Kugelbunker

Eine der vielen Anhöhen in Stuttgart. Ein Haus mit Garten. Alles sieht vollkommen normal aus. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Garten etwas beherbergt, über das nie wirklich offen gesprochen wurde, und das deswegen auch sehr schnell in Vergessenheit geriet: Unter diesem Garten liegt ein privater atomsicherer Schutzraum.

Dem Großteil der Bevölkerung ist weitgehend unbekannt, dass es nicht nur im Stuttgarter Untergrund, sondern im ganzen Bundesgebiet eine unbekannte Anzahl solcher Privatbunker gibt, die teilweise bei Neubauvorhaben als kostenintensive Individuallösung geplant und gebaut wurden, oder als Bausatz aus Fertigelementen von speziellen Firmen vertrieben und eingebaut wurden.

Die Universal GmbH beispielsweise vertrieb in den 70er Jahren eine Atomschutzkugel unter dem Namen „Securis“, die Firma Presser nannte ihr Produkt sachlich „Kugelschutzraum“. Auch das Schweizer Militär beschaffte sich solche Unterstände, beispielsweise von der Betonelemente AG in Adliswil, und setzte sie in beträchtlicher Stückzahl in Verteidigungslinien ein. Sie dienten als gefechtsmäßige Unterstände, und waren nicht zum langzeitigen Aufenthalt bestimmt.

Vor diesem Hintergrund ist die aus heutiger Sicht teilweise grotesk wirkende Philosophie hinter diesen Einrichtungen zu sehen. Sicher lag bei ihrer Konzipierung eine noch relativ lückenhafte Erkenntnis über die wahre Gestalt eines Atomkrieges vor. Es wurde davon ausgegangen, dass man das Bauwerk nach kurzer Zeit, spätestens nach wenigen Tagen, wieder verlassen kann. Weder die Ausstattung, noch die Dimensionierung waren dafür vorgesehen, Menschen für einen längeren Zeitraum zu beherbergen.

Vor allem mit zunehmenden Erkenntnissen über die Auswirkungen nuklearer Kriegsführung wird so mancher Eigentümer im Laufe der Zeit froh gewesen sein, dass seine Investition in den Zivilschutz sich niemals im Ernstfall hat bewähren müssen. Denn die Angaben in den Verkaufsprospekten täuschten zum Teil darüber hinweg, dass die Anlage von mehreren Personen nur für einen kurzen Zeitraum genutzt werden kann.

Auffälligerweise enthielten die Verkaufsprospekte für Privatkunden keine Firmenadressen etc. vom Hersteller sondern wurden offenbar vom Vertrieb nur im direkten Kontakt mit dem Interessenten weitergegeben.

Eine wirkliche Markttransparenz scheint es für diese Fertigbunker nicht gegeben zu haben. Die Tatsache, dass die Schaffung von privaten Zivilschutzräumen einige Jahre staatlich subventioniert war, wurde aber teilweise deutlich thematisiert. So schreibt die Universal GmbH in einem Prospekt: „Seit Jahresbeginn wird die Errichtung von Hausschutzräumen wieder mit Bundesmitteln bezuschusst. Für diesen Kugelbunker mit 10 Personen erhalten Sie DM 6.650.– vom Bund. Auch die steuerlich absetzbaren Höchstbeträge sind für dieses Bauwerk neu mit DM 44.150,– festgesetzt.

Wie wirksam diese Kaufanreize aus Steuermitteln waren, lässt sich freilich nicht mehr feststellen. Der im Verkaufsprospekt recht ähnliche Kugelschutzraum der Firma Presser wurde mit konkreten Abmessungen beworben: 3,45 m2 Fläche, 2 m Höhe, rund 14 m3 Volumen sind die Dimensionen dieses Modells, in dem sechs Sitz- und drei Liegeplätze enthalten sind, genau wie bei Universal. Kaum vorstellbar, dass mehrere Personen in diesem kleinen Bauwerk einen Zeitraum verbringen können, der über mehrere Stunden hinausgeht.

Geliefert wurde der Schutzbau auf einem Tieflader in drei vorgefertigten Teilen, die vor Ort in der Baugrube zusammengefügt wurden. Neben dem eigentlichen Kugelschutzraum bestand der Lieferumfang aus einer Gasschleuse, die bei Presser mit 5 m2 Fläche angegeben wird, und einem sogenannten Hausanschluss, der wahlweise durch einen externen Eingang ersetzt werden konnte. Somit hatte der Grundbesitzer die Wahl, ob sein Bunker über das Haus oder von einem beliebigen anderen Punkt zugänglich ist. Die Elemente wurden in der Baugrube montiert und dann überdeckt, wobei oberhalb des Schutzraums zunächst die Sand- / Kiesanlage für das Belüftungssystem eingerichtet wurde.

In der Gasschleuse war auch die Toilette vorgesehen, die zumindest teilweise als Sonderausstattung nicht im Grundpreis enthalten war. Auch ein Trinkwasserbehälter oder ein Radio oder Funkgerät wurden zumindest teilweise als Sonderausstattung betrachtet.

Zur Grundausstattung des Bauwerks gehörte die elektrische Installation mit Leuchten, Steckdosen und Hausanschlusskasten in Feuchtraumausstattung, die Belüftungsanlage mit Sandfilter, ein Elektromotor (Wechsel- oder Drehstrom), sowie eine Handkurbel mit Dynamoantrieb und Lampe für den manuellen Betrieb.

Vergleicht man die beschriebenen Produkte der Anbieter, so weisen sie eine sehr starke Ähnlichkeit auf. Offenbar wurde das Grundkonzept – ähnlich wie einst bei den Hochbunkern des Ingenieurs Ludwig Winkel – in Lizenz an die Anbieterfirmen weitergegeben, die entsprechende Varianten als eigenes Produkt am Markt anboten.

Diese Konstruktionen scheinen allerdings auch eine serienmäßige Schwäche zu haben. So erreichten uns zwischenzeitlich mehrere Meldungen von Besitzern solcher Bunker, die über eindringende Feuchtigkeit und damit verbunden Rost und Schimmelbildung klagen. Da den Hausbesitzern von den Baufirmen offenbar keine exakten Pläne mit dem Verlauf der Lüftungsrohre im Grundstück übergeben worden war, ist die Lokalisierung solcher Lecks sehr schwierig.

Die uns zur Verfügung gestellten Bilder stammen von der Familie eines Kugelbunker-Besitzers. Das genaue Datum des Einbaus und den Hersteller konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Doch die Einblicke in dieses Zeugnis des Kalten Krieges sind hochinteressant und anschaulich. Da derartige Anlagen, wie auch in unserem Fall, oft sehr eng mit dem alltäglichen Lebensraum der Eigentümer verbunden sind, ist der Wunsch des Besitzers nachvollziehbar, keine näheren Angaben zu Standort oder Namen zu machen. Für die zur Verfügung gestellten Fotos möchten wir uns an dieser Stelle bedanken.

Das Grundkonzept des Kugelbunkers stammt aus dem 2. Weltkrieg. Das Stadtmuseum in München hat ein Exemplar, das wohl 1944 von einem lokalen Bauunternehmen hergestellt wurde.

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