Jesingen – „Natter“-Basis

 

Unmittelbar neben der Autobahn A8 bei Jesingen liegen die Überreste einer Anlage im Wald, die im März 1945 errichtet wurde. Es sind die Betonfundamente für die Startvorrichtungen des Raketenflugzeugs Bachem Ba 349 „Natter“.

Die „Natter“ war ein mit Flüssigtreibstoff betriebenes Raketenflugzeug, das senkrecht starten konnte. Dazu wurden vier abwerfbare Starthilfsraketen eingesetzt. Die weitgehend aus Sperrholz gefertigte Konstruktion brachte dem bis dahin eher unbekannten Konstrukteur und Zulieferer der Flugzeugindustrie Erich Bachem einen Fertigungsauftrag ein.

Das Raketenflugzeug sollte von einer Holzrampe starten und als Abfangjäger gegen feindliche Bomberverbände eingesetzt werden. Nach dem Angriff sollte der Pilot die „Natter“ mit dem Fallschirm verlassen. Die „Natter“ sollte ebenfalls per Fallschirm zu Boden gehen. Diese Konzeption erfüllte zentrale Forderungen des Reichsluftfahrtministeriums und der SS: Es waren keine erfahrenen Piloten nötig, der hohe Holzanteil ermöglichte die Produktion großer Stückzahlen trotz Rohstoffmangels und es war kein Flugplatz für den Einsatz nötig.

Das „Natter“-Konzept 

Ab 3. November 1944 erfolgten Tragschleppversuche bei Neuburg an der Donau. Dabei wurden Testversionen der Ba 349 von einem Schleppflugzeug in die Luft gezogen. Dort startete der Pilot das Raketentriebwerk für den vorgesehen Testflug. Da die Schlepptests recht erfolgreich waren, wurden zwei Standorte für den Test des Senkrechtstarts ausgewählt. Die Truppenübungsplätze Ohrdruf bei Gräfenroda (Thüringen) und Heuberg bei Stetten am Kalten Markt (Württemberg). Bei beiden Testplätzen waren auch Fertigungsstätten vorgesehen. Sehr wahrscheinlich sollte ein Teil der Stollenanlagen im Jonastal dafür verwendet werden. Die Produktion für den Testplatz Stetten war in Bad Waldsee am Standort der Firma Bachem vorgesehen. Eine dritte Produktion war in Nabern bei Kirchheim / Teck geplant. Für den Senkrechtstart wurde eine kreisrunde Betonplattform mit ca. 4 m Durchmesser benötigt. In ihrer Mitte befand sich ein ca. 2 m tiefer rechteckiger Schacht, in dem eine 18 m hohe Holzmastlafette verankert wurde. Der Betonsockel hatte eine rundumlaufende Rinne für ein Stützrad. Somit konnte die Lafette um 360 Grad gedreht werden.

Unternehmen „Krokus“

Ende Februar 1945 begannen bei Jesingen direkt neben der Autobahn Stuttgart – München die Arbeiten für den Bau der Basis, die den Ersteinsatz der „Natter“ ermöglichen sollte. Der Kampfeinsatz erhielt den Decknamen Unternehmen „Krokus“. 10 Holzmastlafetten waren bereitgestellt worden. Bachem hatte für das Projekt einen Entwurf vorgelegt, der 6 Startvorrichtungen umfasste, 15 Ba 349, 1 Kran für 3 Tonnen Last, 3 Transportwagen, sowie Tankwagen, Wasserwagen, Flak-Meß- und Rechengerät, Feldtelefone etc. Anfang März wurde eine Einheit mit 8 „Natter“-Piloten nach Holzmaden verlegt, wo sie im Gasthaus Lamm auf die Fertigstellung der Startbasis wartete. Diese war für den 15. März vorgesehen. Die zugehörigen Offiziere waren privat untergebracht. Die Verpflegung erfolgte über eine im Ort aufgestellte Feldküche. Doch die Bauarbeiten zogen sich hin. Statt der geplanten 6 Betonfundamente wurden letztlich nur drei fertig, die in einem fast gleichseitigen Dreieck in 110 bzw. 120 m Abstand zueinander angelegt wurden. Im Zentrum des Dreiecks sollte ein fahrbarer Befehlsbunker aufgestellt werden, der als Befehls- und Steuerzentrale diente. Die Lafetten sollten nach dem Start mit einer weiteren „Natter“ bestückt werden. Allerdings waren auch die Ba 349 im März 1945 noch nicht in der entsprechenden Stückzahl verfügbar.

Als im März 1945 erkannt wurde, dass bedingt durch den Kriegsverlauf das Unternehmen „Krokus“ in Jesingen nicht mehr durchgeführt werden konnte, lieferte man die übrigen Mastlafetten nach Bad Waldsee. Erich Bachem hatte zuletzt den 10. Mai als neues Datum für das Unternehmen „Krokus“ genannt. Doch auch dieser Termin wurde unhaltbar. Am 20 April 1945 erlebte Holzmaden einen Jabo-Angriff, dem auch die Feldküche der „Natter“-Einheit zum Opfer fiel. Eine junge Frau aus dem Dorf und der Koch der Feldküche kamen ums Leben. Am Nachmittag erreichten amerikanischen Truppen Holzmaden. Die Piloten und ihre Einheit hatten sich zuvor noch abgesetzt.

Der erste bemannte Raketenflug 

Am 1. März 1945 erfolgte auf dem Truppenübungsplatz Heuberg der erste bemannte Raketenstart der Geschichte. Nach wochenlangen Tests mit Puppen wurde Lothar Sieber im Cockpit einer BA 349 in den Himmel geschossen. Das Raketenflugzeug konnte bis 14.000 m hoch steigen. Auf 12.000 m Flughöhe gerechnet stieg es mit 200 m/s senkrecht in die Höhe. die maximale Geschwindigkeit betrug 1.000 km/h.

Lothar Sieber bezahlte den Einsatz mit seinem Leben. Durch einen Defekt an der Haube löste sich diese. Der Pilot verlor die Kontrolle über die „Natter“. Er stürzte aus 1.500 m Höhe ab, ohne sich retten zu können. 1980 wurde auf dem Truppenübungsplatz Heuberg ein Gedenkstein für Lothar Sieber errichtet.

Die Abschußstellungen im Hasenholz überlebten das Kriegsende und die Jahrzehnte danach weitgehend unbehelligt. Da die Stellung direkt neben dem Ort liegt baute man nicht einmal Baracken. Die Holzmastlafetten wurden wahrscheinlich in der Nachkriegszeit verheizt. Doch das Schicksal der „Natter“-Stellung ist besiegelt. Sie wird der neuen Bahntrasse Stuttgart – Ulm zum Opfer fallen.

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