Lauffen, Scheinanlage Brasilien

Ab Frühjahr 1940 wurde bei Lauffen am Neckar unter dem militärischen Decknamen „Brasilien“ eine Scheinanlage errichtet, die bei Nacht den Stuttgarter Hauptbahnhof nebst Bahnhofsviertel simulieren sollte. Die „zum Schutz der Rüstungsindustrie vom Luftgaukommando“ (OB Strölin) errichtete Anlage war nicht die einzige in der Region. Sie ist aber bis heute eine der bekanntesten und meisterwähnten Nachtscheinanlagen der Deutschen Luftwaffe des 2. Weltkriegs.

Die deutsche Luftwaffe hatte – wie auch die Engländer – bereits zu Kriegsbeginn mit der Errichtung von Scheinanlagen begonnen, um gegnerische Luftangriffe von Städten und strategischen Zielen abzulenken. Diese Aktivitäten wurden bereits vor dem Angriff auf Frankreich intensiviert.

Seit dem 18.12.1939 flog die RAF keine Tagangriffe auf Deutschland mehr, um die eigenen Verluste zu senken. Diese Entscheidung förderte die Errichtung von Nachtscheinanlagen auf deutscher Seite.

Für die Scheinanlage bei Lauffen hatte man den Standort sorgfältig ausgewählt. Der Neckarbogen bei Lauffen sieht aus der Luft dem bei Bad Cannstatt ähnlich. Im Bereich der Scheinanlage wurde schwere und leichte Flak zusammengezogen, um durch eine entsprechend massive Verteidigung die Täuschung zu vervollständigen.

Sowohl in England als auch in Deutschland waren die Städte zu dieser Zeit nachts vollständig verdunkelt. Selbst Fahrräder und Autos hatten entsprechende Verdunklungslampen zu benutzen, deren Licht nur auf kurze Entfernung sichtbar war. Den auf Sicht fliegenden Bombern boten sich also nur wenige, oft schwache Lichter als Orientierungspunkt.

So konnte beim „Scheinbahnhof“ auf aufwändige Bauten weitgehend verzichtet werden, die die tagsüber fliegende Luftaufklärung leicht hätte entdecken können. Es gibt von „Brasilien“ ein Luftbild der Royal Air Force von 1941. Auf diesem Foto ist von der Anlage kaum etwas zu erkennen. Da die Flakstände feldmäßig errichtet worden waren, waren sie mit Tarnnetzen leicht zu verbergen. Sie sind auf dem Luftbild praktisch nicht zu sehen. Und auch die wenigen größeren Bauten, wie die Bahnhofsattrappe oder zwei runde Ziegelgemäuer, könnte man leicht für landwirtschaftliche Bauwerke in der Weite des Feldes halten.

Die Anlage erstreckte sich auf dem „Großen Feld“ zwischen Lauffen, Nordheim, und Hausen über 42 unzusammenhängende Flurstücke mit zusammengenommen knapp 175 ar, die auf 11,4 Quadratkilometer Feld- und Wiesengrundstücke verstreut waren.
In diesem Areal  war ein Netz mit elektrischen Lampen und Glühbirnen verlegt worden. Sie waren in der Regel von zeltartig aufgestellten Strohmatten bedeckt. Die ca. 30 Meter breite Bahnhofsattrappe mit ihrem 10 Meter hohen „Turm“ war wie eine Filmkulisse aus Holz und Sackleinen errichtet worden.

Die bei Tage eher unspektakulär wirkende Konstruktion verwandelte sich bei Nacht dank ausgefeilter Beleuchtungstechnik in eine Illusion vom Stuttgarter Hauptbahnhof und seiner Umgebung. Selbst die Funken, die fahrende Straßenbahnen verursachten, wurden von den deutschen Beleuchtungsspezialisten simuliert.

Bei Luftwarnung für die Region Lauffen erhielt die Bedienungsmannschaft die Anweisung die Anlage zu beleuchten. Die Beleuchtung wurde beim Herannahen feindlicher Flugzeuge langsam heruntergedimmt, so dass vom Flugzeug aus keine Details erkannt werden konnten. Waren die Flugzeuge auf Angriffsdistanz, begann die Flak zu feuern und die Bedienungsmannschaft schaltete die meisten Lampen aus. Gleichzeitig entzündete sie vorbereitete Brandsätze, die den Bomberpiloten entstehende Brände durch Bombenwürfe vortäuschen sollten. Herfür verfügte die Scheinanlage über zahlreiche Backsteintröge in unterschiedlichen Größen, in denen brennbares Material und Zündsätze bereit lagen. Durch die Kombination von Flak-Aktivität und simulierten Bränden sollten die Bombenschützen überzeugt werden, dass die ersten Abwürfe begonnen hatten und auch sie ihre Bomben auf das „Ziel“ werfen sollten.

In der Nacht vom 29. Auf den 30. Juli 1940 fielen auf diese Weise zum ersten Mal Bomben auf die Anlage. Bereits am 22. August 1940 erfolgte der zweite Angriff. Drei Tage später, am 25. August, erreichten erstmals britische Bomber die Stadt Stuttgart. Ihre Bomben fielen auf Wohnhäuser in Gaisburg.

Auf den Scheinbahnhof fielen bis Jahresende 1940 siebenmal Bomben, bei drei dieser Angriffe schlugen Bomben auch in Lauffen ein. Freilich hatte eigentlich keiner dieser Angriffe Lauffen am Neckar oder den umliegenden Dörfern gegolten.

Für die zweite Hälfte des Jahres 1941 zählte die Luftabwehr bei 11 Angriffen 1226 Abwürfe auf die Scheinanlage, davon 201 Sprengbomben, ca. 1000 Brandbomben und 25 Leuchtbomben. Dabei waren diese Bomben nicht alle für Stuttgart bestimmt. Nach aktuellem Forschungsstand wurde der Scheinbahnhof auch von Flugzeugen bombardiert, die Frankfurt, Mannheim oder Karlsruhe angreifen sollten, die aber in der Dunkelheit ihre Ziele nicht fanden und letztlich auf die Scheinanlage hereinfielen. Das für die Scheinanlage zuständige Luftgaukommando VII wertete die Maßnahmen als erfolgreich. Da sie die wirklichen Einsatzziele der Bomber nicht kannte, ging die deutsche Luftwaffe davon aus, dass die Angriffe alle Stuttgart gegolten hatten. Diese Interpretation zieht sich bis heute durch fast alle Berichte und Darstellungen zur Scheinanlage „Brasilien“.

Ungeachtet der tatsächlichen Einsatzziele ist unstrittig, dass die Stadt Lauffen und die Nachbargemeinden bis zum Rückbau des Scheinbahnhofs 1943 wegen dieser Anlage 17 Angriffe aus der Luft erlebten, die zum Teil erhebliche Schäden in den Orten verursachten und Tote und Verletze forderten. Stellt man dem gegenüber, dass zahlreiche vergleichbare Städte in der Region wie etwa Bietigheim bis zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Luftangriff erdulden mussten, wird der Unmut der Lauffener gegen die Scheinanlage und die von ihr zu schützende Stadt Stuttgart nachvollziehbar. Dabei erfolgte der schwerste Angriff auf Lauffen nachdem die Anlage Brasilien längst abgebaut war, am 13. April 1944.

Der letzte Angriff auf „Brasilien“ fand im Mai 1943 statt. In der zweiten Jahreshälfte wurde die Anlage komplett rückgebaut, die meisten Flakmannschaften wurden nach Stuttgart verlegt. Dort entstand auch eine Nachfolgeanlage. Nachdem die alliierten Bomber inzwischen über verbesserte Navigationsgeräte verfügten, konnten sie die Ziele besser finden. Somit mussten Scheinanlagen in größerer räumlicher Nähe zu den gefährdeten Städten eingerichtet werden.

Da es von der Anlage selbst praktisch keine Pläne und Fotos gibt, gab es lange Zeit nur Spekulationen und im Laufe der Zeit verfälschte mündliche Überlieferungen, wie diese Anlage wirklich ausgesehen hat.

Es ist dem Museum im Klosterhof Lauffen und der Künstlergruppe „Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene)“ zu verdanken, dass mittels eines Fragebogens, Ortsterminen und Treffen von Zeitzeugen erstmalig ein systematischer Versuch unternommen wurde, Licht in die wuchernden Legenden um den „Scheinbahnhof“ zu bringen.

Was an unstrittigen Fakten zusammengetragen werden konnte, wurde vom 15. Mai – 25. Juni 2011 in einer Ausstellung des Museums im Klosterhof präsentiert.

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