Bereich Bietigheim

Als die französischen Truppen am 8. April 1945 Bietigheim erreichten, konnten sie die Weststadt besetzten, fanden aber alle Enzübergänge gesprengt vor und einen Gegner, der sich am östlichen Enzufer zum Widerstand eingerichtet hatte. Die Bevölkerung hatte den Evakuierungsbefehl von Bürgermeister Gotthilf Holzwarth ignoriert und erlebte damit die folgenden 12 Tag inmitten der Front. In der Stadt wurde bei den Kämpfen in den Apriltagen 1945 mehr Schaden verursacht und Zerstörung angerichtet, als durch Luftangriffe während des ganzen Krieges.

Diese Erinnerungen haben sich in das Gedächtnis der Zeitzeugen eingebrannt. Nicht wenige Bietigheimer berichten, dass sie noch immer irgendwo im Haus einen Granatsplitter stecken haben oder eine kleine Beschädigung, die als persönliche Erinnerung an das Geschehen bis heute bewahrt wurde.

Die Bunker der Neckar-Enz-Stellung im Stadtgebiet waren zu dieser Zeit zwar teilweise besetzt, aber sie konnten in die Kämpfe kaum eingreifen, so dass sie 1945 keine Rolle spielten.

Weitgehend unerwähnt ist bis heute die mögliche Auswirkung eines französischen Angriffs auf Bietigheim und Umgebung in der Form, wie man diesen auf deutscher Seite seit Anfang der 1920er Jahre diskutierte. Natürlich kann keine Aussage über den tatsächlichen Verlauf einer solchen befürchteten Offensive und ihren Ausgang getroffen werden. Doch welche theoretische Überlegung dem Konzept Neckar-Enz-Stellung zugrunde lag ist überliefert und Auswirkungen auf die Stadt Bietigheim lassen sich daraus ableiten.

Entlang der Enz zwischen Bissingen und Besigheim war eine Reihe von Bunkern errichtet worden, die mit Maschinengewehren ausgestattet waren. Die Bunker zwischen Bissingen und Enzviadukt sind heute nicht mehr vorhanden. Lediglich die Ruine an der Wobachstrasse ist noch in den Wintermonaten im Gestrüpp sichtbar. Beim Vereinsheim des Trachtenvereins befand sich ebenfalls ein Bunker und eine „Garage“ für eine 3,7 cm Panzerabwehrkanone (Pak). Diese Räumlichkeit wird teilweise auch als „Flak-Garage“ interpretiert und dem späteren Kriegsgeschehen zugeordnet. Tatsächlich liefert diese „Garage“ einen Einblick in die Überlegungen zur deutschen Defensivstrategie der 1920er und frühen 1930er Jahre.

Die Reichswehr und später die Wehrmacht hätte sich nicht nur auf die Maschinengewehrstände verlassen, sondern hatte auch Pak und Artillerie eingeplant, die aber nicht fest installiert und verbunkert waren, was nach den Versailler Vertrag auch verboten war. Stattdessen wurden Stellungen vorbereitet und Unterstände geschaffen, die im Mobilmachungsfall belegt werden konnten. Hierzu gehörten die Bunker am Enzufer, deren Linie sich unter dem Bahnviadukt zur Altstadt (Gaishalde) hinzog.

Wo heute das Gebäude steht in dem der aldi-Markt untergebracht ist, gab es zwei Bunker. Einer musste dem Neubau weichen, der andere ist zwischen aldi und Viadukt noch als Ruine erhalten. In der Gaishaldestrasse gab es einen Beobachter, der noch heute in einem Privatgrundstück liegt. Danach setzte sich die Bunkerlinie im Sand bis zum Klärwerk fort, wo mehrere Bauwerke der Bahnlinie Richtung Enz vorgelagert waren. Diese sind teilweise noch erhalten, der Bunker 302 kann gelegentlich besichtigt werden. Die Enz und der Bahndamm wurden als natürliche Hindernisse in die Befestigung eingeplant.

Dahinter, oberhalb der Bahnlinie zog sich eine zweite Reihe durch den Bietigheimer Forst in Richtung Husarenhof. Dies waren aber überwiegend Unterstände. Die erhöhte Position des Forstes war für Artillerie vorgesehen. Tatsächlich waren auch bei den Kämpfen 1945 am Husarenhof deutsche Geschütze in Stellung gebracht worden, die die französischen Positionen in der Weststadt beschossen.

Da man die Verteidigungskonzepte der Neckar-Enz-Stellung und vergleichbarer Stellungen im Reichsgebiet auf der Basis der Erfahrungen des 1. Weltkriegs erstellte, hatte man großes Augenmerk darauf gelegt, einen Durchbruch mit Panzern unmöglich zu machen. Der Gegner wäre dann gezwungen worden, nur mit Infanterie in einem schwierigen Gelände vorzudringen, wo die deutschen Maschinengewehre in den Bunkern und Schützenlöchern warteten. Dieses Konzept entsprach der Kriegsführung im 1. Weltkrieg. Die kleinen, oft ins Gelände eingepassten Bunker wären durch damals benutzte Flugzeuge kaum zu bekämpfen gewesen. Ihre Konstruktion galt als sicher gegen Beschuss selbst mit schwerer Artillerie. Was im Generalstab „strategische Defensive“ oder „operatives und strategisches Hinhalten“ genannt wurde, barg somit die Gefahr, die Enzregion in einen Stellungskrieg hineinzuziehen, der jenem der Westfront des 1. Weltkriegs hätte sehr ähnlich werden können. Wie damals in Frankreich hätte man in der Mobilmachungsphase auch an Neckar und Enz die Städte und Gemeinden evakuiert um den Militärs im wahrsten Sinne des Wortes das Feld zu überlassen.

Natürlich hätte es auch ganz anders kommen können. Niemand weiß, ob es in Bietigheim bei einer solchen Auseinandersetzung überhaupt zu Kämpfen gekommen wäre. Der tatsächliche Lauf der Geschichte ist überliefert.

Zu den heute relativ unbekannten Details gehört die Umnutzung von 8 Bunkern der Neckar-Enz-Stellung auf Bietigheimer Gemarkung für Zivilschutzzwecke, die als öffentliche Luftschutzbunker eingerichtet wurden. Diese Maßnahme war am 15.02.1941 abgeschlossen. Die beiden Bunker zwischen aldi undViadukt waren genauso umgerüstet worden wie die Bunker am Sand. So haben einige Bietigheimer bei Fliegeralarm die Bunker der Neckar-Enz-Stellung aufgesucht. Die Luftschutzstollen wurden schließlich erst 1944 gebaut.

Wenn heute Städte wie Bietigheim-Bissingen private Initiativen zum Erhalt dieser Bunker unterstützen, zeigen sie auch ein Geschichtsbewusstsein, das über die Jahre 1933 – 1945 hinausgeht. Die Bunker sind ein direktes Ergebnis des 1. Weltkriegs. Die Reste der Neckar-Enz-Stellung sind somit auch greifbare Erinnerungsorte, die verdeutlichen, dass das Ende des 1. Weltkrieges eine Situation schuf, die schon vor 1933 militärisch und politisch instabil war. Und sie verdeutlichen auch, dass der seit 1945 in Mitteleuropa herrschende Frieden auf der Idee einer europäischen Gemeinschaft basiert, die alte Feindbilder überwand.