WIFO-Lager Ebrach

Ein in vielen Fällen vergessenes Erbe der Nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie sind die Tanklager der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (Wifo), Berlin. Die am 24 August 1934 unter Mitwirkung des Reichswirtschaftsministeriums in Berlin gegründete Gesellschaft war ein Gemeinschaftsunternehmen der Gesellschaft für öffentliche Arbeiten AG, Berlin (80% des Stammkapitals) und der I.G. Farbenindustrie AG, Frankfurt (20% des Stammkapitals).

War als offizieller Zweck des Unternehmens „ die Errichtung und der Betrieb von Versuchs- und Forschungsanlagen zur Förderung von Industrie und Handel“ genannt worden, sah die Realität freilich pragmatischer aus. Seit seiner Gründung widmete sich das Unternehmen der Beschaffung und Bevorratung strategischer Rohstoffreserven (Kraft- und Schmierstoffe, neben Rohöl auch Ölprodukte und später T-Stoffe als Treibstoff für Raketentriebwerke). Bis Mitte 1942 überzog das Unternehmen das Reichsgebiet und z.T. auch besetzte Länder mit einem Netz aus Tanklagern und schuf eine imposante Transportinfrastruktur aus über 38.000 Kesselwagen (Bahnwaggons) und 35 Binnenschiffen. Die Gesamtkapazität der Lager hatte bis dahin ca. 1,5 Millionen cbm Tankraum für Kraftstoffe und über 100.000 cbm für Schmierstoffe erreicht. Hinzu kamen erhebliche Tankkapazitäten für andere Stoffe.

Die deutsche Luftwaffe bezog rund 90 % ihres Treibstoffbedarfs von der Wifo, während sich das Heer mit 10 % bei dem Versorgungsunternehmen eindeckte. Neben der Lagerung und dem Umschlag von Öl- und Kraftstoffprodukten gehörte auch das Mischen von Treibstoffen sowie die Verwaltung der ganzen Produktpalette zu den Aufgaben der Gesellschaft. Die Zahl der bei der Wifo Beschäftigten lag bei Kriegsende bei rund 10.000 Menschen. 1951 wurde die Auflösung der Wifo eingeleitet, aber erst am 15. Mai 1970 wurde sie schließlich vollzogen.

Im Württembergischen Raum sind Aktivitäten der Wifo weitgehend unbekannt. Außer dem Tanklager in Amstetten, das zuletzt von der Bundeswehr genutzt wurde, scheint es keine Wifo-Anlagen in Württemberg gegeben zu haben.

In der Nähe von Schweinfurt, im Schmerber Grund bei Ebrach, entstand 1935 das Heerestanklager mit der laufenden Nr. 4 (Tarnname „Eberau“). In dem nur schwer einsehbaren Tal konnte die Anlage weitgehend im Verborgenen errichtet werden. Der Erhaltungszustand des noch heute privat betriebenen Lagers ist außergewöhnlich gut und ist auf den Einsatz modernster und hochwertiger Materialien beim Bau zurückzuführen.

Für die Ausführung der einfacheren und körperlich schweren Arbeiten wurden Häftlinge aus der nahegelegenen JVA Ebrach herangezogen. Sie wurden strengster Geheimhaltung unterworfen und durften untereinander nur über private und unverfängliche Themen sprechen. Neben den Häftlingen waren Baufachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen vor Ort und sicherten die Erfüllung hoher bautechnischer Standards. Der feuchte Untergrund erforderte ausgeklügelte Fundamentkonstruktionen und Drainagen für die teilweise komplett in den Boden eingelassenen Tanks. Insgesamt wurden auf 15 Hektar Fläche acht oberirdische Tanks in Wannen mit je 600 cbm und sieben unterirdische Behälter mit je 200 cbm Fassungsvermögen angelegt.

Neben diesen 6.200 cbm Tankvolumen entstanden ein Verwaltungsgebäude, eine Schmiede, eine große Werkstatt die fast noch in Originalzustand zu besichtigen ist, Lagergebäude, ein Kesselhaus mit Trafostation zur Stromerzeugung, zwei unterirdische Pumpstationen für Öl und Kraftstoff, ein Kohlebunker, zwei Bunkeranlagen mit 150 qm und 180 qm sowie diverse Luftschutzstollen. Für den Umschlag der Roh- Hilfs- und Betriebsstoffe wurde im Lagergelände ein eigener Bahnhof errichtet. In der Anlage wurde z.B. auch Rohöl aus Rumänien gelagert und aufbereitet weiterverteilt. In den Gebäuden sind noch heute diverse Originalbeschriftungen mit Sicherheitshinweisen aus der damaligen Zeit zu finden. Sie haben wie der Großteil der Anlage den Krieg überlebt.

Obwohl als Heerestanklager angelegt, muss das Tanklager „Eberau“ im Laufe der Zeit seine Bestimmung zumindest teilweise verändert haben. Denn in Ebrach wurde auch T-Stoff (eine Mischung aus 80% Wasserstoffsuperoxyd und 20% Hydroxychinolin) gebunkert. Diese hoch feuergefährliche Substanz, die in speziellen Behältnissen gelagert werden musste, war für das Heer nicht von Bedeutung. Sie wurde jedoch für den Betrieb zahlreicher Strahltriebwerkstypen der deutschen Luftwaffe benötigt. Die funkgesteuerte Gleitbombe Henschel HS 293, die Bachem 349 „Natter“, die A4 (V2)–Rakete, die Heinkel He 162 „Salamander“ und auch die Messerschmitt Me 163 „Komet“ und Me 262 konnten ohne T-Stoff nicht betrieben werden. Folglich muss das Lager in Ebrach zum Kriegsende wohl ganz oder teilweise zur Deckung von Luftwaffenbedarf gedient haben.

Trotz seiner versteckten Lage wurde „Eberau“ 1944 und 1945 von der US Air Force angegriffen. Vier der oberirdischen Tanks wurden dabei zerstört. Die restliche Anlage blieb jedoch weitgehend unversehrt. An der Beton-Schutzhülle eines unzerstörten Hochbehälters sind noch heute einige Einschusslöcher zu sehen. Nach dem Krieg wurde das Tanklager zunächst stillgelegt.

Heute betreibt Richard Schmitt die Anlage zur Lagerung und Transport von Mineralöl- u. Chemieprodukten. Weitere Informationen zum Unternehmen sind auf www.lagerung-schmitt.de zu finden.

Wir möchten uns bei Herrn Schmitt für seine freundliche Führung durch die Anlage und die Freigabe der Fotos herzlich bedanken.