.

1910 wurde im Bereich der heutigen Marconistraße das erste Waldheim in Zuffenhausen gebaut. In den folgenden Jahren und insbesondere nach dem 1. Weltkrieg entwickelte sich das Areal zu einem Freizeit- und Sportgelände, das allgemein als Schlotwiese bekannt wurde. 1933 baute der Naturheilverein Zuffenhausen e. V. dort sein Freibad.

Die Vereine und Einrichtungen bildeten das diversifizierte kirchliche und politische Spektrum Zuffenhausens ab, entsprechend erfolgte ihre Eingliederung in die staatlichen Organisationen des NS-Apparats teils freiwillig, teils auf Druck und mitunter zwangsweise.

Innerhalb der katholischen Kirche gab es die „Deutsche Jugendkraft“ (DJK), die Sport und Glauben zusammenführen sollte. In Zuffenhausen lebten laut Volkszählung 1933 über 2.000 Katholiken. Die DJK-Ortsgruppe Zuffenhausen hatte 1929 mit der katholischen Antonius-Gemeinde ein neues DJK-Heim erbaut.

Hitlerjugend und Zwangsarbeiterlager

Das DJK-Heim mußte 1936 unter Zwang verkauft werden. Es diente fortan als HJ-Heim und als „Unterkunft für die Volksdeutschen“. Seit 11. September 1936 führte Stuttgart den Titel „Stadt der Auslandsdeutschen“.

Mitte 1942 waren in Stuttgart rund 16.000 Zwangsarbeiter beschäftigt. Davon wurden 11.000 in 17 Lagern untergebracht, deren größtes mit einer Kapazität von ungefähr 2.000 Personen auf der Schlotwiese eingerichtet wurde. Im Bereich der heutigen Jugendfarm und der benachbarten Kleingärten bis zur Hirschsprungallee wurden die Holzbaracken aufgestellt. Da das DJK-Heim der einzige Steinbau vor Ort war, diente er als Verwaltungsgebäude des Lagers, das auch die Postanschrift des DJK-Heims erhielt. Die Zwangsarbeiter wurden bei den Hellmuth-Hirth-Motorenwerken in der Produktion eingesetzt.

Auf dem Sportplatz des Turnvereins Zuffenhausen errichtete die Stadt Stuttgart eine Gemeinschaftsverpflegungsanlage für 2.000 bis 3.000 Zwangsarbeiter, die an Hirth vermietet wurde. Während des Krieges wurde das Lager Schlotwiese auf der westlichen Seite der Hirschsprungallee erweitert. Organisatorisch waren es sogar letztlich getrennte Lager, so dass es bis Kriegsende eigentlich mindestens zwei Lager auf der Schlotwiese gab, in denen rund 3.000 Zwangsarbeiter untergebracht waren.

Luftschutz

Für den Schutz der Insassen vor Luftangriffen waren Luftschutz-Deckungsgräben angelegt worden, die freilich nur bedingt gegen Bombenangriffe schützten. So starben am 21. Juli 1944 ca. zwei Dutzend Gefangene im Lager Schlotwiese bei einem Luftangriff, über die Zahl der Verletzten ist nichts bekannt. Durch die Bomben wurden auch immer wieder Baracken zerstört, die neu aufgebaut werden mussten. Die LS-Deckungsgräben existierten auch in der Nachkriegszeit noch und wurden mitunter als Lagerkeller genutzt.

Für die reguläre Belegschaft von Hirth und mehreren anderen benachbarten Firmen war ab 1944 unter den Schelmenwasen ein weit verzweigter Luftschutzstollen geschaffen worden. Auch direkt im Werksgelände standen unterirdische Räumlichkeiten zur Verfügung. Bereits 1942 hatte der Sicherheits- und Hilfsdienst zwei Löschteiche für die Hirth-Werke im Wald angelegt.

Obwohl der Industriegürtel im Norden Stuttgarts (Zuffenhausen – Feuerbach – Cannstatt) vor allem ab Sommer 1944 mehrmals angegriffen wurde, und auch die Scheinanlage bei Weilimdorf Bomben auf Weilimdorf, Korntal und Neuwirtshaus lenkte, blieben die Schäden bei den am Waldrand liegenden Hirth-Werken relativ gering. Nach dem schweren Angriff am 10. September 1944 meldete Stuttgarts OB Strölin: „Die Firmen Mahle, Fortuna, Norma, Wizenmann, Elektron, Eckart, Hirtz [sic], und Heinkel arbeiten voll weiter“.

Displaced Persons

Unmittelbar nach Kriegsende beschlagnahmte das Russische Büro in Stuttgart die verbliebenen, teils baufälligen Baracken des Lagers und richtete dort ein Rückkehrerlager für ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter ein. Das Büro fungierte als Verbindungsstelle der sowjetischen Besatzungsmacht und war u.a. damit betraut, die Zwangsverschleppten (Displaced Persons, DPs) in ihre Heimat zurückzubringen, selbst gegen ihren Willen.

Nach Stalins Auffassung waren die Zwangsarbeiter als Kollaborateure zu betrachten, da sie durch ihren Arbeitseinsatz für das NS-Regime zur Verlängerung des Krieges beigetragen hatten. So führte für viele von ihnen in Stuttgart der Weg aus der NS-Zwangsarbeit über das Lager Schlotwiese in die Sowjetunion und dort direkt in ein Gulag in erneute Zwangsarbeit. Viele, die die Zwangsarbeit in Deutschland überlebten, kamen anschließend in den Gulags zu Tode.

In den ersten Monaten nach Kriegsende war das „Lager für russische Rückwanderer Schlotwiese“ mit 3.000 Personen kaum weniger stark belegt als zu Kriegszeiten. Es wurde allerdings am 10. August 1945 komplett geräumt.

„Volksdeutsche“

Die ursprüngliche Hoffnung der Bezirksverwaltung Zuffenhausen auf eine schnelle Rückgabe der Sportstätten erfüllte sich freilich nicht.

Unmittelbar nach der Räumung wurden in die Baracken auf der Schlotwiese aus Jugoslawien stammende „Volksdeutsche“ untergebracht, also Flüchtlinge und Vertriebene. Im November 1945 lebten im Lager bereits wieder 1.100 Personen. Die einstigen Lagerbaracken wiesen oft keine intakten Fenster mehr auf und auch die Dächer waren mitunter beschädigt. So kamen zu den knappen Lebensmittelzuteilungen auch Kälte und Nässe, unter denen die Lagerbewohner litten. Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung, dem Forstamt und den Bauern der Umgebung waren zwangsläufige Folgen und nahmen bis 1947 beständig zu.

Es zeichnete sich jedoch ab, dass das Lager keine kurzfristige Episode bleiben würde. Stattdessen stieg die Zahl der Bewohner auf bis zu 1.600 Bewohner an. Es entstand eine eigene Lagerverwaltung, eine Gaststätte, ein Kindergarten, eine Schule mehrere Handwerksbetriebe und ein Kirchenraum mit geweihter Glocke, sowie mehrere Vereine. Der Fußballklub F.C. Batschka konnte sich immer wieder erfolgreich gegen alteingesessene Mannschaften durchsetzen und damit zu einem eigenen Selbstbewusstsein der Lagerbewohner beitragen.

Der Weg nach Rot

Im Mai 1949 wurde auf einer Bürgerversammlung der Beschluss vorgestellt, am Rotweg eine Neubausiedlung für 2.800 Einwohner zu errichten, die von zwei Baugenossenschaften (der von Schlotwiese-Bewohnern ins Leben gerufenen „Neues Heim“ und der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Zuffenhausen) getragen wurde.

Trotz der Bedenken gegen eine „geschlossen Siedlung“ und einer damit verbundenen etwaigen Ghettoisierung der Neubürger wurde das Projekt 1950 begonnen. Es mündete in das zeitweilig größte Wohnungsbauprojekt der Bundesrepublik Deutschland und schuf mit Stuttgart-Rot einen komplett neuen Stadtteil für 15.000 Einwohner zwischen dem „Alten Flecken“ von Zuffenhausen, der 1937-41 errichteten Rotwegsiedlung, dem Burgholzhof und bis zur Bahnlinie zwischen Münster und Zazenhausen, wo sich bis 1945 noch Übungsgelände der Wehrmacht befunden hatte.

Bis 1960 waren die meisten Bewohner aus dem Lager Schlotwiese in neue Wohnungen umgezogen und die Sportstätten wieder in Betrieb. Doch erst 1967 zogen die letzten Bewohner des DJK-Heims aus. Mit dem darauf folgenden Abbruch dieses Gebäudes endete die Geschichte des Lagers endgültig.

Gedenkstein

1994 entstand die Initiative für einen Gedenkstein für das Lager das für so unterschiedliche Schicksale steht, aber letztlich auch die Wiege eines der bevölkerungsreichsten Stadtteile in Stuttgart-Nord war. 1995 beschloss der Bezirksbeirat Zuffenhausen, diese Gedenktafel an der geplanten Ballsporthalle anzubringen. Da diese jedoch nie gebaut wurde, passierte auch hinsichtlich des Gedenksteins 20 Jahre lang nichts. Erst 2015 gründete sich eine Arbeitsgemeinschaft, die die Realisierung des Gedenksteins zum Ziel hatte. 2018 wurde der Stein gesetzt. Er zeigt den Lagergrundriss auf der Basis u.a. eines Luftbilds von 1948.

Weitere Bilder:
Zeichen der Erinnerung
Stuttgarter Zeitung