„U-Strab-Bunker“ am Charlottenplatz ?


Die Fasnetsausgabe der SSB-Kundenzeitschrift „Über Berg und Tal“ von 1963 enthielt einen Beitrag zur im Bau befindlichen U-Straßenbahn-Station am Charlottenplatz.

Der Beitrag ist in einer Schautafel am Zugang zum Bahnsteig Richtung Rotebühlplatz / Heslach ausgestellt und durchaus lesenswert. In einer Karikatur wird die Verkehrsproblematik in übertriebener Weise dargestellt. Die verschiedenen Verkehrsarten überkreuzen sich auf mehreren Ebenen, deren unterste die neue U-Straßenbahn ist, und über denen zuoberst Helikopter den Luftraum einnehmen.

Die Karikatur erinnert an den Fritz Lang-Film „Metropolis“, ist aber in ihrer Aussage auch typisch für zahlreiche ernst gemeinte und karikaturistische bildliche Darstellungen zum „Verkehr der Zukunft“ seit den späten 1920er Jahren.

Der Zeichner ließ es sich auch nicht nehmen, den reichlich mit Fischen bevölkerten Nesenbach an einer undichten Stelle sich in den Straßenbahntunnel ergießen zu lassen.

Links der Karikatur war eine humoristische Abhandlung zum „einzigen geplanten Luftschutzbunker […] der U-Trabs“ abgedruckt, der einen interessanten Eindruck von der damaligen öffentlichen Wahrnehmung zum Thema Luftschutzbunker im Kalten Krieg vermittelt. Der Text behauptet, dass der Bunker mindestens zwei Personen für vier Wochen Schutz bieten sollte, und sie darin einen Angriff mit „A-Bomben“ überleben können sollten. Ein „Musterexemplar eines Fahrgastes“ und ein Straßenbahner sollten angeblich für die Belegung dieses Bunkers ausgewählt werden.

Während die vier Wochen Verweildauer im Bunker den Darstellungen offiziellen Zivilschutz-Schriften entsprach, vermischte sich in dem Text der bereits damals in der Stadt verbreitete Spott über die „Buddelei“ mit der nüchternen Wahrheit, dass zu diesem Zeitpunkt in Stuttgart praktisch kaum Schutzräume für die Zivilbevölkerung bereit standen. Die Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg waren bis wenige Jahre zuvor noch mit Flüchtlingen, Wohnungssuchenden, Aussiedlern und Spätheimkehrern belegt worden.

Der Bunker unter dem Marktplatz beherbergte noch ein florierendes Hotel. Kein einziger Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg war im Stuttgart des Jahres 1963 an die Erfordernisse des Kalten Krieges angepasst. Auch entsprechende Neubauten gab es zu dieser Zeit noch keine. So blieb der „U-Strab-Bunker“ am Charlottenplatz eine humoristische Erfindung, die zwischen den Zeilen eine gute Beschreibung ihrer Zeit liefert.

Dass es unweit der „U-Strab“-Baustelle  einen Kellerdurchbruch zwischen den Gebäuden des Hotel Silber und des Alten Waisenhauses aus dem Zweiten Weltkrieg gab, der zu Luftschutzzwecken angelegt worden war, war dem Verfasser des Textes nicht bekannt.