Althengstett

Der 676 m lange Forsttunnel bei Althengstett gehörte zur Württembergischen Schwarzwaldbahn, die von Stuttgart nach Calw führte.

1865 hatte man mit der Planung der Strecke begonnen. Bereits drei Jahre später war der erste Streckenabschnitt von Zuffenhausen nach Ditzingen fertig und 1869 der Abschnitt bis Weil der Stadt. Der technisch anspruchsvollste Abschnitt Weil der Stadt – Calw wurde 1872 fertig. Hierzu gehört auch der Forsttunnel.

Die Strecke wurde überwiegend eingleisig gebaut. Der Abschnitt Althengstett–Calw wurde allerdings als erster Streckenteil in Württemberg von Anfang an zweigleisig erstellt. Dies gilt auch für die Ingenieurbauten der Strecke: Die beiden Tunnel und die Brückenköpfe aller Brücken wurden zumindest für den zweigleisigen Betrieb ausgelegt.

1932–1939 wurde auf dem Abschnitt Stuttgart – Renningen das zweite Gleis verlegt. Ca. 1937 erhielt die Strecke einen Abzweig zum Flugplatz Malmsheim. 1939 wurde die Strecke Stuttgart-Zuffenhausen bis Weil der Stadt elektrifiziert. Der Abschnitt von Weil der Stadt nach Calw wurde bis 1953 ausschließlich mit Dampflokomotiven betrieben.

Der Tunnel ist als Sandsteingewölbe ausgeführt und wurde in Segmenten errichtet, die am Stoß in der Decke leicht gegeneinander versetzt sind. Im Tunnel wurde das zweite Gleis nicht verlegt.

Reservierung als Verlagerungsstandort

In einer vom Rüstungsamt am 04. August 1944 erstellten Liste unterirdischer Räume, die für die Verlagerung von kriegswichtiger Produktion (U-Verlagerung) geeignet sind, wird der Forsttunnel aufgeführt mit dem Vermerk „eingleisig möglich“. Da der Tunnel für zwei Gleise erstellt war, jedoch nur von einem durchquert wurde, errechnete das Rüstungsamt 2000 qm nutzbare Fläche. Diese wurde zum 03.08.1944 für die Luftfahrtgerätegesellschaft m.b.h (LUFAG) in Calw gesperrt. Die LUFAG war ein Tochter-Unternehmen von Siemens & Halske mit Sitz in Berlin-Hakenfelde. Es produzierte Luftfahrtbordgeräte wie Selbststeuereinrichtungen, Kreisel- und Navigationsgeräte, Bordnetz- und Bordverständigungsanlagen etc. Für die Produktion hätte der Tunnel allerdings stillgelegt und der Bahnverkehr eingestellt werden müssen. Das Reichsverkehrsamt gab den Tunnel jedoch nicht frei, da die Bahnverbindung auch für die Versorgung der Westfront eine Rolle spielte. 

Häftlinge für die LUFAG

Als die LUFAG im Januar 1945 über das KZ Natzweiler-Struthof 199 jüdische Frauen aus dem KZ Flossenbürg für die Produktion in Calw erhielt, wurden sie auf dem Dachboden des LUFAG-Gebäudes In der Eiselstätt 7 untergebracht. Das Gebäude wurde als Unterkunft- und Produktionsstätte genutzt. Das Fabrikgelände war mit Stacheldraht eingezäunt und wurde von Angehörigen der SS bewacht. Der Wachmannschaft sollen Männer und Frauen angehört haben. Sehr wahrscheinlich waren es wie in den meisten späten KZ-Außenlagern in Württemberg Luftwaffenangehörige, die als Wachmannschaften in die SS übernommen wurden. Das Lager wurde Ende März/Anfang April 1945 geräumt. Die kranken Häftlinge wurden in das KZ-Außenkommando in Geislingen transportiert. Die anderen wurden zu Fuß in Richtung Dachau in Marsch gesetzt.

Projekt „Fuchsbau“

Eine Reihe von Aussagen auch von Einheimischen deuteten darauf hin, dass es trotz allem eine Planung gegeben habe, die den Tunnel für die Daimler-Benz AG zur Verfügung stellen sollte. Das Unternehmen hatte monatelang eine Gruppe von 10 Mitarbeitern mit der Vorbereitung einer Verlagerung von Produktion aus dem Werk Gaggenau nach Althengstett beschäftigt. Diese waren auch immer wieder vor Ort, wie Zeitzeugen bestätigen.

Das Projekt wurde unter dem Decknamen „Fuchsbau“ geführt. Es ist allerdings kaum noch rekonstruierbar wie weit das Projekt tatsächlich voran kam. Im „Unteren Wald“ entstand ein Lager, in dem ab Oktober 1944 russische Kriegsgefangene untergebracht gewesen sein sollen. Sie sollen mit diversen Baumaßnahmen für das Lager und für Infrastruktur beschäftigt gewesen sein. Die Schätzungen aus der Bevölkerung bezüglich der Anzahl der Häftlinge sind sehr unterschiedlich. Mehrere Quellen nennen eine Zahl von 300 bis 400. Leider konnte bislang keine Überreste des Lagers gefunden werden. Und auch amtliche Belege über die Kriegsgefangenen sind bislang nicht gefunden worden.

Belegt ist die Verlagerung von Material und Gerät nach Althengstett, die aber offenbar zu früh erfolgte, getrieben von der Notwendigkeit, sie aus dem Werk Gaggenau fortzuschaffen, das in den Fokus der alliierten Bomber geraten war. Den Unterlagen der Daimler-Benz AG zufolge sollte die Produktion nun jedoch nicht im Tunnel stattfinden, der nach wie vor dem Bahnbetrieb vorbehalten war. Stattdessen plante das Unternehmen die Produktion komplett im „Waldlager“. Die bereits nach Althengstett verbrachte 100-Tonnen-Presse wurde am Bahnhof zwischengelagert. Auch mehrere kleinere Maschinen blieben in der Transportverpackung.

Das Lager für die russischen Kriegsgefangenen wurde im Februar 1945 überraschend aufgelöst. Die Gefangenen sollen ins Allgäu transportiert worden sein, wo sich ihre Spur verliert. Je eine Baracke des Lagers wurde an zwei Gemeinden im Umkreis abgegeben, um ausgebombte Einwohner darin unterbringen zu können.

Das LUFAG-Gebäude wurde nach dem Krieg von der Firma Bauknecht genutzt. Die Württembergische Schwarzwaldbahn wurde ab den 60er Jahren sukzessive zurückgebaut. Das zweite Gleis der Strecke Calw–Althengstett wurde 1963 entfernt. Seit 1978 ist Weil der Stadt an das S-Bahnnetz angeschlossen. 1983 wurde der Personenverkehr auf dem Abschnitt Weil der Stadt – Calw eingestellt. Nach einem Erdrutsch am Forsttunnel 1988 wurde auch der Güterverkehr auf dieser Strecke eingestellt. Die formelle Stilllegung erfolgte zum 01. September 1995. Die Anlagen im Abschnitt Weil der Stadt – Calw stehen unter Denkmalschutz.