LS-Deckungsgräben

Luftschutz-Deckungsgräben sind in der Luftschutz-Literatur nur wenig beschrieben. Meist sind sie in lokalen und regionalen Publikationen erwähnt, die sich mit den Ereignissen während des 2. Weltkriegs beschäftigen.

Obwohl der Begriff Deckungsgraben Assoziationen an einen Laufgraben weckt, handelt es sich bei LS-Deckungsgräben um unterirdische Bauwerke. Der Begriff bezieht sich auf die Bauweise und die Konzeption. LS-Deckungsgräben wurden in einem ausgehobenen Graben errichtet. Zunächst wurde eine Drainageschicht ausgebracht und dann Boden und Wände gebaut. Danach wurde die Decke aufgesetzt, der Graben also gedeckt. Das Bauwerk erhielt noch eine Isolierung gegen Feuchtigkeit, häufig aus Teerpappe, und wurde danach mit Erdreich bedeckt.

Erste Konzepte

Die Konzeption stammt der Literatur zufolge aus dem Spanischen Bürgerkrieg, wo der Innenausbau der Wände, also deren Verstärkung z.B. mit Beton mitunter sogar während Bombenangriffen erfolgt sein soll.

Die spanischen LS-Deckungsgräben waren nicht gasdicht, was ihrer Verbreitung keinen Abbruch tat; denn im Bürgerkrieg waren auch keine chemischen Kampfstoffe eingesetzt worden. Das Thema Gassicherheit wurde lediglich in der zeitgenössischen Luftschutzliteratur diskutiert.

In England wurde das Konzept Ende der 1930er Jahre übernommen und weiterentwickelt. Dort wurde auch Elemente zum Gasschutz hinzugefügt und die Gräben wurden größeren Anlagen zusammengefasst. So gab es ein Konzept für eine Anlage aus sechs LS-Deckungsgräben für insgesamt 480 Personen, für das auch die Kostenkalkulation veröffentlicht wurde. Mit komplettem Innenausbau wurden die Kosten der Anlage mit 55.236 RM beziffert, was einem Preis von 115 RM pro Person entsprach.

Bewertung in Deutschland

Während der Sudentenkriese wurden in den Londoner Parks in größerem Umfang Deckungsgräben ausgehoben. Obwohl man in Deutschland vor allem die geringen Kosten pro Person und ausgesprochen kurze Bauzeit positiv bewertete, wurde das Konzept zunächst eher abgelehnt.

Im Laufe des Krieges änderte sich diese Haltung jedoch grundlegend und es entstanden zahllose LS-Deckungsgräben. Sie wurden häufig als billige und einfache Luft- bzw. Splitterschutzbauwerke errichtet. Sie wurden oft in Zwangsarbeiter-Lagern und Produktionsstätten angelegt, um den eingesetzten Arbeitern einen notdürftigen Schutz bei Luftangriffen zu bieten. Das Lager Schlotwiese in Stuttgart-Zuffenhausen z.B. besaß im Barackenbereich drei LS-Deckungsgräben, die nach der Schließung des Lagers alle verfüllt wurden. In vielen Fällen baute man sie direkt auf das Werksgelände, so z.B. in Stuttgart-Gaisburg oder bei der Firma C.F. Roser in Stuttgart-Feuerbach. Dort wurde ein Graben im Bereich des heutigen Pflegeheims errichtet. Auch in Siedlungen und kleinen Ortschaften wurden LS-Deckungsgräben als Schutzräume für die dortige Bevölkerung gebaut.

Die Gräben boten keinen Schutz vor Volltreffern, wohl aber vor Splittern, Trümmern und vor Brandbomben. Die geringe Überdeckung wurde auch deswegen als ausreichend betrachtet, weil die Bombenabwürfe im 2. Weltkrieg so ungenau waren, dass die 1,40 m breiten Gräben höchstens zufällig getroffen wurden. In diesem Fall gab es allerdings für die dicht an dicht in die engen Gänge gedrängten Insassen häufig nur geringe Chancen zu überleben.

So erhielt beim Großangriff auf Stuttgart Feuerbach am 29.07.1944 der LS-Deckungsgraben auf dem Areal der Lederfabrik Roser einen Volltreffer, bei dem einige Arbeiter ums Leben kamen. Auch in Stuttgart-Gaisburg gab es bei einem Volltreffer einige Tote in einem LS-Deckungsgraben.

Bestimmungen in Deutschland

Gemäß den Bestimmungen für den Bau von Luftschutzdeckungsgräben des Reichsministers der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring in der Fassung vom März 1943 sind Luftschutz-Deckungsgräben „langgestreckte, schmale überdeckte Gräben in gebrochener Linienführung“. Laut diesen Bestimmungen durfte der geradlinige Abschnitt eines solchen LS-Deckungsgrabens nicht mehr als 50 Schutzplätze fassen, der gesamte Graben nicht mehr als 200.

Die LS.-Deckungsgräben sollten „möglichst unter Erdgleiche und nur in zwingenden Fällen teilweise über Erdgleiche angeordnet werden“. Die Übererdung sollte 50 cm betragen und in Deckenhöhe sollte eine Erdanschüttung von mindestens 1,30 m erfolgen. Wurde der LS-Deckungsgraben unter Erdgleiche ausgeführt, war er von oben nicht sichtbar und er konnte auch unter jedem beliebigen Grundstück angelegt werden, wie z.B. unter Fabrikhöfen, Lagergeländen, Zufahrten etc.

Die Variante über Erdgleiche war weniger aufwändig, da nicht so tief gegraben werden musste. Der LS-Deckungsgraben wurde ca. mannshoch ausgehoben und ausbetoniert. Die Decke lag damit über Bodenniveau und die Übererdung verlieh dem Bauwerk das Aussehen eines Erdwalls. Diese Variante wurde häufig am Rande von Lagern angelegt, wo die Erdwälle nicht störten, sondern u.U. eine zusätzliche Splitterschutzfunktion für die nebenstehenden Baracken hatten.

Gemeinsam waren beiden Varianten der vorgeschriebene Grundriss und die typisierten Abmessungen von1,40 m Breite und 1,95 m Innenhöhe. Um die Sicherheit bei Treffern zu erhöhen wurde die Gräben nicht einfach als gerade Linie angelegt, sondern mussten in bestimmten Abständen einen Winkel von 90 Grad aufweisen. So lassen sich diese Bauwerke auch ohne tiefe Kenntnisse über Luftschutzbauten relativ einfach erkennen.
Bezüglich der eingesetzten Materialien bestand eine große Bandbreite, die vor allem bei LS-Deckungsgräben aus den beiden letzten Kriegsjahren dem zunehmenden Materialmangel im Deutschen Reich Rechnung trägt. Unter Ziffer 7 nennen die Bestimmungen für den Bau von LS.Deckungsgräben vom März 1943: „Die tragenden Bauteile des LS-Deckungsgrabens können aus Fertigbauteilen in Stahlbeton, aus Beton, aus Mauerwerk oder aus Holz hergestellt werden“.

Auch in Bezug auf die Türen tragen diese Vorschriften der real existierenden Mangelwirtschaft Rechnung: „Die Türen der Gasschleusen und zwischen den einzelnen Grabenabschnitten sind aus Holz so auszuführen, daß mit einfachen Mitteln ein Schutz gegen das Eindringen von Kampfstoffen erreicht wird“.

Varianten und Sachzwänge

Wie die Bestimmungen für den Bau von LS.Deckungsgräben vom März 1943 zeigen, wurde der örtlichen individuellen Ausgestaltung viel Spielraum gegeben. So zeugen vor allem die noch erhaltenen Deckungsgräben aus den letzten beiden Kriegsjahren von der Materialknappheit und den häufig primitiven Verhältnissen, unter denen sie entstanden. Betonierte Wände wurden sie oft in Magerbeton ausgeführt, der eine sehr hohe Kies-Beimischung aufweist. Auch wurde kaum Armierung eingearbeitet.

Lüftungsanlagen, Beleuchtung oder sanitäre Anlagen waren nach den Baubestimmungen zwar vorgesehen. So sollten die Deckungsgräben „nach Möglichkeit“ elektrisch beleuchtet werden und mit Trockenaborten mit Streuvorrichtung ausgestattet werden. Auch Klappbänke sollten zur Ausstattung gehören. Die noch erhaltenen Deckungsgräben zeugen jedoch davon, dass die Inneneinrichtung weitgehend von Pragmatismus bestimmt war. Nicht überall konnten Sitzplätze eingebaut werden, auch Lüftungsanlagen waren oft nicht vorhanden. Dennoch waren die Bauten in der Regel gasdicht ausgeführt, wenn auch mit primitiven Mitteln. So sollten Lüftungsöffnungen bei Gasgefahr durch mit Stoff umwickelte Holzpfropfen verstopft werden.

Die Anzahl noch erhaltener Deckungsgräben ist unbekannt. Sie liegen meist auf privatem Gelände, z.B. Gewerbeflächen. Meist erhält die Öffentlichkeit von ihrer Existenz nur dann Kenntnis, wenn sie im Rahmen von Bauarbeiten entfernt werden. Nicht selten werden Deckungsgräben erst bei solchen Anlässen zufällig wiedergefunden.