Aidlingen – Venusberg

Nördlich von Aidlingen erhebt sich der Venusberg als weit ausgreifende Kuppe mit Wald und Heideflächen auf eine Höhe von 537 m. Das 115 Hektar umfassende Areal ist das größte Naturschutzgebiet des Landkreises Böblingen.

Mitte 1944 wurde unter der Leitung der Organisation Todt (OT) im Bereich des Venusbergs ein Bauvorhaben begonnen, dessen bizarre Überreste noch heute zu sehen sind. Die exponierte Lage der Kuppe war ideal für eine Funknavigationsanlage der Luftwaffe. Nachdem zunächst eine ausreichende Fläche gerodet worden war, begannen die Bauarbeiten. Der Malermeister Wilhelm Breitling aus Aidlingen als rechtmäßiger Grundstückseigentümer wurde weder gefragt noch informiert. Als er Auskunft über Sinn und Zweck der Maßnahmen verlangte, erhielt er keine Antwort.

Auf dem Areal entstanden zwei Steingebäude, Bunker, Baracken und als Kernstück der Anlage ein Betonkreis von ca. 1,50 m Stärke, 70 cm Höhe und einem Durchmesser von 22,6 m. Auf diesem wurden Gleise montiert. Im Mittelpunkt des Kreises errichtete der Bautrupp aus Stahlträgern, Beton und Backstein die Lagervorrichtung.

Auf diese Konstruktion setzten die Spezialisten der Luftwaffe und der Herstellerfirma Telefunken im November 1944 die UKW Drehfunkfeueranlage FuSAn 724/725, auch Bernhard genannt. Die Bezeichnung FuSAn ist die Abkürzung für Funk-Sende-Anlage.

Die Bernhard-Anlage 

Das 120 Tonnen schwere Gerät war 28 Meter hoch und 35 Meter breit. Es bestand aus 2 leicht zueinander gedrehten Antennenkonstruktionen, deren Richtstrahlen sich dadurch überlappten. Anhand dieser Richtstrahlen konnte man die Position eines Flugzeugs über einen an Bord eingebauten Empfänger genau bestimmen. Das System wurde von allen Einheiten der Deutschen Luftwaffe genutzt. Für die Nachtjagd der in die Defensive geratenen Luftwaffe war die Technologie ein elementares und sehr effizientes Mittel, um die Nachtjäger präzise an die feindlichen Bomberverbände heranzuführen. Das Prinzip ist auch heute noch in der Luftfahrt üblich. Zumeist wird dafür die englische Bezeichnung VOR (kurz für VHF Omnidirectional Radio Range) verwendet.

Die erste Bernhard-Anlage wurde 1941 in Trebbin, 35 km südlich von Berlin errichtet. Bis 1945 wurden mindestens 17 dieser Drehfunkfeuer installiert, davon sind 7 in Frankreich nachgeweisen, andere in Holland, Polen, der Tschechoslowakei und Dänemark. Ein Projekt im österreichischen Hornstein wurde nicht fertig. Im Reichsgebiet standen Anlagen in Buke bei Paderborn und Bredstedt nördlich von Husum. Die Anlage auf dem Venusberg war die einzige in Süddeutschland und sehr wahrscheinlich die letzte, mit deren Bau begonnen wurde.

Die Konstruktion drehte sich auf dem Schienenkranz zweimal pro Minuten um 360 Grad. In Aidlingen besorgten den Antrieb vier Kleinelektrolokomotiven von Siemens. Um den enormen Energiebedarf zu decken wurden Generatoren installiert, die von zwei französischen Schnellbootmotoren angetrieben wurden. Die Aggregate waren in einem der naheliegenden Steinhäuser aufgebaut, ca. 150 m vom Bedienstand entfernt.

Baukommando Venusberg

Die Bauarbeiten fanden unter dem Kommando der Luftwaffe statt. Auf der Baustelle wurden zunächst Baracken errichtet, in denen man die rund 35 Zwangsarbeiter, sehr wahrscheinlich russische Kriegsgefangene, unterbrachte. Ihre Bewachung und die Bauaufsicht oblag Angehörigen der Luftwaffe, die man in den umliegenden Ortschaften in Privathaushalten unterbrachte.

Für den Fuhrdienst wurde die einheimische Bevölkerung zwangsverpflichtet. Vor allen ein Holzbauer aus Aidlingen war ins Visier der Luftwaffe geraten. Er verfügte über ein Ochsenfuhrwerk, das deutlich mehr Material transportieren konnte, als die Pferdegespanne der anderen Bauern.

So erhielt er auch eines Tages die Anweisung den „Diodenmast“ am Bahnhof Ehningen abzuholen. Der 22 m hohe Sendemast – eine Stahlgitterkonstruktion – war fertig montiert mit der Bahn angeliefert worden. Per Fuhrwerk wurde er zu seinem Aufstellungsort transportiert, ca. 900 – 950 m westlich der Bernhard-Anlage, und ca. 100 m südlich des Harthauses am Rande eines Wäldchens. Leider sind dort nicht einmal mehr Fundament-Reste erhalten.

Widrige Verhältnisse 

Neben dem Mangel an Baustoffen und Problemen bei der Heranführung von Material und Geräten durch die immer weiter voranschreitende Luftüberlegenheit der Alliierten hatten das Baukommando und die Ingenieure auf dem Venusberg weitere Schwierigkeiten zu meistern. Die französischen Diesel überhitzten schnell und der Kabelschacht des Drehfunkfeuers lief bei einem schweren Regenguss voll. Offenbar war keine ausreichende Drainage angelegt worden, so dass der Schacht leer gepumpt werden musste.

Zum Jahresende 1944 wurde ein motorisierter leichter Flakzug mit drei 2 cm Flakgeschützen auf dem Venusberg stationiert. Die Geschütze wurden in eine umwallte Stellung feldmäßig gebettet und getarnt. Gegen hochfliegende Bomber hätten sie freilich keinen Schutz geboten. Die Luftwaffe erwartete aber eher einen gezielten Tiefflieger-Angriff auf die Einrichtung. Obwohl die Anlage am 26.12.1944 wohl von einem Aufklärungsflugzeug entdeckt worden war, wurde sie nicht bombardiert.

Testbetrieb und Kriegsende 

Im Januar 1945 konnte mit einem ersten Testlauf begonnen werden. Die Inbetriebnahme war für April 1945 vorgesehen. Zusammen mit kleineren Anlagen in der Region sollte das Drehfunkfeuer auf dem Venusberg die in Hailfingen, Großsachsenheim, Nellingen, Böblingen, Echterdingen, Malmsheim und anderen Flugplätzen stationierten Jäger punktgenau zu den feindlichen Bombern lotsen.

Bis März 1945 arbeiteten die Techniker im Probebetrieb. Am 15. April besetzten die Franzosen Calw. Nun waren sie nur noch 15 km vom Venusberg entfernt. So sprengte eine Wehrmachtspioniereinheit am 16.04.1945 die Antennenanlage, die Bunker und die Generatoren. Der Schrott blieb zunächst einige Monate liegen und wurde dann von Metallhändlern abtransportiert. Die Trümmer blieben sich selbst überlassen. 1985 wurde das Areal zum Naturschutzgebiet erklärt.

Technische Daten:

Frequenz: 30 – 33 MHz
Sendeleistung: 2 x 500 W (5 MW Effektive Strahlungsleistung)
Reichweite: 400 km bei 5000 m Flughöhe
Genauigkeit: +/- 0,5°
Baujahr: ab 1941 (erste Anlage bei Trebbin/südwestlich von Berlin)

Wären die Bernhard-Anlagen alle im Sommer 1944 betriebsbereit gewesen, hätten sie den Luftraum über Westeuropa lückenlos abgedeckt und Nachtjäger im Norden bis zur Linie Liverpool – Sheffield – Olso im Osten bis zur Litauischen Küste und der polnischen Grenze, im Süden bis zu den Alpen und im Westen über den Golf von Biscaya bis fast an die nördliche Grenze Portugals leiten können.

Bernhard-Anlagen (Nach Dörenberg*):

Be-0 Glau/Trebbin (BJ 1941) (35 km südwestlich von Berlin)
Be-1 Favières (ca. 40 km westlich von Paris)
Be-2 Mt.-St.-Michel-de-Braspart (ca. 40 km westlich von Brest)
Be-3 Le-Bois-Julien (35 km südlich von Calais)
Be-4 La Pernelle (ca. 25 km östlich von Cherbourg, 18 km nördlich von St. Marcouf)
Be-5 Mt.-St.-Michel-Mt.-Mercure/Pouzauges
Be-6 Marlemont, (ca. 85 km südlich von Charleroi)
Be-7 Arcachon/Teste-de-Buch (57 km west-südwestlich von Bordeaux)
Be-8 Schoorl/Bergen (ca. 6 km nord-nordwestlich von Alkmaar
Be-9 Bredstedt (18 km nördlich von Husum)
Be-10 Hundborg/Thisted (ca. 40 km nördlich von Thyborön)
Be-11 Trzebnica/Trebnitz (26 km nördlich von Wroclaw)
Be-12 Nevid/Plzeň (25 km östlich von Plzeň)
Be-13 Buke verlegt (13 km östlich von Paderborn)
Be-14 Aidlingen/Venusberg
Be-15 Szymbark/Bytów (ca. 40 km west-südwestlich von Danzig)
Be-16 Sonnenberg/Hornstein (ca. 40 km südlich von Wien)

Der Anlage bei Aidlingen wäre die Funktion zugekommen, auch den Alpenraum über der Schweiz abzudecken, und damit Jagdflugzeuge an Verbände heranzuführen, die unmittelbar entlang des Schweizerischen Luftraums (oder auch unter Verletzung dessen) nach Deutschland eingeflogen wären.

Der Bau weiterer sechs Anlagen (Be-17 bis 22) war bereits geplant. Die Herstellerfirma Hein, Lehmann & Co. in Berlin hatte die Antennen hierfür bis Kriegsende schon halb fertiggestellt. Allerdings konnten die vorgesehenen Standorte bislang nicht ermittelt werden.

*Frank Dörenberg recherchiert seit Jahren zu den „Bernhard“-Anlagen und hat inzwischen die wohl umfangreichste Dokumentation zum Thema zusammengestellt.

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