Stuttgart HBF

Die Luftschutzkonzeptionen des Kalten Krieges waren in vielen Aspekten direkte Weiterentwicklungen der Konzepte aus dem 2. Weltkrieg. Auch die organisatorischen Strukturen und Zuständigkeiten wurden oft in vergleichbarer Form aufgebaut, jedenfalls in den Bereichen, wo sich diese bewährt hatten.

So schufen die Behörden eigene Luftschutzmaßnahmen und auch die bundeseigene Bahn agierte selbständig und baulich weitgehend abgekoppelt von den Maßnahmen zum Zivilen Luftschutz für die Öffentlichkeit.

Bis heute sind die Baumaßnahmen zum Schutz der Bahnbelegschaft weitgehend unbekannt und wenig publik. Viele der Bauwerke liegen in Bahnhöfen und wurden im Laufe der Zeit stillgelegt. Da sie nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren, sind sie nach wie vor als Betriebsräume eingestuft, an deren öffentlicher Präsentation die Bahn kein Interesse hat.

Eine solche Anlage wurde auch am Stuttgarter Hauptbahnhof geschaffen. Der ABC-Bunker wurde unter dem Gleisbett errichtet und hatte eine Verbindung zum Südflügel des Bahnhofsgebäudes. Das Baujahr ist nicht genau bekannt, sehr wahrscheinlich wurde das Bauwerk Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre errichtet.

Der Bunker ist in mehrere Räume gegliedert, von denen manche als Büro eingerichtet wurden. Es ist offenkundig, dass die Anlage die Kontinuität der betriebsbedingten Arbeiten des Bahnpersonals sicherstellen sollte, selbst wenn die Belegschaft dazu unter die Erde verlegt werden musste. Anders als etwa die Mehrzweckanlage am Nordflügel des Hauptbahnhofs diente dieser Bunker nicht nur dazu, die Belegschaft für die Dauer einer akuten Kontamination oder bis zu einer Evakuierung zu schützen, sondern um die Handlungsfähigkeit der Bahnhofsverwaltung während dieser Zeit sicherzustellen.

Ein Szenario dieser Zeit bestand darin, dass bei einem Angriff auf Stuttgart mit bakteriologischen oder chemischen Waffen oder bei einer atomaren Verseuchung der Stadt die Bevölkerung zu erheblichen Teilen in unbelastetes Gebiet evakuiert werden sollte. Nach wie vor war die Bahn eines der leistungsfähigsten Massentransportmittel und sie hatte Möglichkeiten Waggons und Loks zu dekontaminieren. Die in den Bunker verlegten Bahnmitarbeiter hätten also unter bestimmten Umständen tatsächlich an solchen Maßnahmen mitgewirkt.

Als nach Ende des Kalten Krieges die Zivilschutzkonzeption und auch ihre Einrichtungen aufgegeben wurden, stellte auch die Bahn ihre dafür geschaffenen Anlagen außer Dienst. Wartung und Erhalt der Technik verursachten beachtliche Kosten, und ohne die nachgelagerten Konzepte seitens Bund und Ländern machten die Einrichtungen der Bahn auch keinen Sinn mehr. Eine Nachnutzung außer als interne Lagerräume war weitgehend ausgeschlossen, da diese Anlagen im Betriebsgelände liegen und oft mit anderen Betriebsgebäuden verbunden sind.

So bleiben diese Räumlichkeiten als Zeitkapseln erhalten, die einen authentischen Blick in die Zeit des Kalten Krieges ermöglichen, wenn sich einmal die Gelegenheit bietet, eine dieser Anlagen zu besichtigen. Der ABC-Bunker des Stuttgarter Hauptbahnhofs war eine solche Zeitkapsel. Ein Zweckbau, der einem anderen Zweckbau – dem neuen Tiefbahnhof – weichen musste.