Mühldorf am Inn

Durch die zunehmenden Luftangriffe waren die Rüstungsbetriebe im Reichsgebiet immer weiter verlagert und in kleine Betriebe aufgeteilt worden. So waren aus den 27 größten Flugzeugfabriken 300 Kleinbetriebe in Bergwerken und Verkehrstunnels entstanden, die immer größere Transportprobleme nach sich zogen.

Daher sollte die Produktion des Düsenjägers Me 262 in sechs riesigen Bunkern zusammengefasst werden. Drei solcher Fabriken sollten im Raum Landsberg am Lech entstehen, einer im Sudetenland nördlich von Prag, einer im Rheinland (Glesch an der Erft) und einer bei Mühldorf am Inn.

Durch die ungünstige Kriegsentwicklung blieben letztlich die bayerischen Standorte, deren Bau begonnen wurde, einer bei Landsberg, einer bei Kaufering und einer bei Mühldorf.

Der Bunker im Mühldorfer Hart

Die Baumaßnahme im Mühldorfer Hart erhielt den Decknamen „Weingut I“. Als Generalunternehmer agierte die Firma Polensky & Zöllner für die Organisation Todt. PZ hatten bereits vor dem Krieg Großprojekte in Stahlbeton ausgeführt und brachten ihre Erfahrung während des Krieges in zahlreiche Bauvorhaben ein: U-Bootbunker, Befestigungsanlagen, Brücken, Flugplätze usw.

Für das Bauprojekt wurden rund 10.000 Zwangsarbeiter aus dem KZ Dachau in das Außenkommando Mühldorf überstellt, die im Schichtbetrieb den Bau realisieren sollten. Die Grundstücke für das Vorhaben wurden beschlagnahmt. Mitte Mai 1944 nahmen die ersten Trupps ihre Arbeit auf und errichteten Baracken.

Der Bunker sollte eine Länge von 400 m erreichen. Dazu wurden 12 Segmente mit je 33 m Länge geplant, die durch 30 cm breite Fugen voneinander getrennt waren. Sie sollten später abgedichtet werden. Die Gewölbe sollten 5 m dick werden und 85 m Breite überspannen. Die Innenhöhe des Bunkers sollte 32,20 m betragen, wovon 13 Meter über dem Geländeniveau gelegen hätten. Der Innenausbau sollte acht Stockwerke umfassen. Die Fundamente hatten eine maximale Stärke von 17 m.

Realisierung

Um die riesige Gewölbekonstruktion zu errichten, entwickelte PZ eine spezielle Vorgehensweise. Zunächst wurde in den Boden ein Entnahmetunnel aus Betonfertigteilen eingebaut, der in regelmäßigen Abständen Schüttöffnungen an der Decke erhielt und eine Feldbahn aufnehmen konnte.

Dann wurde darauf ein Kieshaufen aufgeschüttet, der die Dimensionen eines Bogensegments hatte. Auf diesem wurde der Bogen in einer ersten Stahlbetonschicht aufgebracht. Nun wurde der Kies über die Schütten in Feldbahnwaggons abgelassen und aus dem Bunkersegment heraustransportiert. Er wurde umgehend für die Aufschüttung für das nächste Segment wiederverwendet. Ein Teil wurde auf die Kiesgrube bei Notzen verbracht. Mit Baggern wurde der Kies und der Grund um den Entnahmetunnel abgetragen. Dann wurde der Entnahmetunnel entfernt und der Restaushub ausgeführt. Auf dem Bogensegment wurde dann die nächste Betonschicht aufgebracht.

Ausbaustand

Ende April 1945 waren 7 Bogensegmente mit einer Stärke von drei Metern Stahlbeton fertiggestellt. Die geplante oberste Schicht mit weiteren 2 m Stärke wurde nirgends mehr aufgebracht. Unter dem Bogen 1 hatte der Innenausbau von drei Etagen begonnen.

Um die Baustelle mit Arbeitskräften zu versorgen wurden im Gebiet des Mühldorfer Harts mehrere Lager direkt neben der Baustelle errichtet. Die Behausungen bestanden aus primitiven Holz- und Erdhütten. Die Lager waren mit rund 4.000 – 5.000 Häftlingen belegt. Es wird davon ausgegangen, dass über 3.000 Häftlinge den Einsatz in Mühldorf nicht überlebten.

Kriegsende

Obwohl der Verlauf des Krieges das Ende mit jedem Tag immer näher rückte, ging die Produktion in den Verlagerungsbetrieben unbeirrt weiter. Mitte April 1945 wurde das KZ Leonberg geräumt. Die Häftlinge mussten zu Fuß zum Bahnhof Esslingen marschieren und sollten von dort ihren Weg nach Kaufering und Mühldorf antreten. Am 17.April meldete das Lager Mühldorf die Übernahme von 724 Häftlingen aus Leonberg.

Allerdings wurde dort seit März nicht mehr geregelt gearbeitet. Viele Häftlinge waren nach Mühldorf und München zur Trümmerbeseitigung abgezogen. Am 28. April 1945 wurde die KZ-Außenstelle Mühldorf schließlich geräumt. Die meisten Häftlinge wurden noch zwei Tage lang in Bahnwaggons durch Bayern transportiert, bis die Amerikanischen Truppen sie befreiten.

Am 2. Mai erreichten die Amerikaner den Inn. In den Lagern der Bunkerbaustelle fanden sie die zurückgelassenen Toten und Kranken.

Im Sommer 1947 ließen die Amerikaner die Bauruine sprengen. Sechs von sieben Bögen brachen durch die Sprengung in sich zusammen, nur einer der Bögen bleib stehen. Er ist heute das monumentale Wahrzeichen der Bunkerruine im Mühldorfer Hart.

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