Stuttgart im Kalten Krieg

Der Kalte Krieg hatte in Stuttgart mehrere Gesichter. Da waren Kasernen wie Burgholzhof, Nellingen, Vaihingen im Stadtgebiet und weitere direkt vor den Toren der Stadt, die von der US Army benutzt wurden. Ihre Fahrzeuge mit und ohne Tarnlackierung waren im Straßenbild tägliche Normalität. Da waren die regelmässigen Sirenentests, die die ältere Generation an die Schrecken des 2. Weltkriegs erinnerten und den Schülern immer wieder willkommene Unterbrechungen im Unterricht bescherten. Da waren die internationalen Nachrichten im inzwischen flächendeckend etablierten Fernsehen. Aber da waren auch Vorkehrungen für den Ernstfall, über die oft nur bedingt gesprochen wurde, und die daher auch Anlass für Gerüchte und Legenden wurden.

Modernisierung von Bunkern

Nach und nach wurden Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg modernisiert und zu „Atombunkern“ umgebaut, deren Namensgebung in der Bevölkerung weitverbreitet falsche Vorstellungen weckte. Die Bunker, die 1940 – 45 die Insassen vor Luftangriffen schützten, waren nicht in der Lage der Bevölkerung einen wirksamen Schutz vor einer Atombombe zu bieten, wenn diese über der Stadt gezündet worden wäre.

Auch die neu gebauten „Atombunker“ vermochten dies nicht zu leisten. Alle diese Zivilschutzanlagen hatten den Zweck, ihre Insassen vor chemischen Kampfstoffen, Strahlung, Fallout und vor nuklearen Feuerstürmen zu schützen, die von der Zündung nuklearer Sprengköpfe in der Region herrührten.

Man ging davon aus, dass die Menschen mehrere Tage bis wenige Wochen in den Bunkern bleiben müssten und dann wieder nach draußen könnten, wo die Strahlung abgeklungen wäre. Bei anhaltender Strahlenbelastung hätte eine Evakuierung in unverseuchtes Gebiet eingeleitet werden müssen.

Auf Überraschungsangriff nicht vorbereitet

Dem Zivilschutzkonzept lag die Annahme zugrunde, dass eine Krisensituation entsteht, die ausreichend Vorbereitungszeit zur Inbetriebnahme der Bunker, zum Bereitstellen von Notrationen und Trinkwasser und zum Teil auch zum Anliefern von Betten lassen würde (z.B. Berlin-Krise, Kuba-Krise, …).

Wie heute bekannt ist, gab es mehrfach Situationen in denen Fehler bei Messungen von Spionagesatelliten, in der Kommunikation oder Computerfehler kurzfristig und ohne größere Vorwarnzeit höchste Alarmstufen auslösten, die nur noch in letzter Minute aufgelöst werden konnten. Bei einem solchen versehentlichen Erstschlag wäre kaum jemand in der Lage gewesen einen Bunker aufzusuchen.

Die Kritik an den Zivilschutzkonzepten basierte aber nicht nur auf dem Risiko eines aus versehen ausgelösten Atomkrieges, bei dem es kaum eine Vorbereitungszeit gegeben hätte. Im Laufe der Zeit wurde auch die Bedeutung bestimmter Einrichtungen wie des EUCOM in Stuttgart-Vaihingen publik, das als hochrangiges Erstschlagsziel eingestuft wurde. Mit einem gezielten Atomschlag gegen diese Einrichtung wäre aber die Stadt Stuttgart so nah an der Detonation gewesen, dass die meisten Bunker der Bevölkerung keinen ausreichenden Schutz hätten bieten können.

Ein Akzeptanz-Problem

Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs hatten in Deutschland zwar ein umfangreiches Wissen über den Zivilschutz erzeugt, aber auch eine erhebliche Abneigung, dieses Thema wieder aktiv anzugehen. Die Befürworter fanden sich schnell mit dem Vorwurf des Militarismus konfrontiert. So wurden in Westdeutschland zahlreiche Maßnahmen eher beiläufig ausgeführt und auf zu aggressive Werbung verzichtet. Die Geheimhaltung bei Baumaßnahmen für die Verwaltungen führte überdies zur Legendenbildung.

Der Stand 1974

1975 jährte sich das Ende des 2. Weltkrieges zum 30. Mal. Der Kalte Krieg war schon jahrzehntelange Normalität. Einem zusammenfassenden Bericht des Amts für Zivilschutz der Stadt Stuttgart für 1974 zufolge war das dortige Personal von 23 Mitarbeitern (1971) auf 29 (30.06.1974) aufgestockt worden. „Eine ausführliche ZS-Ortsbeschreibung wurde ausgearbeitet (…). Bisher sind Schutzraumbauten mit etwa 1200 Schutzplätzen nutzbar gemacht“ führt der Bericht 12 Jahre nach der Kuba-Krise aus. 5 Jahre später war der NATO-Doppelbeschluss verkündet worden.

Der Bericht gibt eine erhebliche Anstrengung zur Vermehrung dieser Schutzplätze wider (alle folgenden Zitat stammen aus diesem Bericht): „Der Tiefbunker am Bahnhofsplatz Feuerbach mit rund 1200 Schutzplätzen wird für längeren Aufenthalt instand gesetzt; das Parkhaus Kriegsberg-/Jägerstraße mit rund 1200 Schutzplätzen ist als Mehrzweckanlage im Bau; 2 weitere Anlagen dieser Art mit je 4500 Schutzplätzen sind geplant und sollen im Zusammenhang mit dem S-Bahn-Bau erstellt werden (Haltestelle Stadtmitte und Tiefgarage Hbf).“

Bis in die 70er Jahre hinein waren zeitgemäße Schutzplätze in Stuttgart nur in minimaler Anzahl vorhanden. Man hätte in einem Ernstfall auf Bauten aus dem 2. Weltkrieg zurückgreifen müssen. Immerhin hatte die Stadt einigen Aufwand betrieben, um die unabhängige Löschwasserversorgung auszubauen. „Neben den 13 Löschwasserentnahmestellen am Neckarufer stehen jetzt 12 ehemalige Trinkwasserbehälter sowie 3 Feuerlöschteiche und 4 Löschwasserbehälter zur Verfügung.“ Ausserdem waren 28 Einzelbrunnen zur Trinkwassernotversorgung gebohrt und ausgebaut worden. Weitere waren in der Planung.

1974 gab es in den städtischen Gebäuden 1085 Selbstschutzleiter, deren Funktion sich an den Luftschutzwarten des 2. Weltkriegs orientierte. „Für 53 Ämter und Einrichtungen wurde Selbstschutzausstattung beschafft (Tragkraftspritzen, elektrische Tauchpumpen, Schläuche, Brechstangen und ähnliches sowie Sanitätsgerät). Im Stadtgebiet sind 379 festmontierte und 7 fahrbare Sirenen einsatzbereit. Für deren Betriebssicherung konnten bisher 320 Sirenenwarte gewonnen werden. 110 lebenswichtige Betriebe sowie Behörden sind unmittelbar an das Warnnetz des Luftschutzwarnamts VIII in Rottenburg/N. angeschlossen.“

Bei den Hilfsorganisationen THW, Feuerwehr, DRK, MHD, JUH, ASB und KatSD waren in Stuttgart zu diesem Zeitpunkt auch 1.050 Wehrpflichtige im Dienst, die sich anstelle einer Einberufung zum Militärdienst oder Militärersatzdienst (Zivildienst) für 10 Jahre zum Katastrophenschutzdienst verpflichtet hatten.

Der Bericht schließt mit einer typischen Formulierung jener Zeit: „Die Aufgaben der zivilen Verteidigung bewegen sich hauptsächlich auf Gebieten, die dem Geheimnisschutz unterliegen. Es kann jedoch erwähnt werden, daß die Vorkehrungen zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung in einem Krisenfall weiter vorangetrieben wurden.“

13 Jahre später

Am 19. Juni 1987 erschien eine Beilage zum Amtsblatt der Stadt Stuttgart (Nr. 25) mit dem Titel „Wohin im Ernstfall“. Der NATO-Doppelbeschluss war siebeneinhalb Jahre her, die Pershing II-Raketen waren seit 1983 in der Region. Eine Wiedervereinigung Deutschlands schien noch in weiter Ferne.

Die Beilage beginnt mit den Worten „Zivilschutz und Schutzraumbau sind wenig populäre Themen“. Auf vier Seiten sollten diese „wenig populären Themen“ der Bevölkerung näher gebracht werden. Unter anderem durch Verweis auf eine vergleichsweise hohe Zahl an Schutzplätzen. Den 556.000 Einwohnern Stuttgarts standen 70.590 Schutzplätze gegenüber. Zum Vergleich wurde Frankfurt/M. herangezogen (620.000 Einwohner / 58.000 Schutzplätze).

Anspruch und Wirklichkeit

Im Innenteil gliederten die Autoren diese Zahlen für Stuttgart weiter auf: „Zur Zeit bieten 14 neue Mehrzweckanlagen und wieder nutzbar gemachte Schutzbauten rund 21.000 Plätze. Dort kann man sich bis zu 14 Tage vor radioaktiven und chemischen Gefahren in Sicherheit bringen. Für Kurzaufenthalte bis zu zehn Stunden eignen sich noch nicht wieder instandgesetzte Hoch- und Tiefbunker sowie Großschutzstollen. Dort hat es weitere 49.000 Plätze“.

Die Liste der öffentlichen Schutzräume enthält fast alle noch verbliebenen Bunker aus dem zweiten Weltkrieg und kommt mit sechs Neubauten auf 45 Örtlichkeiten. Der  größte Schutzraumneubau war zu dieser Zeit noch im entstehen und ist in der Liste noch nicht enthalten: Der B14-Tunnel in Heslach wurde so ausgeführt, dass er im Ernstfall 5.000 Personen aufnehmen konnte.

Dennoch war man weit davon entfernt auch nur einem größeren Teil der Bevölkerung einen wirklich zeitgemäßen Schutzplatz bieten zu können.

Während des Kalten Krieges instandgesetzte Weltkriegsbunker in Stuttgart

1. Hochbunker

2. Tiefbunker

Nach Ende des Kalten Kriegs wurden die meisten Bauwerke entwidmet.

Neubauten

2006 waren in Stuttgart 12 Mehrzweckanlagen in Zivilschutzbindung. Diese Anlagen waren alle während des Kalten Krieges konzipiert und gebaut worden.

  • Ditzinger Straße 2-4, Weilimdorf
  • Handwerkstraße 5-7, Vaihingen
  • Hackstraße 31, Ost
  • Hauptbahnhof, Mitte
  • Hauptstraße 78a + 78b, Vaihingen
  • Heslacher Tunnel, B14, Heslach
  • Jägerstraße 28, Mitte
  • S-Bahnhof Stadtmitte, Mitte
  • Seidenstraße 23, West
  • Uhlandstraße 2, Mitte
  • Vollmoellerstraße 11, Vaihingen
  • Rotebühl- / Büchsenstraße, Mitte

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