Weilimdorf Scheinanlage und Flak-Batterie

Im Sommer 1943 wurde die Scheinanlage „Brasilien“ bei Lauffen am Neckar abgebaut. Seit Frühsommer 1940 hatte sie immer wieder Angriffe auf sich gezogen, deren Ziel Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Nürnberg und andere Städte waren. Mit der Weiterentwicklung der Navigationstechnik war die Anlage gegen Ende 1942 weitgehend unwirksam geworden. Die Bomber konnten ihre Ziele nun genauer finden.

Die Luftwaffe, der die Fliegerabwehr und damit auch die Scheinanlagen unterstanden, reagierte mit einem neuen Typ von Scheinanlagen. Hatten Nachtscheinanlagen wie jene in Lauffen durch Lichttäuschungen Städte imitiert, so wurden die neuen Nachtscheinanlagen mit Signalraketen ausgestattet. Sie imitierten die Zielmarkierungen der Pfadfinderflugzeuge, an denen sich die Bombenschützen der folgenden Bomber orientierten.

Solche Spezialraketen wurden von Herstellern von Signalmunition wie etwa der Depyfag in Cleebronn entwickelt. Die Signal-Scheinanlagen wurden in unmittelbarer Nähe von Städten aber auf noch unbebautem Gebiet errichtet. So sollten die feindlichen Bomber zum Abwurf unmittelbar vor Erreichen ihres eigentlichen Ziels gebracht werden.

Von Lauffen nach Weilimdorf

Als Ersatz für die Anlage „Brasilien“ wurde ab Spätsommer 1943 eine Signal-Scheinanlage bei Weilimdorf / Hausen errichtet. Wie schon im Falle der Anlage in Lauffen war für die Errichtung das Flughafenkommando Böblingen zuständig. Zwischen Gerlingen Gehenbühl, Hausen und dem Fasanengarten wurden vier Stellungen errichtet.

Die Nordstellung lag im Gewann „ Im Hausen“. Dort war in den 1930er Jahren eine Schweinemästerei angesiedelt worden. Darüber hinaus war das Areal weitgehend unbebaut. Die Oststellung lag im Bereich des Sandbuckel (Giebel), der Standort ist heute überbaut.

Im Gerlinger Gewann „Gänsewiese“, im Bereich des heutigen Breitwiesenhauses, lag die Südstellung. Unweit dieser Stellung befand sich südlich von Giebel am Waldrand (Ecke Herdweg/Molchweg), der Gefechtsstand (Kommandobunker). Die Weststellung schließlich lag im Gewann „Aispach“, ungefähr in dem Bereich .in dem sich heute der toom-Baumarkt und das umliegende Gewerbegebiet befindet. Alle vier Stellungen konnten vom Kommandobunker aus überblickt werden. 

Neben den hölzernen Abschussvorrichtungen für die Signalraketen verfügte die Anlage auch über Brandstellen, die im Falle eines Angriffs entzündet werden konnten und so entstehende Brände simulieren sollten. Diese Vorrichtungen bestanden aus gewellten Eisenrosten, die ca. 1 x 2,5 m maßen. Sie waren auf Betonsockeln montiert und in Reihen aufgestellt. Auf diesen Rosten lag teergetränktes Holz, das von der Bedienungsmannschaft der Anlage in Brand gesetzt wurde. Die Bombentrichter in den Feldern und Gärten neben der Batterie und den Stellungen der Scheinanlage wurden oft schon unmittelbar nach den Angriffen notdürftig verfüllt, um gegnerischen Aufklärungsfliegern möglichst wenig Anhaltspunkte über die Fehlwürfe der Nacht zu geben.

Die Anlage konnte mehrfach Angriffe zumindest teilweise auf sich ziehen. Bei den Juli-Angriffen des Jahres 1944, in denen das Stadtzentrum von Stuttgart vollkommen zerstört wurde, waren mindestens am 29. Juli auch Spreng- und Brandbomben auf die Anlage gefallen. Dies konnte die Katastrophe nicht verhindern, aber wenigstens diese Bomben verfehlten die Stadt. Auch die Bombenwürfe eines einzelnen Mosquito-Bombers am 03. Oktober 1944 auf den Fasanengarten bei Weilimdorf dürften auf das Konto dieser Anlage gegangen sein.

„Großkampfbatterie“ Weilimdorf

Im Bereich der Gerlinger Straße zwischen Hausen und der heutigen B295 stand die „Großkampfbatterie“ Weilimdorf. Es handelte sich um die Schwere Heimatflakbatterie 206/XIII mit sechs 8,8 cm-Kanonen. Ihr Batteriegelände grenzte direkt an die Nordstellung der Scheinanlage. An der heutigen B295 etwas näher in Richtung Weilimdorf wurde eine RAD-Flakbatterie in Stellung gebracht (leichte Flak). In unmittelbarer Nähe der Scheinanlage lagen auch die Schwere Flak-Batterie Korntal im Bereich Lotterberg / Birkemer Höhe und die Batterie Solitude, an der Solitude-Straße gegenüber der Wolfbusch-Siedlung.

Mit dieser Konzeption behielt die Luftwaffe das bewährte Konzept der Kombination aus Scheinanlagen und starker Flugabwehr bei. Die Flak verstärkte durch ihre Tätigkeit bei den gegnerischen Bomberpiloten den Eindruck das Ziel erreicht zu haben und sie sollte außerdem auch Flugzeuge außerhalb des Stadtgebiets abschießen.

Die Schwere Heimatflakbatterie 206/XIII wurde im Sommer 1944 als Ersatz für die 3./s. 460 (o) (3. Schwere Flakbatterie 460 – ortsfest) aufgestellt, welche nach Auschwitz zum Schutz der dortigen Industriebetriebe verlegt worden war. Es war nicht die einzige Stuttgarter Flakbatterie, die nach Auschwitz ging. Auch die Batterien aus Vaihingen (4./s. 460), Heumaden (5./s. 460) und Stammheim (6./s. 460) wurden im Sommer 1944 dorthin verlegt. Sie nahmen ihre Geschütze genauso mit wie ihre Flakhelfer. So kamen einige Stuttgarter Flakhelfer zum Einsatz in jenem Industriekomplex, an den auch das KZ angeschlossen war. Eine ausführliche Darstellung dieser Einsätze aus Sicht der Schweren Flakbatterie Vaihingen  (4./s.460) liefert Günter Aicheles Buch „Schülersoldaten – Soldatenschüler“.

Die Heimatflakbatterien, die – wie in Weilimdorf – als Ersatz dienten, waren ebenfalls mit Flakhelfern besetzt. Der hauptsächliche Unterschied zu den nach Auschwitz abkommandierten Batterien bestand darin, dass die Heimatflakbatterien über ältere Geschütze verfügten. Die moderneren Kanonen waren zum Industrieschutz abkommandiert worden.

Östlich und westlich der heutigen Hemminger Straße, unmittelbar nördlich der heutigen B295 lag die Stellung der Meßstaffel mit einem „Würzburg Riese“, einem Funkmeßgerät (vermutlich „Wassermann“) dem Kommandogerät für die Flakbatterie und der Umwertung. Für die Batterie waren insgesamt etwa 20 Baracken errichtet worden, sowie ein Sanitätsbunker und ein Munitionsbunker. Der Batteriebereich grenzte im Westen unmittelbar an die Nordstellung der Scheinanlage, die im Wesentlichen aus zwei Baracken, Signalraketenrampen und Täuschungsinstallationen bestand. Die „Großkampfbatterie“ war überwiegend mit Flakhelfern aus Stuttgarter und Heilbronner Oberschulen besetzt. Einige ältere Soldaten und russische „Hilfswillige“ ergänzten das Batteriepersonal.

Der Heilbronner Flakhelfer Werner Bäuerle beschreibt in seinen Aufzeichnungen über die Zeit in der Batterie Weilimdorf auch den Doppelangriff auf Bad Cannstatt und Gaisburg am 19./20. Oktober 1944. Die Flakbatterie und das umliegende Gelände wurden von der zweiten Angriffswelle am frühen Morgen des 20. Oktober direkt mit Sprengbomben, Brandbomben und Luftminen angegriffen. Mehrere ihrer Unterkünfte und die meisten Unterkünfte der benachbarten RAD-Batterie und der Meßstaffel wurden zerstört, in Weilimdorf brachen Brände aus, auch der Fasanenwald geriet in Brand. .Da das Ziel des Angriffs Bad Cannstatt und Gaisburg war, sind diese Bombenwürfe mit größter Wahrscheinlichkeit auf die Aktivität der Scheinanlage zurückzuführen, die so einen Teil der Bomben auf sich und das Gelände der Flakbatterien zog. Die Tagebuchaufzeichungen Werner Bäuerles sind in Heinz Barduas „Stuttgart im Luftkrieg 1942-1945“ und in Hermann Quecks „Noch einmal davon gekommen“ veröffentlicht.

Die Nähe der Scheinanlage zu Weilimdorf, Wolfbusch und Korntal führte aber auch immer wieder zu Bombenwürfen auf dortige Wohngebiete. So wurde der schwerste Angriff auf Weilimdorf am 28. Januar 1945 durch die Aktivität der Scheinanlage verursacht. Auch die Flak-Batterie Weilimdorf lag bei diesem Angriff wieder direkt im Bombenhagel. Neben Sprengbomben fielen Hunderte Stabbrandbomben. Es gab einen Toten und 15 Verletzte. Wieder wurden mehrere Baracken zerstört.

Abschüsse und Erdkampf

Die Heilbronner Luftwaffenhelfer sahen von ihrer Stellung bei Weilimdorf-Hausen am 4. Dezember 1944 auch den Feuerschein ihrer schwer getroffenen Heimatstadt. In dieser Nacht wurden 8 Bomber im Bereich der Batterie abgeschossen. Am 21. Januar fiel ein amerikanischer Bomber der Weilimdorfer Flak zu Opfer.

Die meisten Luftwaffenhelfer beendeten ihren Dienst in der Batterie am 20. Februar 1945. Ein kleiner Teil von ihnen wurde allerdings als Luftwaffensoldaten dort eingegliedert.

Am 21. April 1945 stand die Flak-Batterie noch im Erdkampf gegen die aus Ditzingen vorrückenden Franzosen. Der Abwehrkampf war allerdings nur von kurzer Dauer. Gegen 9:30 h war die Munition verschossen. Die Soldaten sprengten die festinstallierten Geschütze und sollten sich in Richtung Ulm absetzen. Dabei gerieten einige im Filstal in amerikanische Gefangenschaft.

An die“Großkampfbatterie“ Weilimdorf erinnert heute nichts mehr. Nur eine Lücke zwischen zwei Gärten lässt den einstigen Verbindungsweg zur Meßstaffel erkennen. Die Stellung der Meßstaffel ist weitgehend überbaut. Es gibt nur noch einen Fundamentrest am Feldrand.

Auch die Scheinanlage wurde nach dem Krieg fast vollständig entfernt. Die verbrannte Erde der Brandstellen wurde ausgetauscht. Die Baracken und Betonsockel wurden abgetragen. Lediglich der Kommandobunker am Herdweg/Molchweg blieb erhalten. Der ca. 12 x 3 m große Bunker hatte einen aufgesetzten Beobachtungsstand und beherbergte die Kommunikationseinrichtungen für die Scheinanlage. In den 1970er Jahren wurde der Beobachtungsstand abgerissen und der Bunkereingang zugeschüttet. Das Grundstück ist heute in Privatbesitz.

Weitere Signal-Scheinanlagen in der Region

Die Luftaufklärung der Royal Air Force meldete am 05. April 1944 zwei Standorte von Signal-Scheinanlagen im Bereich der Stadt Stuttgart, nämlich die Anlage beim Fasanengarten und eine zweite im Schmidener Feld. Bislang gibt es für diese zweite Signal-Scheinanlage keine Beweise. Die Aufklärer könnten sich genauso gut geirrt haben.

Tatsächlich existiert hat eine ebenfalls 1943 errichtete Signal-Scheinanlage in der Nähe von Niefern-Öschelbronn an der A8. Dieser Anlage war eine Flak-Einheit beigeordnet, die im November 1944 in eine Stellung an der A8 bei Ulm verlegte. Ob die Zerstörung Heilbronns am 04. Dezember 1944 hätte abgemildert werden können, wenn die Einheit bei Niefern-Öschelbronn geblieben wäre, bleibt letztlich unbeantwortet. Die Scheinanlage war von der britischen Luftwaffe offenbar nicht als solche erkannt worden.

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