Ingersheim Brandholz, Munitionsniederlage

Am Vormittag des 10. September 1944 griffen rund 30 amerikanische viermotorige Bomber die Munitionsniederlage im Brandholz an der Grenze zwischen Ingersheim und Bietigheim an. Mehrfach flogen sie das Gelände an und warfen zehn 453 kg-Bomben ohne die Depotgebäude zu treffen.

Es ist davon auszugehen, dass die Bomber zu dem Verband gehörten, der mit rund 100 Flugzeugen ursprünglich Günzburg angreifen sollte. Infolge schlechter Sicht wurde aber weder Günzburg noch das Ersatzziel Ulm angegriffen, sondern Ersatzziel Nr. 2, der Rangierbahnhof in Heilbronn-Böckingen.

Sehr wahrscheinlich fanden aber nur rund 70 Flugzeuge das Ersatzziel Nr. 2, während sich 30 Bomber nach Bietigheim verflogen. Dort konnten sie zwar Bahnanlagen und einen Fluss ausmachen, waren sich aber über den Rest ihrer Beobachtung unsicher. Unter Flakbeschuss warfen sie letztlich ihre Bomben.

Vermutlich wäre ohne diesen Angriff das Munitionslager auf Ingersheimer Gemarkung erst 1945 in offiziellen Dokumenten erwähnt worden, als im April 12 Tage lang die Front durch Bietigheim verlief. So erging jedoch am 10. September 1944 umgehend eine Meldung an das Luftgaukommando VII in München, da man davon ausging, dass der Angriff möglicherweise gezielt den Lagergebäuden im Brandholz gegolten hatte. Ein weiterer Angriff auf das Depotgelände erfolgte jedoch nicht.

Das Munitionsdepot Brandholz wurde mutmaßlich 1936/37 in einem Waldstück an der Gemarkungsgrenze Bietigheim-Ingersheim (an der Kreisstraße K1600)  von der Flakabteilung Ludwigsburg errichtet. Betreiber des Depots war das am 1. Oktober 1936 aufgestellte erste Flakregiment 25 Ludwigsburg (I. Flak-Rgt. 25), das u.a. über drei Batterien mit 8,8 cm-Geschützen verfügte. Das Regiment war bis März 1938 in der Flakkaserne Ludwigsburg stationiert, wurde dann nach Wien verlegt und zur Mobilmachung am 25. August 1939 neu aufgestellt und besetzte als Flugabwehrkommando Stuttgart mit den beiden ReserveFlakabteilungen 251 und 252 die Stellungen der Württembergischen Hauptstadt.

Im Juni verlegte das I. Flak-Rgt. 25 in den Raum Oberndorf mit Gefechtsstand in Emmendingen. Die Führung des Flugabwehrkommandos Stuttgart übernahm die Reserveflakabteilung 11/21.

Das I. Flak-Rgt. 25 blieb nur wenige Tage in Oberndorf. Es erfolgte eine erneute Verlegung, um am Rheinübergang bei Straßburg eingesetzt zu werden.

Die Gliederung des Lagers im Brandholz und die Bauart der Lagergebäude weisen starke Ähnlichkeiten zu den Munitionsniederlagen der Luftverteidigungszone (LVZ) West auf, wie etwa jener in Althengstett. Allerdings sind die Lagergebäude im Brandholz etwas kleiner, und in der baulichen Ausführung abweichend. Möglicherweise sind diese Bauten Vorläufer der stark normierten Lagergebäude der LVZ West.

Die Konzeption der getrennten Unterbringung von Kanonen und Munition wurde sowohl in Ludwigsburg/Ingersheim als auch an den Batteriestandorten der LVZ West umgesetzt. Während die Geschütze in Friedenszeiten in entsprechenden Lagergebäuden in Ortschaften untergebracht waren, wurden die Munitionsniederlagen außerhalb in nahe liegenden Wäldern angelegt. Die massiven Lagergebäude wurden an einem ringförmigen Fahrweg angeordnet.

Die Gebäude der Munitionsniederlage Brandholz haben ein flaches Betondach, das sich zur Bepflanzung eignete, um eine natürliche Tarnung zu erreichen. Große Tore an der Vorderseite ermöglichten eine zügige Be- und Entladung. An den Seitenwände und der rückwärtigen Wand gab es Fenster, die mit Metall-Läden verschließbar waren.

Der einstige bauliche Umfang des Munitionsdepots ist bislang nicht geklärt. Bis heute erhalten sind zwei Gruppen zu jeweils drei baugleichen Gebäuden. Die ersten drei Gebäude unterscheiden sich dabei baulich von den anderen dreien. Außerdem befinden sich in dem Waldstück einige zerstörte Betonfundamente von unbekannten Bauwerken. Während der Nutzung als Munitionsdepot war das Gelände umzäunt und bewacht.

Als im Frühjahr 1945 die Front immer näher an Bietigheim heranrückte und sich die Wehrmacht am östlichen Enz-Ufer einrichtete, um den französischen Vormarsch aufzuhalten, sollen die Lagergebäude im Brandholz nach Zeitzeugenaussagen noch einmal benutzt worden sein. Die deutsche Artillerie hatte eine Linie zwischen Asperg und dem Husarenhof bezogen, mit Stellungen auch im Laiern, im Brandholz und im Bietigheimer Forst. Die Munitionsniederlage hätte damit praktisch inmitten der deutschen Verteidigungslinie gelegen. Ob sie bei den Kämpfen im April 1945 wirklich genutzt wurde, ist allerdings bislang nicht eindeutig belegt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Stadtverwaltung die Gebäude im Brandholz zunächst zum Einlagern von militärischem Material (Munition, Panzerfäuste, …). Die Ausrüstungsgegenstände wurden an die Militärregierung in Ludwigsburg gemeldet und danach in deren Auftrag vernichtet.

Obwohl die Kriegsschäden in Bietigheim weniger schwer waren als in manchen anderen Städten, fehlte aber dennoch Wohnraum, um die große Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen aufzunehmen, die aus dem ehemaligen Osten Deutschlands auch in den Südwesten strömten. Ein Teil dieser Menschen wurde zunächst auch in den Gebäuden der Munitionsniederlage untergebracht, nachdem die dort zwischengelagerten Wehrmachtsbestände vernichtet waren. Zuletzt dienten die Gebäude wieder als Lagerraum, nun jedoch für zivile Zwecke.

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