Birkenkopf: Von der Flakbatterie zum Trümmerberg

Der Birkenkopf ist bekannt als Knotenpunkt des Straßenverkehrs im Stuttgarter Westen. Hier treffen die Ausfallstraßen vom Stuttgarter Westen (Rotenwaldstraße) und von Botnang/Killesberg (Geißeichstraße / L1187) kommend aufeinander. Diese Straßenführung gab es auch schon in den 1930er Jahren.

An der Rotenwaldstraße, inmitten des Waldes hatte der 1930 gegründete Tennisclub Weiß-Rot seine Tennisplätze und sein Vereinsheim errichtet. An der Geißeichstraße gab es das Café Geißeiche. Die nächsten Wohngebiete lagen zu dieser Zeit in Botnang und in Stuttgart-West.

Die Zusammenführung der Geißeichstraße und der Rotenwaldstraße lag bis 1945 fast auf der Kuppe des Birkenkopfs, einer bewaldeten Anhöhe mit 471 m Höhe.

Die erste Flak am Botnanger Sattel

Bereits ab 1915 hatte die deutsche Luftwaffe mehrere Flakbatterien in Stuttgart aufgestellt, um die Stadt gegen Luftangriffe zu schützen. Da die Hänge damals noch wenig besiedelt waren, eigneten sich diese als Standorte für die Fliegerabwehr. In der Verlängerung der Forststraße oberhalb der Gäubahn (heute Wohngebiet Köllestraße /Botnanger Straße) in Richtung Botnanger Sattel wurden zwei russische Beutekanonen mit Kaliber 7,62 cm als ortsfeste Flak (O Flak Zug 45, Stellung C) stationiert.

Auf dem Hasenbergturm war ab Oktober 1915 eine Flugwache stationiert, die herannahende feindliche Flugzeuge melden sollte. Solche Flugwachen waren an exponierten Stellen mit ausgeprägter Weitsicht stationiert. Ihre einzige Möglichkeit zur Erkennung herannahender Flugzeuge waren damals akustische und optische Wahrnehmungen. Das gesichtete Flugzeug wurde dann anhand von Abbildungen der bekannten eigenen und gegnerischen Flugzeuge identifiziert.

Bis 1917 wurde die Stellung auf vier Geschütze erweitert. Die Nachbarstellung lag am Mühlbachhof (Stellung A, O Flak Zug 55). Auch dort waren zunächst zwei, später vier russische 7,62 cm Beutekanonen aufgestellt.

Nach dem ersten Weltkrieg wurden diese Stellungen zurückgebaut. Manche Standorte wurden im Rahmen der Stadtentwicklung überbaut. In den späten 1930er Jahren war mit dem Konzept der Luftverteidigungszone West (LVZ West) zunächst der Versuch unternommen worden, die Fliegerabwehr durch einen grenznahen Flak-Gürtel sicher zu stellen. Nach der Kapitulation Frankreichs wurde die noch im Aufbau befindliche LVZ West jedoch aufgegeben und die Flak wieder punktuell gefährdeten Orten zugewiesen. Somit entstand die Planung eines neuen Flak-Rings um Stuttgart.

Die Batterie auf dem Birkenkopf

Als ein geeigneter Standort für eine schwere Flak-Batterie wurde auch der Birkenkopf angesehen. Zur Verteidigung Stuttgarts gegen Westen wurden schwere Flak-Stellungen bei Stammheim, Korntal / Weilimdorf, Solitude, Mühlbachhof, Birkenkopf und Vaihingen errichtet. Weitere Batterien wurden im Süden, Osten und Norden stationiert.

Die Batterien bestanden üblicherweise jeweils aus vier  8.8 cm Kanonen. Diese wurden ortsfest installiert, das heißt die Kreuzlafette des Geschützes wurde im Boden fest verankert. Jede Kanone war von einem Erdwall umgeben, der nach innen mit Holz abgestützt war und Munitionsnischen enthielt. Neben den schweren Flak verfügte jede Batterie über leichte Flak (2 cm) und zumeist auch über Maschinengewehre um Tiefflieger bekämpfen zu können. Dazu kamen die Messgeräte und die Umwertung, die die Messungen in Höhen- und Seiteneinstellungswerte für die Geschütze umrechnete.

Für die Batterie wurde am Birkenkopf der Wald entsprechend gerodet. Am Waldweg zwischen der Kräherwaldstraße und der Batterie stand ein Wachhäuschen. Hier war der offizielle Eingang zur Batterie. Das Café Geißeiche fungierte als Poststelle der Batterie.

Die Flakbatterien hielten Kontakt zu ihren jeweiligen Nachbarbatterien. So sollte die Einsatzfähigkeit der Batterien gewährleistet werden, falls die eigene Zielerfassung oder Umwertung ausfallen würde. Die Nachbarbatterien des Birkenkopfs waren seit 1943 die schweren Flakbatterien in Vaihingen, am Mühlbachhof und Weilimdorf.

Der Einsatz von Flakhelfern

Die Mannschaften wurden in Holzbaracken untergebracht. Auch eine Küchenbaracke gehörte zur Batterie. Schließlich gehörten zu einer Batterie mit vier 8,8 cm-Kanonen rund 80 Soldaten, zuzüglich der Mannschaften der leichten Flak. So wird verständlich, dass die im Januar 1943 eingezogenen 30 – 40 Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums (Jahrgänge 1926 und 1927), die der Batterie am Birkenkopf zugewiesen waren, keinen Platz in den Baracken fanden. Man quartierte sie im requirierten Vereinsheim Weiß-Rot ein, rund 600 m von der Batterie entfernt. Bei Alarm hatten die Luftwaffenhelfer die Distanz im Spurt zu überwinden.

Nachdem die Luftwaffenhelfer an den Kanonen eingelernt waren, wurde die Stammmannschaft der Batterie abgezogen. Für die Flakhelfer bedeutete dies einerseits, dass sie in die Baracken der Batterie einziehen konnten, aber andererseits auch, dass sie jetzt die Mannschaft der Batterie stellten. Angeleitet von ein paar älteren Soldaten, die auch das Kommando führten und unterstützt von russischen „Hilfswilligen“ („HiWis“), maßen die 16 – 17 jährigen Schüler die Entfernung zum Ziel, schafften Munition heran, luden und richteten die Kanonen und feuerten sie auf Befehl ab. Sie waren zu vollwertigen Flaksoldaten geworden, ohne deren rechtlichen Status zu erhalten, denn offiziell waren sie immer noch Angehörige der Hitlerjugend.

Fliegerabwehr

Am 17. April 1943 wurde ein Flaksoldat am Birkenkopf verletzt, als ein abstürzender Bomber die Batterie mit seinen Bordwaffen beschoss. Im August 1944 gab es durch eine Sprengbombe in der Batterie mehrere Tote. Noch heute sind im umliegenden Wald Bombentrichter zu finden.

Im Laufe des Krieges wurden die Geschütze und Batterien immer wieder ausgewechselt. Mehrere schwere Flakbatterien aus Stuttgart wurden 1944 mitsamt ihren Flakhelfern in das Industriegebiet bei Auschwitz verlegt. Die Stellungen in Stuttgart wurden dann von neu aufgestellten Heimatflakbatterien übernommen, die oft nur über ältere 8,8 cm Kanonen verfügten. Auch diese Batterien wurden überwiegend mit Luftwaffenhelfern besetzt.

Am Birkenkopf wurden die nach Osten verlegten Geschütze jedoch durch vier 10.5 cm Flak ersetzt und die Anzahl der Kanonen später sogar auf sechs erhöht. Diese Maßnahme wurde auch propagandistisch begleitet. Der Birkenkopf wurde zur „Flakfestung“ erklärt. Zur „Festung“ gehörte auch mindestens eine 2 cm-Vierlingsflak auf einem 4 Meter hohen Holzturm sowie mehrere Maschinengewehre.

Der Begriff „Flakfestung“ bot immer wieder Nahrung für Spekulationen. Da eine Begehung des Batteriegeländes nicht mehr möglich ist kursieren Gerüchte über Bunker, Stollen und andere befestigte Bauten, die jedoch weitgehend spekulativ sind. Die Batterie folgte den Bauvorschriften für schwere Flakbatterien und hat somit kaum anders ausgesehen, als die anderen Batterien in Stuttgart. Bis auf ein paar leichte Bunker für Munition und für die Umwertung waren die Bauten aus Holz. Erdwälle boten einen gewissen Schutz vor Splittern.

Erd- und Endkampf

Anfang April 1945 wird die Batterie für den Erdkampf vorbereitet. Die Mannschaft übt mit einem Panzermodell. Auf den Engelbergturm bei Leonberg soll ein vorgeschobener Beobachter entsandt werden. Mitte April werden die Erdwälle eingeebnet, um die Kanonenrohre senken zu können.

Am 20. April 1945 wird Erdalarm ausgelöst. Die Batterie schießt auf Erdziele. Es ist nicht klar, ob diese Ziele wirklich getroffen werden, oder ob die Batterieleitung die Munition als Sperrfeuer verschießen lässt. Der Batteriekommandant stellt es den Flakhelfern frei, entlassen zu werden. Einige nehmen das Angebot an. Andere bleiben.

Auch am 21. April feuert die Batterie auf Erdziele in unterschiedlichen Richtungen. Zeitzeugenberichte legen nahe, dass diese Aktivitäten darauf abzielen, die Munition zu verschießen, damit die Batterie gesprengt werden kann. Am Geschütz „Anton“ kommt es dabei noch zu einer Tragödie. Bei einem Rohrkrepierer wird die gesamte Bedienungsmannschaft getötet.

Am Nachmittag des 21. April wird gegnerische Infanterie bei Möhringen ausgemacht. Die Batterie Vaihingen wird von französischen Truppen besetzt. Am Birkenkopf werden die Geschütze zur Sprengung vorbereitet und die letzten Flakhelfer nach Hause geschickt.

Von der Flakstellung zum Trümmerberg

Nach dem Krieg begann man in Stuttgart wie in allen zerbombten deutschen Städten mit der Trümmerbeseitigung. Zunächst wurden innerstädtische Plätze als Sammelstellen ausgewiesen. Straßenbahngleise wurden repariert und für Trümmerbahnen genutzt.

Damit konnte die Räumung beschleunigt werden. Schon bald entstanden mehrere Sortieranlagen, wo wiederverwendbare Materialien wie z.B. gut erhaltene Ziegelsteine sofort aussortiert und dem Wiederaufbau zugeführt wurden. Das reduzierte die Menge zu beseitigender Trümmer und erleichterte die Instandsetzung von Gebäuden.

Dennoch blieb eine enorme Menge an Trümmern, die nicht einfach wiederverwendet werden konnte. So fiel die Entscheidung, dieses Material auf dem ehemaligen Gelände der Flakbatterie Birkenkopf abzulagern. Von 1953 – 1957 wurden 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer auf den Birkenkopf verbracht, der dadurch 40,2 Meter an Höhe gewann. Mit nun 511 Metern ü. NN. Ist er heute der höchste Punkt im inneren Stadtgebiet Stuttgarts. Dies gab letztlich auch den Ausschlag dafür den 1943 gesprengten Aussichtsturm am Hasenberg nicht wieder aufzubauen.

Der Trümmerberg ist weitgehend übererdet und bewaldet. Auf seiner Kuppe liegen aber noch immer zahlreiche große Trümmer, die einen Eindruck vermitteln, wie die Straßen Stuttgarts im Sommer 1945 ausgesehen haben. Hieraus leitet sich der noch heute weit verbreitete Spitzname des Birkenkopfes ab: Monte Scherbelino.

Bereits 1953 wurde ein Holzkreuz auf der Kuppe aufgestellt, das 2003 durch ein Stahlkreuz ersetzt wurde. Zwischen Ostern und September findet hier jeden Sonntag eine Morgenandacht statt.

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