Scheinanlage „Venezuela“

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Kalrsruhe Innenstadt um 1939. Die Scheinanlage „Venezuela“ sollte vor allem den Schlossfächer, den Bereich der Kriegs-Straße und den Bahnhof simlulieren.

Im Hardtwald zwischen Linkenheim, Friedrichstal und Blankenloch wurde durch Rodungen der Grundriss der Karlsruher Fächerstadt (Schlossfächer, Kriegsstraße und Bahnhof) nachempfunden. Die Anlage wird auch häufig Eggenstein-Leopoldshafen zugeordnet. Diesem Umstand ist wahrscheinlich auch zuzuschreiben, dass die Anlage immer wieder fälschlicherweise als Simulation des Rheinhafens bezeichnet wird. Von dieser Anlage existiert eine Karte, die auch online verfügbar ist, wenngleich in minimaler Auflösung. Im Original ist die Karte 1,20 x 1,00 m groß. Sie wurde 2005 im Rahmen der Ausstellung „Luftschutz und Luftkrieg in Karlsruhe 1933 – 1945“ im Prinz-Max-Palais gezeigt. Die Karte zeigt den Zustand des Jahres 1941 und belegt, dass „Venezuela“ nicht den Rheinhafen, sondern den oben beschriebenen Teil der Innenstadt simulieren sollte. Die Scheinanlage erstreckte sich zwischen der heutigen B 36 im Westen und Schloß Stutensee im Osten, im Norden begrenzt durch die heutige L 558 und im Süden durch die L 559. Vereinzelte Elemente lagen außerhalb dieses Vierecks.

Auf einem Teil des Geländes befindet sich heute der Campus Nord. Die anderen Teile des Hardtwaldes und damit der ehemaligen Scheinanlage „Venezuela“ sind noch heute begehbar. Die Anlage bestand aus gerodeten Schneisen und Lichtinstallationen. Die technische Installation wurde 1943 abgebaut. Ein Teil der damals geschlagenen Schneisen ist jedoch als Waldweg bis heute erhalten. Ihr Geheimnis offenbart sich freilich nur demjenigen, der diesen Teil der Geschichte des Hardtwalds kennt.

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Das Areal der Scheinanlage „Venezuela“ auf Google Maps heute. Von einem Kreismittelpunkt östlich des Hirschkanals und nordöstlich des Campus Nord öffnete sich ein Kreissegement nach Südwesten, das den Schloßfächer nachbildete. Die meisten Schneisen für diesen Teil der Scheinanlage reichten bis zur L 559 und befanden sich im Bereich des heutigen Campus Nord. Der simulierte Bahnhofsbereich lag ungefähr am unteren Bildrand westlich der Bahnlinie südlich von Friedrichstal.

Die online verfügbaren Einträge zu dieser Anlage gehen offenbar weitgehend auf eine einzige Quelle zurück, da sie mitunter im Wortlaut identisch sind. Insbesondere der Satz „Im Zweiten Weltkrieg sollte durch den geheimen Bau einer Stadtattrappe (Tarnname ‚Venezuela‘) mit dem bekannten Karlsruher Fächergrundriss […] eine Zerstörung der Stadt verhindert werden, was jedoch ohne Erfolg blieb“ ist in diversen Online-Medien gleichlautend zu finden. Den Aufzeichnungen der Luftwaffe zufolge wurden auf die Anlage allerdings bei 10 Angriffen zwischen Juli 1940 und Mai 1942 Bomben geworfen.

Dem bisherigen Forschungsstand zufolge gab es bei Weingarten und vermutlich bei Blankenloch jeweils eine Flakstellung. Wann diese errichtet und besetzt waren, ist noch Gegenstand der Forschung. Geografisch liegen beide Standorte zwischen den Arealen der Scheinanlagen „Venezuela“ und „Columbia“ und hätten somit eine perfekte Kombination aus Scheinanlagen und Flak ergeben. In diesem Bereich sind noch weitere Recherchen nötig.

Das Generallandesarchiv schreibt zur Karte der Anlage, dass „die Planung wohl eine Reaktion auf den ersten Bombenangriff auf Karlsruhe am 15. Juni 1940“ gewesen sei, „denn der Plan ist am 31. Juli 1940 abgeschlossen gewesen.“ Auch diese Aussage ist zu hinterfragen. Schaut man die inzwischen gut aufbereitete Geschichte der Scheinanlage „Brasilien“ an, so stellt sich die Frage, ob „Venezuela“ nicht bereits vor dem 15. Juni 1940 geplant und begonnen worden ist. Der Bau von „Brasilien“ war im Frühjahr 1940 angelaufen und dauerte ca. 3-4 Monate. Es ist unwahrscheinlich, dass „Venezuela“ innerhalb von ca. 5 Wochen erstellt worden ist. Am 29.07.1940 war die Anlage jedenfalls einsatzfähig, denn in dieser Nacht wurde sie erstmals bombardiert. Die Darstellung, sie sei eine Reaktion auf den Luftangriff am 15. Juni 1940 gewesen, passt freilich nicht zu der planvollen Errichtung von Scheinanlagen des Luftgaukommandos VII in der Nähe von als gefährdet betrachteten Städten. Es spricht einiges dafür, dass die drei Scheinanlagen bei Karlsruhe ab Anfang 1940 im Rahmen eines Gesamtkonzepts geplant und ab Frühjahr 1940 realisiert wurden, sie also nicht isolierten Reaktionen auf einzelne Luftangriffe entsprangen.

Der Anlage war bis März 1941 der IV. Zug der Res.Flak-Batterie 453 zugeordnet. Auf Anordnung vom 10.03.1941 wurde dieser durch Raketengeschütze ersetzt.