Deckungsgräben

Der Begriff Deckungsgraben weckt zunächst Assoziationen an einen Laufgraben. Während dieser jedoch in der Regel oben offen ist und nur so tief, dass man noch herausschauen kann, sind Deckungsgräben echt unterirdische Bauwerke.

Gemäß den Bestimmungen für den Bau von Luftschutzdeckungsgräben des Reichsministers der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring vom März 1943 sind Luftschutz-Deckungsgräben „langgestreckte, schmale überdeckte Gräben in gebrochener Linienführung“.

Laut diesen Bestimmungen durfte der geradlinige Abschnitt eines solchen Deckungsgrabens nicht mehr als 50 Schutzplätze fassen, der gesamte Graben nicht mehr als 200.

Deckungsgräben wurden häufig als billige und einfach Luft- bzw. Splitterschutzbauwerke errichtet. Sie wurden zumeist  in Lagern und Produktionsstätten angelegt, um den eingesetzten Arbeitern einen notdürftigen Schutz bei Luftangriffen zu bieten. In vielen Fällen baute man sie direkt auf das Werksgelände. Das Lager Schlotwiese in Zuffenhausen z.B. besaß im Barackenbereich drei Deckungsgräben, die nach der Schließung des Lagers alle verfüllt wurden.

Kein Schutz vor Volltreffern

Die Gräben boten keinen Schutz vor Volltreffern, wohl aber vor Splittern, Trümmern und vor Brandbomben. Es liegt in der Logik des Krieges, dass Verletzte einen größeren Aufwand verursachen als Tote. In den Produktionsbetrieben, die ihre Fertigung zum Kriegsende hin immer mehr mit Zwangsarbeitern bestritten, galt dies genauso. Die geringe Überdeckung wurde auch deswegen als ausreichend betrachtet, weil die Bombenabwürfe im 2. Weltkrieg so ungenau waren, dass die 1,40 m breiten Gräben höchstens zufällig getroffen wurden.

Dann allerdings gab es für die dicht an dicht in die engen Gänge gedrängten Insassen in vielen Fällen keine Chance zu überleben.

So erhielt beim Großangriff auf Feuerbach am 29.07.1944 auch ein Deckungsgraben auf dem Areal der Lederfabrik Roser einen Volltreffer, bei dem einige Arbeiter ums Leben kamen. Der Graben befand sich im Bereich des heutigen Pflegeheims. Auch in Gaisburg gab es einige Tote bei einem Treffer in einem Deckungsgraben.

Ausführungen

Die Zahl der errichteten Deckungsgräben ist heute nicht einmal mehr schätzbar. Sie waren allgegenwärtig. Der Name Deckungsgraben weist auf das angewendete Bauverfahren hin. Im Gegensatz zu bergmännischen Stollen wurden Deckungsgräben einfach als Graben ausgehoben, ausbetoniert, dann mit einer Decke versehen, und mit Erde überdeckt. Nach den Bestimmungen für den Bau von LS.-Deckungsgräben sollten die Gräben „möglichst unter Erdgleiche und nur in zwingenden Fällen teilweise über Erdgleiche angeordnet werden“. Die Übererdung sollte 50 cm betragen und in Deckenhöhe sollte eine Erdanschüttung von mindestens 1,30 m erfolgen.

Wurde der Deckungsgraben unter Erdgleiche ausgeführt, war er von oben nicht sichtbar und er konnte auch unter jedem beliebigen Grundstück angelegt werden, wie z.B. unter Fabrikhöfen, Lagergeländen, Zufahrten etc.

Die Variante über Erdgleiche war weniger aufwändig, da nicht so tief gegraben werden musste. Der Deckungsgraben wurde ca. mannshoch ausgehoben und ausbetoniert. Die Decke lag damit über Bodenniveau und die Übererdung verlieh dem Bauwerk das Aussehen eines Erdwalls. Diese Variante wurde häufig am Rande von Lagern angelegt, wo die Erdwälle nicht störten, sondern u.U. eine zusätzliche Splitterschutzfunktion für die nebenstehenden Baracken hatten.

Gemeinsam waren beiden Varianten der vorgeschriebene Grundriss und die typologisierten Abmessungen von1,40 m Breite und 1,95 m Innenhöhe. Um die Sicherheit bei Treffern zu erhöhen wurde die Gräben nicht einfach als gerade Linie angelegt, sondern mussten in bestimmten Abständen einen Winkel von 90 Grad aufweisen. So lassen sich diese Bauwerke auch ohne tiefe Kenntnisse über Luftschutzbauten relativ einfach erkennen.

Bezüglich der eingesetzten Materialien bestand eine große Bandbreite, die dem zunehmenden Materialmangel im Deutschen Reich Rechnung trägt. Verbaut werden konnte so gut wie alles. Unter Ziffer 7 nennen die Bestimmungen für den Bau von LS.Deckungsgräben: „Die tragenden Bauteile des LS.-Deckungsgrabens können aus Fertigbauteilen in Stahlbeton, aus Beton, aus Mauerwerk oder aus Holz hergestellt werden“.

In Bezug auf die Türen tragen die Vorschriften der real existierenden Mangelwirtschaft Rechnung: „Die Türen der Gasschleusen und zwischen den einzelnen Grabenabschnitten sind aus Holz so auszuführen, daß mit einfachen Mitteln ein Schutz gegen das Eindringen von Kampfstoffen erreicht wird“.

Hatte man noch zwei Jahre zuvor Stahlbetonbunker mit massiven Stahltüren gebaut, so zeigen diese Bauvorschriften auf krasse Weise, zu welch primitiven Schutzmaßnahmen man aus Mangel an Material, Zeit und Arbeitskräften übergegangen war.

Alles, was irgendwie an der Front eingesetzt werden konnte, sollte an der Heimatfront möglichst eingespart werden.

Zeitliche Einordnung

Die meisten Deckungsgräben wurden in den letzten beiden Kriegsjahren angelegt. Die noch erhaltenen Exemplare zeugen von der Materialknappheit und den häufig primitiven Verhältnissen, unter denen sie entstanden. Wenn die Wände betoniert waren, wurden sie oft in Magerbeton ausgeführt, der eine sehr hohe Kies-Beimischung aufweist. Hier wurde auch kaum Armierung eingearbeitet. Erst für die Decke wurde eine bessere Betonqualität verwendet, die auch eisenarmiert ist. Brüche und Schäden an noch erhaltenen Deckungsgräben bezeugen allerdings auch in diesem Bereich den Sparzwang. Die Eisen sind nur bedingt miteinander verflochten und auch in Durchmesser und Anzahl nur verhältnismäßig gering.

Lüftungsanlagen, Beleuchtung oder sanitäre Anlagen waren nach den Baubestimmungen zwar vorgesehen. So sollten die Deckungsgräben „nach Möglichkeit“ elektrisch beleuchtet werden und mit Trockenaborten mit Streuvorrichtung ausgestattet werden. Auch Klappbänke sollten zur Ausstattung gehören. Die noch erhaltenen Deckungsgräben zeugen jedoch davon, dass die Inneneinrichtung weitgehend von Pragmatismus bestimmt war. Gab es keine Möglichkeit, sie entsprechend einzurichten, wurden sie trotzdem genutzt. Letztlich zählte das Überleben. So sind die Deckungsgräben noch heute bedrückende Zeugen der Vergangenheit, die anfangen ihre Geschichte zu erzählen, wenn man sich näher mit ihnen beschäftigt.

Leider ist in Stuttgart derzeit keiner der wenigen noch erhaltenen Deckungsgräben offiziell zu besichtigen.