Luftverteidigungszone West

Bis heute ist die Luftverteidigungszone West (LVZ) nur teilweise dokumentiert. Im Wesentlichen gibt es zwei Bücher zum Thema. Bereits 2001 erschien „Bunkerstellungen der Luftverteidigungszone West im Rheinland und Hitlers Hauptquartier in Bad Münstereifel-Rodert“ von Manfred Groß. 2010 veröffentlichten Friedrich, Florian und Felix Wein „Die Luftverteidigungszone West zwischen Nagold, Neckar und Schwarzwald“.

Groß nennt die LVZ West ein „Anhängsel des Westwalls“, Wein beschreibt sie als „rückwärtige Verteidigungslinie des Westwalls“. Beide Autoren kommen aus der Erforschung von Festungsbauten und hier vor allem auch aus der Beschäftigung mit dem Westwall.

Aus dieser Perspektive mag die Sichtweise erklärbar sein. Beide Autoren liefern gut recherchierte und fundierte Ergebnisse ab, die uneingeschränkt zu empfehlen sind. Ihre Werke ermöglichen es letztlich auch die LVZ West losgelöst vom Westwall zu betrachten und ihre Konzeption aus sich heraus zu beleuchten.

Eine Erfahrung aus dem 1. Weltkrieg war der Angriff mit Flugzeugen auf das Hinterland und seine kriegserhaltenden Einrichtungen wie Fabriken, Arbeitersiedlungen, Bahnhöfe und Häfen. Alle großen kriegführenden Nationen setzten diese Mittel ein. Lediglich die Intensität und die Erfolge der Einsätze unterschieden sich.

Während das Deutsche Reich schon sehr früh London und Paris bombardierte, war Berlin zu diesem Zeitpunkt für die Entente-Flugzeuge kaum erreichbar. Die Angriffe der Briten und Franzosen konzentrierten sich auf grenznahe deutsche Städte im Westen wie etwa das Ruhrgebiet, Karlsruhe oder Freiburg im Breisgau. Aber auch Stuttgart erlebte mehrere Luftangriffe.

Während einerseits Jagdflugzeuge zur Abwehr gegnerischer Flugzuge entwickelt wurden, forcierten alle Parteien auch den Aufbau einer bodengestützten Flugabwehr, die auf schweren Fliegerabwehrkanonen (FLAK) und leichten Maschinenwaffen (MG und leichte FLAK) basierte. Zur Identifizierung nächtlich angreifender Flugzeuge wurden leistungsfähige Scheinwerfer entwickelt.

Die Doppelstrategie Jagdflugzeuge + FLAK war in den 1930er Jahren allgemeiner Standard. Als Einrichtung der Luftwaffe war die LVZ zwar räumlich direkt an die als Verteidigungszone des Heeres ausgewiesene Westwall-Zone angeschlossen, sie war aber auch eine eigenständige Konzeption zur Abwehr von Flugzeugen, die nicht dem Heer unterstand und damit auch bei Planung und Realisierung als davon weitgehend unabhängiges Verteidigungssystem gesehen wurde. Dies zeigt sich u.a. auch daran, dass die Luftwaffe hier nicht nur bereits entwickelte Regelbauten nutzte, sondern auch eigene Bunker-Typen schuf.

Die LVZ West entsprach den Vorstellungen Hitlers, dessen Erfahrungen im 1. Weltkrieg ihn die Artillerie als Waffe überbewerten ließ. In dem Glauben, man könne einen Riegel aus Feuer und Stahl erschaffen, durch den kein Flugzeug hindurchdringen könne, wurde mit der Errichtung der LVZ West 1938 begonnen. Zwei Erkundungsstäbe („Eifel“ in Bonn und „Schwarzwald“ in Stuttgart) waren für die Planungen zuständig. Zwischen Erkelenz und Waldshut sollten Flugabwehrbatterien festungsmäßig aufgebaut werden, mit festen Bettungen, Mannschafts- und Kommandobunkern, Beobachtungstürmen, Scheinwerferstellungen und einer entsprechenden Infrastruktur für die Versorgung mit und Lagerung von Beständen und Nachschub. Hierzu gehörten auch Hallen, in denen Geschütze in Friedenszeiten untergebracht werden konnten. An der Schweizer Grenze wurde die Zone noch nach Osten gezogen um an die Luftverteidigung der Stadt Friedrichshafen anzuschließen.

Der Luftabwehr-Riegel sollte neben Batterien für schwere und leichte FLAK Stellungen für Scheinwerfer und Horchgeräte, Beobachtungstürme, ein Kommunikationsnetz (Drahtfunk), Wasserversorgung, Ballonsperren gegen Tiefflieger an bestimmten Stellen, Nebelgeräte und andere Einrichtungen der Fliegerabwehr umfassen.

Die Fertigstellung der LVZ West war für 1942 vorgesehen. Wer sich heute mit ihren Überresten beschäftigt muss sich also im Klaren darüber sein, dass dieses Vorhaben nur teilweise umgesetzt wurde.

Ähnlich wie den Westwall hatte die deutsche Propaganda die LVZ West zur unüberwindbaren Festung und zur undurchdringlichen Todeszone für feindliche Flugzeuge stilisiert. Und wie am Westwall entsprach die Realität diesen Schilderungen kaum.

Trotz eines erheblichen Bauvolumens das die gesamte Planungszone erfasste und fast flächendeckend erste Bauten hervorbrachte waren bei Kriegsausbruch gerade einmal 30% der geplanten Batterien einsatzfähig. Die Ausrüstung war unvollständig. Nur 50% der Batterien in der LVZ West hatten ein Feuerleitgerät, d.h. die anderen hatten nur die Möglichkeit bei herannahenden gegnerischen Flugzeugen Sperrfeuer zu schießen. Auch an schweren Schleppern mangelte es, so dass die Geschütze nur mit Verzögerungen in ihre Stellungen gebracht werden konnten. Die beabsichtigte Flexibilität durch den Einsatz entsprechender Fahrzeuge konnte nicht erbracht werden.

Westwall und LVZ West waren von der deutschen Militärführung sehr wohl auch als Absicherung des Polenfeldzugs nach Westen vorgesehen. Sie sollten einen eventuellen französischen Angriff gegen Westdeutschland verhindern bzw. aufhalten, den die Militärs als mögliche Reaktion auf den Polenfeldzug durchaus in Betracht zogen.

Letztlich erfolgte dieser Angriff nicht und auch die Aktionen der alliierten Luftwaffe bis Mai 1940 blieben sehr begrenzt. Immer wieder gab es Kämpfe mit französischen Flugzeugen, doch die Luftwaffe des westlichen Nachbarn flog kaum massierte Angriffe auf Ziele in Deutschland. Die britische Luftwaffe konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt vornehmlich auf die Küstenstädte und Ziele der Marine.

Mit dem Sieg über Frankreich im Sommer 1940 wurde nicht nur der Westwall, sondern auch die LVZ West als praktisch bedeutungslos eingestuft. Die neue Frontlinie für Heer und Luftwaffe wurde an die Kanalküste verlegt.

Die noch im Aufbau befindliche LVZ West wurde ausgedünnt, die ressourcenintensive Konzeption der Flächenverteidigung wich einer punktuellen Verteidigung von Städten und Objekten. So wurden die FLAK-Batterien um wichtige Städte und Industriestandorte herum zusammengezogen. Die Räume dazwischen wurden freigegeben bzw. teilweise mit Scheinanlagen belegt, die Angriffe von den Ballungs- und Rüstungszentren ablenken sollten. Im Bereich des Luftgaukommandos VII (Stuttgart / München) zog man die FLAK bei den Städten München, Augsburg, Ulm, Stuttgart, Heilbronn, Karlsruhe, Mannheim und Straßburg zusammen. Der Schutz des zunächst als wichtig erachteten Oberndorf (Standort der Mauserwerke) wurde weitgehend auf Nebelanlagen, Ballonsperren, leichte Flak und Scheinanlagen reduziert. Auch das Anfangs als sehr gefährdet eingestufte Freiburg musste seine Luftabwehr zu einem großen Teil abgeben.

Durch diese Maßnahmen hörte die LVZ West praktisch auf zu existieren. Einzelne Stellungen blieben während des Krieges durchaus länger genutzt. Manche Stellungen wurden 1945 zum Schauplatz erbitterter Kämpfe, wo deutsche Einheiten der Übermacht der Alliierten Widerstand entgegenbrachten. Doch waren die Stellungen hierfür weder geeignet, noch hatten die Verteidiger eine Chance sich auf ihren Positionen längere Zeit zu halten.

Ihr kurzes Dasein von 1938 bis 1940, die räumliche Nähe zum Westwall, und auch die Tatsache, dass es nie wirklich eine „Schlacht um die LVZ West“ gab sorgten letztlich dafür, dass diese Verteidigungszone weitgehend in Vergessenheit geriet. Viele Stellungen wurden nach dem Krieg gesprengt. Eine ganze Reihe von Bauwerken fiel dabei Übungen und Sprengversuchen der Bundeswehr und (vor allem im Schwarzwald)deutsch-französischer Einheiten zum Opfer, die Teile der LVZ West lange als Übungsgelände nutzten. So waren weite Bereiche der LVZ West auch noch während des Kalten Krieges militärisches Sperrgebiet, was einerseits zur Beseitigung vieler Bauwerke führte und andererseits eine historische Aufarbeitung behinderte. Diese begann erst nach der Rückgabe der militärisch genutzten Areale nach dem Ende des Kalten Krieges.

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