Lauffen, Scheinanlage Brasilien

1940 wurde bei Lauffen am Neckar eine Scheinanlage errichtet. Am 25. August des Jahres hatte die britische Luftwaffe zum erstenmal Stuttgart angegriffen. In der Prioritätenliste der Royal Air Force stand das Rüstungszentrum Stuttgart neben Hamburg auf Platz 2, direkt hinter Berlin. Zwar traf der Angriff Gaisburg und nicht das eigentliche Ziel, die Daimlerwerke in Untertürkheim. Das Signal wurde auf Deutscher Seite jedoch verstanden.

Den Standort der Scheinanlage hatte man sorgfältig ausgewählt. Der Neckarbogen bei Lauffen sieht aus der Luft dem bei Bad Cannstatt ähnlich. Im Bereich der Scheinanlage wurde schwere und leichte Flak zusammengezogen, um durch eine entsprechend massive Verteidigung die Täuschung zu vervollständigen.

Die britische Luftwaffe flog ihre Angriffe im Schutze der Nacht. Für die Konzeption der Scheinanlage war dies von wesentlicher Bedeutung. Die deutschen Städte waren zu dieser Zeit nachts bereits völlig verdunkelt. Selbst Fahrräder und Autos hatten entsprechende Verdunklungslampen zu benutzen, deren Licht nur auf kurze Entfernung sichtbar war. Den auf Sicht fliegenden Bombern boten sich also nur wenige, oft schwache Lichter als Orientierungspunkt.

So konnte bei der Scheinanlage mit dem Decknamen „Brasilien“ auf aufwändige Bauten weitgehend verzichtet werden, die die tagsüber fliegende Luftaufklärung leicht hätte entdecken können. Tatsächlich gibt es von „Brasilien“ offenbar nur ein Luftbild der Royal Air Force von 1941. Von der Anlage ist dort kaum etwas zu sehen. Da die Flakstände feldmäßig errichtet worden waren, waren sie mit Tarnnetzen leicht zu verbergen. Auch von ihnen ist auf dem Luftbild praktisch nichts zu erkennen.

Tatsächlich war auf dem „Großen Feld“ zwischen Lauffen, Nordheim, und Hausen ein Netz elektrischer Lampen und Glühbirnen verlegt worden. Sie waren in der Regel von zeltartig aufgestellten Strohmatten bedeckt. Einzelne Attrappen wurden wie Filmkulissen aus Holz und Sackleinen aufgebaut, so der „Bahnhofsturm“, der bei Tag aus der Luft für eine landwirtschaftliche Einrichtung gehalten werden konnte. Bei Nacht jedoch verwandelte sich das „Große Feld“ dank ausgefeilter Beleuchtungstechnik in eine Illusion vom Stuttgarter Hauptbahnhof und seiner Umgebung. Selbst die Funken, die fahrende Straßenbahnen verursachten, wurden von den deutschen Beleuchtungsspezialisten simuliert.

Aus Ziegeln gemauerte Tröge enthielten vorbereitete Brandsätze, die durch Brandbomben entstehende Brände simulierten. Die alliierten Bomberverbände hatten sogenannte Pfadfinderflugzeuge, die das Ziel finden sollten und es mit entsprechenden Leuchtsätzen markieren sollten. Die deutsche Flak schoss farblich gleiche Leuchtmittel ab, so dass die gegnerischen Piloten davon ausgehen mussten, am Ziel zu sein.

Nun wurden die ersten Brandsätze entzündet. Damit sollten die Bombenschützen überzeugt werden, dass die ersten Abwürfe begonnen hatten und auch sie ihre Bomben auf das Ziel werfen mussten.

Für die zweite Hälfte des Jahres 1941 zählte die Luftabwehr 1226 Abwürfe auf die Anlage, davon 201 Sprengbomben, ca. 1000 Brandbomben und 25 Leuchtbomben. Es ist davon auszugehen, dass diese Bomben alle für Stuttgart bestimmt waren. Der letzte Angriff auf „Brasilien“ fand im Mai 1943 statt. In der zweiten Jahreshälfte wurde die Anlage komplett rückgebaut, die meisten Flakmannschaften wurden nach Stuttgart verlegt. Dort entstand auch eine Nachfolgeanlage. Da die alliierten Bomber inzwischen über verbesserte Navigationsgeräte verfügten, konnten sie die Ziele besser finden. Somit mussten Scheinanlagen in größerer räumlicher Nähe zu den gefährdeten Städten eingerichtet werden.

Da es von der Anlage selbst praktisch keine Pläne und keine Fotos gibt, gab es lange Zeit nur Spekulationen und im Laufe der Zeit verfälschte mündliche Überlieferungen, wie diese Anlage wirklich ausgesehen hat.

Es ist dem Museum im Klosterhof Lauffen und der Künstlergruppe „Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene)“ zu verdanken, dass mittels eines Fragebogens, Ortsterminen und Treffen von Zeitzeugen erstmalig ein systematischer Versuch unternommen wurde, Licht in die wuchernden Legenden um den „Scheinbahnhof“ zu bringen.

Was an unstrittigen Fakten zusammengetragen werden konnte, wurde in einer Ausstellung des Museums im Klosterhof zusammengefasst, die leider nur wenige Wochen zu sehen war, vom 15. Mai – 25. Juni 2011.

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