Maginot-Werke

1944 wurden in Artilleriewerken der Maginot- Linie Verlagerungsbetriebe für deutsche Firmen errichtet. Obwohl die Maginot-Linie in der französischen Festungs-Literatur umfassend beschrieben ist, wurde dieses Thema bislang wenig untersucht. Die französischen Vereine, die einzelne Werke heute als Museen betreuen, scheinen zu diesem Teil der Geschichte wenig Zugang zu haben. Die Recherche gestaltet sich allerdings auch ausgesprochen schwierig. Und nicht alle veröffentlichten Informationen sind belegt.

In den bekannten Decknamenverzeichnissen tauchen acht Artilleriewerke mit den jeweiligen Decknamen auf. Jedoch sind keine Firmen oder sonstige weitere Angaben zugeordnet.

Es sind die Werke:
Billig, Deckname Aster
Galgenberg, Deckname Lotos
Hackenberg, Deckname Hackenberg
Hochwald, Deckname Nelke
Metrich, Deckname Meter
Michelsberg, Deckname Löwenzahn
Schoenenbourg, Deckname Malve
Soetrich, Deckname Narzisse

Über das Werk Metrich merkt Jean-Bernard Wahl in seinem Buch „Damals und Heute – Die Maginot-Linie“ an: Während der Besatzung richteten die Deutschen in den hinteren Partien eine unterirdische Fabrik und Büros ein.“ Zu Soetrich findet sich dort der Satz: „Während der Besetzung veränderten die Deutschen das Werk geringfügig.“

Die Werke Billig und Metrich waren von der Wehrmacht auch für den Test von Panzergranaten und Hohlladungen zur Bekämpfung von Panzern herangezogen worden. Dadurch entstand an Kuppeln und anderen Panzerungen teilweise erheblicher Schaden.

Die Seite explorerviews.de berichtet  über Michelsberg: “Im Verlauf des Jahres 1940 – 41 wurden die leichten Innenwände der unterirdischen Kaserne entfernt und zur Fabrikanlage für mechanische Teile umgewandelt. Heute sind noch die Spuren dieser Trennwände am Boden der einstigen Kaserne zu erkennen.“ Diese Darstellung ist offenbar nicht ganz korrekt. Nach aktuellem Kenntnisstand erfolgten Umbaumaßnahmen dort erst ab 1943. Das Werk soll als Versuchswerk genutzt worden sein, sowie von einer Akkumulatoren-Fabrik aus Berlin, von der noch immer 2 Akkus vorhanden sind. Die Zwangsarbeiter waren sehr wahrscheinlich in der Friedenskaserne untergebracht. Die Wachmannschaften sollen im nahegelegenen Abri Bilmette einquartiert worden sein. Hierfür sprechen Umbauarbeiten und deutsche Beschriftungen an der Telefonanlage.

1941 prüfte die Wehrmacht noch, ob Werke der Maginot-Linie in eine nach Westen und Nordwesten gerichtete Verteidigungslinie eingebunden werden konnten. Eine solche Linie hätte einen befürchteten britischen Durchbruch nach einer Landung im Raum Calais abfangen sollen. Die Drehung der Geschütztürme des Werks Michelsberg in Richtung Frankreich könnte aus diesen Überlegungen heraus erfolgt sein. Die Untersuchung kam allerdings zu dem Ergebnis, dass die französischen Werke nicht geeignet seien und der Aufwand zu groß. So wurde die Befestigung der Küste intensiviert.

Die Artilleriewerke weckten jedoch alsbald das Interesse der Industrie. Ihre tief in der Erde liegenden weitläufigen Gangsysteme mit Lager- und Kasernenräumen waren bombensicher und vollständig erschlossen. Schmalspurbahnen zum Transport selbst von schweren Gütern waren vorhanden. Zu den jeweiligen Munitionseingängen war die Verkehrsinfrastruktur gegeben. Hinsichtlich der Munitionseingänge lassen sich die Werke in drei Kategorien unterteilen: Ebenerdiger Eingang, schräger Eingang und senkrechter Eingang. Bei der letzteren Kategorie gab es keine Möglichkeit mit Transportfahrzeugen in den Depotbereich direkt einzufahren. Hier musste Munition in einem inneren Bahnhof umgeschlagen und mit einem Aufzug nach unten gebracht werden. Für den Einbau von schweren Maschinen waren diese Werke ungeeignet. Obwohl auch Schoenenbourg mit seinem senkrechten Zugang als Verlagerungsstandort ausgewiesen wurde fiel die Wahl in erster Linie auf jene Werke mit ebenerdigen oder schräg verlaufenden Zugängen.

Genauere Angaben zur Produktion gibt es nur zu zwei der Maginot-Verlagerungsbetriebe, nämlich zu Hackenberg und Hochwald. Für die anderen ist außer den Decknamen bislang nur wenig bekannt.

Hackenberg

Nach der Kapitulation Frankreichs 1940 wurden zunächst Teile der Ausstattung demontiert. Hierzu gehörten optische Geräte genauso wie die Dieselaggregate des Kraftwerks, die in die U-Boot-Stützpunkte Bordeaux und Brest verbracht wurden. Starkstromkabel wurden ausgegraben, um das Kupfer der deutschen Produktion zuführen zu können.

1941 begann der Rückbau der Stacheldrahthindernisse und Schienensperren. Hierfür wurden russische Kriegsgefangen eingesetzt. Ab Ende 1943 begannen die Umbauarbeiten zum Produktionsstandort. Die Zwischenwände des Munitionslagers M1 und der Kaserne wurden entfernt. Im großen Bahnhof des Werkes wurde Härtebrennöfen installiert. Die Glühlampen wurden durch Neonbeleuchtung ersetzt.  Um die demontierten Dieselaggregate zu ersetzten wurden Diesel in Anzeling und Molvange abgebaut. Letztlich wurde aber nur einer davon in Hackenberg installiert.

In dem Werk arbeiteten rund 100 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine, die man in Holzbaracken in Veckring unterbrachte. Sie mussten für Klöckner-Humbold-Deutz Motorenteile fertigen. Im August 1944 wurde die Produktion infolge der heranrückenden Front aufgegeben.

Auch die Gebr. Knauf Westdeutsche Gipswerke hatten ein Arbeitskommando in Hackenberg. Über seine Größe und Zusammensetzung ist jedoch nichts bekannt. Die Zwangsarbeiter waren in der Gewinnung von Gips eingesetzt.

Hochwald

Das Daimler-Benz Werk in Untertürkheim war bereits Ziel des ersten Luftangriffs auf Stuttgart am 25. August 1940 gewesen. Daimler-Benz begann daher schon relativ früh Produktion aus Untertürkheim und anderen Werken zu verlagern, nämlich ab dem Spätsommer 1943. Im April 1944 begannen die Baumaßnahmen im größten Artilleriewerk im Elsass, das unweit der Ortschaft Drachenbronn-Birlenbach liegt. Unter dem Decknamen „Nelke“ wurde das Werk für die Fertigung von Propeller-Langwellen für den Flugzeugmotor DB 603 vorbereitet. Im Juni 1944 lief die Produktion an. 350 Arbeiter waren vor Ort im Einsatz. Über ihre Zusammensetzung ist nichts bekannt. Es handelte sich um Arbeiter, die zuvor bereits in den Werken Genshagen und Untertürkheim eingesetzt worden waren. Sie waren mitsamt ihren Maschinen in das Artilleriewerk verlegt worden. Infolge des zügigen Vormarschs der Alliierten nach Osten musste die Produktion im August 1944 bereits wieder aufgegeben werden. Maschinen und Arbeitskräfte wurden zurück nach Deutschland verbracht und sollten im Autobahntunnel Wiesensteig (Lämmerbuckel) am Albaufstieg der A8 die Produktion fortsetzen.

Aktenlage

Die U-Fabriken in den Maginot-Werken waren keine Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof, obwohl sie Zwangsarbeiter beschäftigten. Wie in Hochwald hatten wohl die Firmen eine weitgehende Hoheit über diese Betriebe und die eingesetzten Arbeitskräfte, da diese Maßnahmen als rein innerbetriebliche Verlagerung durchgeführt wurden. Die Unternehmen hatten ein großes Interesse daran, die bereits eingearbeiteten Kräfte so unterbrechungsfrei wie möglich einzusetzen.

Somit tauchen sie nicht in den Unterlagen über die Außenkommandos KZ Natzweiler-Struthof auf, das praktisch vor Ort lag. Das Werk Genshagen bezog eine beträchtliche Zahl von KZ-Häftlingen aus Sachsenhausen. Manche von Ihnen könnten durchaus im Zuge der Verlagerungen nach Hochwald verlegt worden sein. Auch die Ukrainierinnen von Klöckner-Humboldt-Deutz im Werk Hackenberg dürften über ein KZ in einen Betrieb des Unternehmens gelangt sein, der dann mitsamt den Arbeitskräften in die Maginot-Linie verlagert wurde. Allein in Osnabrück hatte das Unternehmen 369 Frauen aus der Sowjetunion im Einsatz, die großenteils über Neuengamme in die Stadt gekommen waren.

Dieser Umstand erschwert die Recherche erheblich. Da nur für Hackenberg und Hochwald die produzierenden Firmen bekannt sind, können auch keine weiteren Firmenarchive gezielt herangezogen werden. Durch die fehlenden Informationen kann auch nicht verifiziert werden, ob in allen acht Werken die Produktion begonnen wurde.

Unter den bis zum 06.07.1944 vergebenen Decknamen sind sieben Artilleriewerke aufgeführt, das Projekt „Malve“ in Schoenenbourg jedoch nicht. Da zu diesem Zeitpunkt die Produktion in Hackenberg und Hochwald aber bereits lief, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass „Malve“ möglicherweise über eine Decknamenvergabe und erste Erkundungen nicht hinaus kam.

Auch das Artilleriewerk Simserhof wurde von den Deutschen genutzt. Allerdings wurde dort keine Produktion aufgebaut. Die bombensicheren unterirdischen Munitionslager wurden von der Kriegsmarine als Lagerräume für Torpedos genutzt. Diese Nutzung wurden im Laufe des Krieges aufgegeben so dass davon ausgegangen werden kann, dass diese Nutzung aufrecht erhalten blieb, bis an den U-Boot-Stützpunkten an der Küste ausreichend sichere Lagerkapazitäten errichtet worden waren.

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