Kniebis „Tannenberg“

Seit Beginn des Polenfeldzugs begann Hitler für sich und seine militärische Führung verbunkerte Befehlszentralen in Auftrag zu geben, sogenannte Führerhauptquartiere (FHQu). Bis Kriegsende wurden 16 Projekte auf den Weg gebracht. Nicht alle wurden fertiggestellt. 6 bezog er für kürzere oder längere Zeit, weitere 3 nur für wenige Tage. Das wohl bekannteste Führerhauptquartier ist die „Wolfschanze“. Ein FHQu wurde im heutigen Baden-Württemberg errichtet.

Es handelte sich dabei allerdings nicht um einen kompletten Neubau. Vielmehr wurde die schwere Flakstellung der Luftverteidigungszone West (LVZ) ca. einen Kilometer vom Gasthaus Alexanderschanze am Kniebis an der Schwarzwaldhochstraße erweitert. Eine solche Vorgehensweise war auch beim FHQu „Waldwiese“ bei Glan-Münchweiler in der Pfalz gewählt worden.

Das FHQu an der Schwarzwaldhochstraße erhielt den Namen „Tannenberg“. Die Bauarbeiten für „Waldwiese“ und „Tannenberg“ waren beide am 01. Oktober 1939 begonnen worden. Vom 24. bis 30. Januar 1940 war Architekt Schmelcher mit seinem Stellvertreter Müller vor Ort. Die Bauarbeiten dauerten bis zum 01. Juli 1940.

Die Flugabwehrstellung war ab 1938 errichtet worden und hatte zwei Befehlsstellen, vier Bettungen für schwere FLAK, sechs Regelbauten F (Gruppenunterstände für je 18 Mann), drei Regelbauten M (Munitionsbunker) einen Regelbau Pz (Unterstand für eine 3,7 cm PAK und für die Batterieführung) und einen Regelbau B (MG-Schartenstand für 1 schweres MG und 6 Mann).

Für die Nutzung als FHQu erhielt die Stellung zwei zusätzliche Bunker mit zusammen 275 qm Nutzfläche. Hinzu kam eine zusätzliche Baracke mit 85 qm Nutzfläche. Mehrere bereits bestehende behelfsmäßige Unterkunftsgebäude wurden ausgebaut.

Hitler traf am 27. Juni in „Tannenberg“ ein, als die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen waren. Er zeigte sich zwar mit der Anlage insgesamt zufrieden. Allerdings hielt er sich in seinem Bunker kaum auf, da dieser noch nicht ganz ausgetrocknet war. Begünstigt durch das gute Wetter bevorzugte er den Aufenthalt im Freien.

Neben der Feuchtigkeit seines Bunkers störte Hitler das eigentlich unzureichende Platzangebot. So war die Abteilung Landesverteidigung des Wehrmachtsführungsamtes des OKW nicht mehr innerhalb des Sperrkreises des Hauptquartiers untergebracht, sondern im Gasthaus Alexanderschanze.

Von „Tannenberg“ aus unternahm der Diktator am 28. Juni eine Besichtigungsfahrt durch das Elsaß in die Vogesen um sich dort ausgewählte Schauplätze des deutschen Durchbruchs durch die südliche Maginotlinie zeigen zu lassen und besuchte Straßburg. Am 30. Juni folgte eine Besichtigungsfahrt über Breisach nach Mühlhausen.

An den übrigen Tagen empfing Hitler Besuche, um politische und militärische Gespräche zu führen, so z.B. am 01. Juli den italienischen Botschafter Alfieri. Aber auch eine Gruppe des Bunds Deutscher Mädels (BDM) war für ein paar Stunden in „Tannenberg“ zu Gast.

Am 02. Juli trugen hier Generalmajor Jodl und Oberst Warlimont die ersten Pläne für eine Invasion in Großbritannien vor. Sie führten aber zu keiner Entscheidung des Diktators, der am 05. Juli abreiste. Er fuhr mit dem Auto zunächst nach Freudenstadt, wo er verwundete Soldaten im Lazarett besuchte. Danach ging es weiter zum Bahnhof Oppenau, wo er in den „Führersonderzug“ zur Fahrt nach Berlin umstieg.

Noch am Tag der Abreise verlegten alle Teile des Führerbegleitbataillons, die in „Tannenberg“ gewesen waren, nach Bad Nauheim ins FHQu „Adlerhorst“, das Hitler als Quartier während der Invasion in Großbritannien dienen sollte. Tatsächlich fand er sich dort erst zu Beginn der Ardennenoffensive im Dezember 1944 ein.

Nach „Tannenberg“ kehrte er nicht mehr zurück. Nach seiner Abreise ging die Anlage in die Verantwortung des Wehrkreiskommandos V in Stuttgart über.

Die meisten Bauwerke der Stellung „Tannenberg“ wurden nach dem Krieg zerstört, die Trümmer übererdet. Einzelne Hügel und Betonreste verraten noch heute ihren ehemaligen Standort. Von drei gesprengten Regelbauten sind noch Ruinen vorhanden, ebenso wie Fundamente von zwei Gebäuden. Von den Bettungen sind nur noch wenige Reste im Gelände erkennbar.