Scheinanlagen bei Karlsruhe

In keiner deutschen Stadt kamen im Ersten Weltkrieg mehr Menschen bei Luftangriffen um als in Karlsruhe. Die Stadt erlebte 14 Luftangriffe, bei denen 168 Menschen zu Tode kamen. Es lag also nahe, dass sie auch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als stark gefährdet eingestuft wurde. In unmittelbarer Nähe der Stadt Karlsruhe wurden 1940 drei Nachtscheinanlagen errichtet. Die Quellenlage ist sehr unterschiedlich und leider sind auch die publizierten Darstellungen widersprüchlich und vermischen Informationen der Anlagen miteinander.

Das Luftgaukommando VII begann im Frühjahr 1940 mit der Errichtung von Nachtscheinanlagen, die zivile Ziele vortäuschen sollten, z.B. die Stadtzentren von Stuttgart oder Karlsruhe, Häfen oder markante Industrieanlagen. Scheinflughäfen, die bei Tag und/oder bei Nacht einen Flugplatz simulieren sollten, waren bereits in größerer Zahl kurz vor oder nach Kriegsbeginn eingerichtet worden.

Im Schwarzwald entstanden Scheinanlagen zum Schutz der Mauser-Werke in Oberndorf oder der Uhrenindustrie in Schramberg. Zwischen Unteröwisheim, Oberöwisheim und Zeutern wurde ein Scheinbahnhof mit zahlreichen weiteren Simulationen aufgebaut, der Angriffe auf die Bahnhofsgegend von Bruchsal auf sich ziehen sollte. Eine Simulation des Stuttgarter Bahnhofsviertels stand bei Lauffen am Neckar.

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Kalrsruhe Innenstadt um 1939. Die Scheinanlage „Venezuela“ sollte vor allem den Schlossfächer, den Bereich der Kriegs-Straße und den Bahnhof simlulieren.

Anlage Venezuela

Im Hardtwald zwischen Linkenheim, Friedrichstal und Blankenloch wurde durch Rodungen der Grundriss der Karlsruher Fächerstadt (Schlossfächer, Kriegsstraße und Bahnhof) nachempfunden. Die Anlage wird auch häufig Eggenstein-Leopoldshafen zugeordnet. Diesem Umstand ist wahrscheinlich auch zuzuschreiben, dass die Anlage immer wieder fälschlicherweise als Simulation des Rheinhafens bezeichnet wird. Von dieser Anlage existiert eine Karte, die auch online verfügbar ist, wenngleich in minimaler Auflösung. Im Original ist die Karte 1,20 x 1,00 m groß. Sie wurde 2005 im Rahmen der Ausstellung „Luftschutz und Luftkrieg in Karlsruhe 1933 – 1945“ im Prinz-Max-Palais gezeigt. Die Karte zeigt den Zustand des Jahres 1941 und belegt, dass „Venezuela“ nicht den Rheinhafen, sondern den oben beschriebenen Teil der Innenstadt simulieren sollte. Die Scheinanlage erstreckte sich zwischen der heutigen B 36 im Westen und Schloß Stutensee im Osten, im Norden begrenzt durch die heutige L 558 und im Süden durch die L 559. Vereinzelte Elemente lagen außerhalb dieses Vierecks.

Auf einem Teil des Geländes befindet sich heute der Campus Nord. Die anderen Teile des Hardtwaldes und damit der ehemaligen Scheinanlage „Venezuela“ sind noch heute begehbar. Die Anlage bestand aus gerodeten Schneisen und Lichtinstallationen. Die technische Installation wurde 1943 abgebaut. Ein Teil der damals geschlagenen Schneisen ist jedoch als Waldweg bis heute erhalten. Ihr Geheimnis offenbart sich freilich nur demjenigen, der diesen Teil der Geschichte des Hardtwalds kennt.

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Das Areal der Scheinanlage „Venezuela“ auf Google Maps heute. Von einem Kreismittelpunkt östlich des Hirschkanals und nordöstlich des Campus Nord öffnete sich ein Kreissegement nach Südwesten, das den Schloßfächer nachbildete. Die meisten Schneisen für diesen Teil der Scheinanlage reichten bis zur L 559 und befanden sich im Bereich des heutigen Campus Nord. Der simulierte Bahnhofsbereich lag ungefähr am unteren Bildrand westlich der Bahnlinie südlich von Friedrichstal.

Die online verfügbaren Einträge zu dieser Anlage gehen offenbar weitgehend auf eine einzige Quelle zurück, da sie mitunter im Wortlaut identisch sind. Insbesondere der Satz „Im Zweiten Weltkrieg sollte durch den geheimen Bau einer Stadtattrappe (Tarnname ‚Venezuela‘) mit dem bekannten Karlsruher Fächergrundriss […] eine Zerstörung der Stadt verhindert werden, was jedoch ohne Erfolg blieb“ ist in diversen Online-Medien gleichlautend zu finden. Den Aufzeichnungen der Luftwaffe zufolge wurden auf die Anlage allerdings bei 10 Angriffen zwischen Juli 1940 und Mai 1942 Bomben geworfen.

Dem bisherigen Forschungsstand zufolge gab es bei Weingarten und vermutlich bei Blankenloch jeweils eine Flakstellung. Wann diese errichtet und besetzt waren, ist noch Gegenstand der Forschung. Geografisch liegen beide Standorte zwischen den Arealen der Scheinanlagen „Venezuela“ und „Columbia“ und hätten somit eine perfekte Kombination aus Scheinanlagen und Flak ergeben. In diesem Bereich sind noch weitere Recherchen nötig.

Das Generallandesarchiv schreibt zur Karte der Anlage, dass „die Planung wohl eine Reaktion auf den ersten Bombenangriff auf Karlsruhe am 15. Juni 1940“ gewesen sei, „denn der Plan ist am 31. Juli 1940 abgeschlossen gewesen.“ Auch diese Aussage ist zu hinterfragen. Schaut man die inzwischen gut aufbereitete Geschichte der Scheinanlage „Brasilien“ an, so stellt sich die Frage, ob „Venezuela“ nicht bereits vor dem 15. Juni 1940 geplant und begonnen worden ist. Der Bau von „Brasilien“ war im Frühjahr 1940 angelaufen und dauerte ca. 3-4 Monate. Es ist unwahrscheinlich, dass „Venezuela“ innerhalb von ca. 5 Wochen erstellt worden ist. Am 29.07.1940 war die Anlage jedenfalls einsatzfähig, denn in dieser Nacht wurde sie erstmals bombardiert. Die Darstellung, sie sei eine Reaktion auf den Luftangriff am 15. Juni 1940 gewesen, passt freilich nicht zu der planvollen Errichtung von Scheinanlagen des Luftgaukommandos VII in der Nähe von als gefährdet betrachteten Städten. Es spricht einiges dafür, dass die drei Scheinanlagen bei Karlsruhe ab Anfang 1940 im Rahmen eines Gesamtkonzepts geplant und ab Frühjahr 1940 realisiert wurden, sie also nicht isolierten Reaktionen auf einzelne Luftangriffe entsprangen.

Anlage Columbia

Die Attrappe des Rheinhafens war unter dem Decknamen „Columbia“ 9 km Südwestlich von Bruchsal zwischen Weingarten und Untergrombach errichtet worden. Diese Ortsangabe führt zum Areal des Baggersees Weingarten. Von der Anlage „Columbia“ gibt es keine Karte und auch nur wenige genauere Angaben.

In vielen Erzählungen, Darstellungen und Online-Beschreibungen werden die Anlagen „Columbia“ und „Venezuela“ verwechselt. Die Ortsangabe für „Columbia“ ist ziemlich eindeutig und macht es zweifelhaft, dass sie auch aus „Ausrodungen im Hardtwald“ bestand. Wenn die Fläche des Baggersees zur Simulation des Rheinhafens herangezogen wurde, könnten im angrenzenden Wald durchaus auch Rodungen für die Scheinanlage vorgenommen worden sein. Hier wären eindeutige Belege jedoch hilfreich.

Auch zur Ausdehnung der Anlage und eingesetzten Scheinanlagen-Elementen ist bislang keine nennenswerte gesicherte Information bekannt, so dass hier noch vieles einer fundierten Aufarbeitung und Erforschung harrt. Die Anlage „Columbia“ muss am 26. Juli 1940 einsatzfähig gewesen sein, da in dieser Nacht bei einem Luftangriff drei Leuchtbomben auf die Anlage niedergingen. Die Briten konnten aber offenbar kein Ziel erkennen, denn es folgten keine Spreng- oder Brandbomben. Bis zum Mai 1942 fielen bei zehn Luftangriffen Bomben auf diese Scheinanlage.

Die schwere Flakbatterie auf dem Hummelberg bei Grötzingen lag nur 9 km entfernt. Sie war ein Teil der Luftverteidigungszone West.  1941 kam auf dem Ringelberg noch eine weitere Schwere Flakbatterie zum Schutz Karlsruhe hinzu.

Anlage Panama

Am wenigsten bekannt ist über die dritte Scheinanlage bei Karlsruhe, die südlich der Stadt bei Ettlingen im dortigen Hardtwald angelegt wurde. In diesem Wald befanden sich seit 1939 die Marinegeschütze der Hardtwaldbatterie zuerst in offenen Bettungen, später in Betonüberdeckung. Auch die Reste mehrerer gesprengter Bunker sind dort noch immer zu finden.

Doch zur Scheinanlage „Panama“ fehlen sowohl die genaueren Ortsangaben wie auch die Details zur Bauzeit. Da die Hardtwaldbatterie unmittelbar nach dem Frankreich-Feldzug aufgelöst wurde, könnte die Scheinanlage ab Sommer 1940 angelegt worden sein. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Scheinanlage unmittelbar neben dem aktiven Batteriegelände der Marinegeschütze errichtet wurde. Andererseits war das unbebaute Gelände ausgedehnt genug, um in einem gewissen Abstand zu den Artilleriestellungen eine Scheinanlage einrichten zu können.

Es bleibt zu hoffen, dass auch die Geschichte dieser Scheinanlage noch genauer erforscht und aufgearbeitet werden kann. Den Quellen zufolge sollte sie eine Industrieanlage simulieren.

Die ersten Bomben auf „Panama“ fielen am 25. August 1941, die letzten im Mai 1942. Die Anlage zog bei 6 Luftangriffen Bomben auf sich.

Wirkung der Anlagen

Richtig ist natürlich, dass die Scheinanlagen die Bombardierung Karlsruhes nicht verhindert haben. Diese Aussage zieht sich durch die online-Quellen und wird auch vom Generallandesarchiv betont. Diesem Umstand, und der Tatsache, dass aus Geheimhaltungsgründen nur wenige Unterlagen zu den Scheinanlagen in den Archiven vorhanden sind, ist es wohl hauptsächlich geschuldet, dass die Scheinanlagen als „wirkungslos“ eingestuft wurden und ihre Geschichte bis heute nicht weiter aufgearbeitet wurde. Die drei Karlsruher Scheinanlagen wurden von den britischen Bomberpiloten auch nicht als solche erkannt, denn die Liste der gemeldeten deutschen  Scheinanlagen ist erhalten. Da die Anlagen dort nicht aufgeführt sind, konnte auch von dieser Seite keine weitere Forschung angestoßen werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass aus der Generation der großen Nachtscheinanlagen von 1940 die meisten 1943 rückgebaut wurden, weil sie zu diesem Zeitpunkt infolge der verbesserten Ortungsverfahren nicht mehr wirksam waren. So wurden alle temporären Installationen entfernt, belegte landwirtschaftliche Flächen an die Bauern zurückgegeben und wieder bewirtschaftet. In Karlsruhe sind es vor allem noch erhaltene Spuren der Ausrodungen, die von den Scheinanlagen zeugen.

Erst allmählich beschäftigen sich in Deutschland einzelne Autoren mit dem Thema Scheinanlagen. Ihre Erkenntnisse decken sich mit denen britischer Autoren. Demnach war die Zahl der von beiden Kriegsgegnern errichteten Scheinanlagen beträchtlich. In den ersten Kriegsjahren führten die Scheinanlagen immer wieder zu Fehlwürfen und zur Zersplitterung von Angriffen. Und auch wenn sie diese nicht komplett verhindern konnten, so schwächten sie die Wirkung mancher Luftangriffe doch ab.

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