„Einmannbunker“

Der Begriff „Einmannbunker“ ist keine offizielle Bezeichnung. Dennoch ist er relativ weit verbreitet für unterschiedliche Kleinbunker, die häufig noch im Umfeld von Fabriken, Bahnanlagen oder ehemaligen Versorgungseinrichtungen der Wehrmacht erhalten sind. In Frankreich findet man noch heute Klein-Unterstände, die als Kampfeinrichtung konzipiert waren. Sie dienten häufig der Sicherung bzw. dem Absperren einer Straße gegen Angreifer. Häufig waren sie mit einem Maschinengewehr bestückt und in das lokale Verteidigungskonzept integriert.

Splitterschutzzellen

Die meisten in Deutschland erhaltenen Kleinbunker waren sogenannte Splitterschutzzellen, die als Kleinbunker im Rahmen des Werkluftschutzes aufgestellt wurden. Es waren häufig Schutzräume für ein bis zwei Personen, die entweder individuell vor Ort errichtet wurden, oder über Baufirmen als Fertigprodukte bezogen werden konnten. Diese aus Metall oder Beton gefertigten Zellen hatten zumeist an der Haube einen Haken, mit dem sie per Kran z.B. auf einen Bahnwaggon gehievt werden konnte, um so zu ihrem Bestimmungsort befördert werden zu können. Dort wurden sie verankert, damit sie bei einem Treffer oder einem Einschlag in der Nähe nicht vom Explosionsdruck umgeworfen werden konnten.

Allerdings waren diese Schutzräume nicht darauf ausgelegt, einen Volltreffer zu überstehen. Aus historischen Berichten geht hervor, dass Insassen bei Treffern umkamen oder schwer verletzt wurden. Luftschutzzellen wurden umgerissen und blieben im Trümmerfeld liegen, wenn sie nicht ausreichend verankert worden waren. Andere Berichte belegen allerdings auch den großen Nutzen, den man aus diesen Unterständen zog. Vor allem die auf Werksgeländen installierten Splitterschutzzellen wurden als ausgesprochen hilfreich bei der frühzeitigen Erkennung von Brandherden und anderen Bombenschäden beschrieben.

Verwendung

Meistens wurden Splitterschutzzellen in der Industrie, an Bahnlinien oder in der Nähe anderer wichtiger öffentlicher Einrichtungen aufgestellt, aber auch in Versorgungseinrichtungen der Wehrmacht und in Anlagen der Organisation Todt. Sie wurden bei einem Angriff z.B. mit Beobachtern der Feuerwehr oder des Werkschutzes besetzt, die sich ein Bild von den abgeworfenen Spreng- und Brandsätzen machen und entstehende Brände sofort melden sollten.

Von ihren Beobachtungen erhoffte man sich außerdem Erkenntnisse über die Lage von Blindgängern und noch nicht explodierten Objekten, wie etwa Zeitzünder-Bomben. Somit leisteten diese Beobachter einen bedeutenden Beitrag zum richtigen und effizienten Einsatz der Feuerwehren und Rettungskräfte.

Die Gesamtzahl der im Reichsgebiet aufgestellten Splitterschutzzellen ist unklar, die Schätzungen liegen bei mehreren Zehntausend. Während die Winkeltürme und die großen Hochbunker für den Zivilschutz von großen Baukonzernen errichtet wurden, waren die Lieferanten von Einmannbunkern in vielen Fällen mittelständische Bauunternehmen. Ihre große Zahl und ihre regionale Ausrichtung sind die wohl wichtigsten Gründe für die enorme Typenvielfalt und die regionalen Unterschiede in der Ausführung.

Splitterschutzellen in Stuttgart

Wie viele Splitterschutzzellen es in Stuttgart gegeben hat, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Feuerbach stand auf dem Betriebsgelände der Gebr. Schoch Hartchrom GmbH (GeScho) ein Exemplar der Herstellerfirma Leonhard Moll, München. Die „Luftschutzzelle für 2 Personen System Moll“ war komplett aus Eisen-Beton mit vier bis sechs Seh-/Belüftungsschlitzen im Abstand von 60° – 90° und zwei gegenüberliegenden Türen, die ebenfalls aus Eisenbeton bestanden. Die Wanddicke betrug 25 cm, die aufgesetzte Kegelhaube war 30 cm stark. Die Höhe der Zelle betrug 2,30 m, das Gesamtgewicht 5,3 Tonnen. Trotz des beengten Innendurchmessers von weniger als einem Meter war der Unterstand für zwei Personen konzipiert und mit zwei hölzernen Sitzplätzen ausgestattet.

Vertrieben wurde die Konstruktion seit 1942 unter der Kenn-Nummer RL 3-42/143 vor allem in Bayern, Württemberg-Hohenzollern und Baden. Es gab mehrere Varianten des „System Moll“, die sich in der Anzahl und Größe der Sehschlitze unterschieden. Zumindest zwei Varianten existieren noch heute im Großraum Stuttgart.
Nach dem Krieg wurde der sogenannte Mollbunker bei GeScho genauso entfernt, wie die meisten anderen Splitterschutzzellen in Deutschland. Der Schutzbauten Stuttgart e.V. hat 2008 eine baugleiche Zelle von der Stadt Reutlingen überlassen bekommen, wo sie einer neuen Brücke über die Echaz weichen musste. Sie steht nun unweit von jener Stelle, wo einst die Schutzzelle auf dem Gelände der Firma Schoch gestanden hatte. Die Splitterschutzzelle verfügt über fünf Sehschlitze im Abstand von 72°.

An der Ecke Klagenfurter/Oswald-Hesse-Straße in Feuerbach stand eine weitere Splitterschutzzelle „System Moll“. Sie ist auf alten Fotos zu sehen, aus dem Stadtbild allerdings schon längst verschwunden. Die Splitterschutzzelle diente als Beobachter für einen dort ansässigen metallverarbeitenden Betrieb.

Noch vollständig erhalten ist der Beobachter am Bahndamm bei Neuwirtshaus. Es handelt sich ebenfalls um einen „Mollbunker“. Er wurde so in den Bahndamm integriert, dass er von unten und aus der Luft kaum zu erkennen ist. Dazu wurde die Splitterschutzzelle rund 1,6 Meter tief in den Bahndamm eingelassen und mit einer massiven Betonbettung umgeben. Der Eingang zur Zelle liegt in der betonierten Deckung und war so vor direkter Bombeneinwirkung und Tiefflieger-Beschuss weitgehend sicher. Der bei Mollbunkern übliche gegenüberliegende zweite Zugang ist zwar vorhanden, aber hier nicht nutzbar. Der Beobachter verfügt über sechs Sehschlitze, die im Abstand vom 60° angebracht sind. Die Zelle war außerdem mit einer Telefonverbindung ausgerüstet.

Sehr wahrscheinlich diente diese Sonderkonstruktion als Gefechtsstand der leichten Flakbatterie III/2/54, die mit drei 3,7 cm-Kanonen bei Neuwirtshaus stationiert war und dort u.a. auch den Flakschutz für die benachbarten der Hellmuth Hirth Flugmotorenwerke leistete. Die Firma war am 9. April 1941 in den Heinkel-Konzern eingegliedert wurden.

Eigenbau

Neben den i.d.R. von Betonwerken fertig angelieferten Luftschutzzellen gab es auch zahlreiche individuell errichtete Splitterschutzzellen. Ein solches Exemplar steht noch heute in einem Weinberg in Obertürkheim. Die Splitterschutzzelle ist aus Ziegelsteinen gemauert und grau verputzt. Die Zeit ging an dem Ziegelbau nicht spurlos vorüber, so dass der Kleinbunker zahlreiche Absplitterungen aufweist. Die zum Hang hin orientierte Tür aus blechverstärktem Holz und die ungewöhnlich großen Sehöffnungen deuten darauf hin, dass niemand ernsthaft an einen Angriff auf das Bauwerk geglaubt haben kann. Eine Explosion in unmittelbarer Nähe hätte die Tür nicht abgefangen. Die Sehöffnungen ermöglichen einen guten Blick auf das Neckartal. Umherfliegende Splitter hätten sie jedoch nicht abgehalten. Die schiere Höhe ihres Standorts und die Steile des Weinbergs garantierten freilich eine weitreichende Sicherheit. Auch ist nicht auszuschließen, dass die Sehschlitze mit Metallgittern vor Splitterwirkung geschützt waren, die nach dem Krieg entfernt worden sein könnten. Die Zelle diente als Beobachter für eine Fabrik im Neckartal. Die Wache am Berg hatte einen Telefonanschluss und konnte so schnell über die Auswirkungen von Bombenwürfen Meldung erstatten.

Sieben-Mühlen-Tal

Vor den Toren der Landeshauptstadt steht im Siebenmühlental eine Spiltterschutzzelle in unmittelbarer Nähe der Kleinmicheles-Mühle. Die Schutzzelle stammt aus der Produktion der Firma Dywidag. Bei diesem Fabrikat wurde die ebenfalls aufgesetzte Kegelhaube mit Stahlmuttern auf den Korpus geschraubt. Die markanten Einbuchtungen für die Muttern in der Kegelhaube verleihen dem Objekt eine charakteristische Optik. Die Konzeption des Herstellers sah eigentlich vor, dass diese Stellen nach Montage der Haube mit Mörtel verfüllt werden. Dies ist hier allerdings nicht geschehen. Die Haube weist eine deutlich höhere Wölbung auf als die Moll-Zelle, die Sehschlitze sind schmaler und dafür höher ausgebildet. Der Kleinbunker verfügt über eine funktionsfähige Tür aus massivem Stahl. Der Beobachter wurde jedoch erst nach dem Krieg an der Kleinmicheles-Mühle aufgestellt. Sein ursprünglicher Standort ist unbekannt.

Am Hang gegenüber der Mühle befand sich in den 50er Jahren ein Sandbruch. Der Betreiber des Unternehmens hatte die Splitterschutzzelle an ihrem heutigen Standort für seinen Sprengmeister postieren lassen. Dieser nutzte den Bunker als Schutzraum für die Dauer der Sprengung. Nach wenigen Jahren wurde der Sandbruch wieder aufgegeben.

Bietigheim-Bissingen

Der Geschichtsverein Bietigheim-Bissingen e.V. ist im Besitz einer Luftschutzzelle „System Moll“. Auch dieser Mollbunker weist fünf Schlitze im Abstand von je 72° auf, verfügt in seinem Inneren über zwei Sitzmöglichkeiten und konnte über zwei Zugangstüren betreten werden. Der vollständig und sehr gut erhaltene Einmannbunker stand ursprünglich neben dem Baumwollmagazin der Firma Heinrich Otto und Söhne (HOS) beim Bahnhof in Wendlingen am Neckar. Während des Krieges erfüllte er dort seine Funktion als Beobachter. HOS war einst das bedeutendste Textilunternehmen des mittleren Neckarraums. Allerdings war das Werk spätestens seit 1943 auch in die Rüstungsproduktion eingebunden. Die Textilmaschinen von HOS waren ausgelagert worden, um Platz für die Herstellung kriegswichtiger Güter zu schaffen. In den Gebäuden der Spinnerei und Weberei produzierte nun Daimler Benz Schnellbootmotoren. Auch andere Firmen waren im HOS-Werk untergebracht. Zum Schutz vor feindlichen Flugzeugangriffen wurden zahlreiche Tarnmaßnahmen ergriffen. Die Installation einer Splitterschutzzelle war eine weitere logische Maßnahme.

Nach dem Krieg verblieb der Mollbunker an seinem Standort bis im April 2003 das Baumwollmagazin abgerissen wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurden Teile des HOS-Areals bereits vom Containerdienst Herrmann bewirtschaftet. Im Rahmen der Grundstücksneuordnung war auch die Entfernung der Splitterschutzzelle vorgesehen. Der Geschichtsverein Bietigheim-Bissingen e.V. entschloss sich, das Relikt nach Bietigheim zu holen. In Zusammenarbeit mit dem Bauhof Bietigheim-Bissingen und dem Containerdienst Herrmann wurde der Transport nach Bietigheim-Bissingen organisiert.

Nachdem ein fester Unterbau am neuen Standort geschaffen war, wurde der Bunker aufgestellt und gesichert. Seither steht das Weltkriegsrelikt am Fuße des Felsens der Laurentius-Kirche und kann zumindest von außen jederzeit besichtigt werden. Im Rahmen der Öffnungstage im benachbarten Luftschutzstollen erklären wir die Splitterschutzelle gerne auch vor Ort.

Reutlingen

In Reutlingen gibt es heute noch eine Splitterschutzelle aus der Produktionen der Leonhard Moll Betonwerke. Sie steht auf dem Areal der Firma Villforth.
Noch bis Sommer 2013 stand auf dem ehemaligen Areal des Trikotherstellers Büsing im Bereich Kaiser- und Bismarck-, Aulber- und Hegwiesenstraße. eine Splitterschutzzelle unbekannter Bauart.  Angesichts einer relativ großen Anzahl von Herstellern, die teilweise nur regionale Abnehmer belieferten, ist dies nicht außergewöhnlich. Zahlreiche erhaltene Splitterschutzzellen in Deutschland und dem benachbarten Ausland konnten bislang noch keinem Hersteller zugeordnet werden. Die Geschichte der Splitterschutzzellen ist lange Zeit vernachlässigt worden.

Giengen an der Brenz

Die Vereinigte Filzfabriken AG in Giengen an der Brenz hatte mindestens 5 Splitterschutzzellen von zwei unterschiedlichen Herstellern auf ihrem Firmenareal aufgestellt. Nach dem Krieg wurden diese entfernt und in ein Auwäldchen neben dem Firmenareal verbracht. Dort stehen seither drei Splitterschutzzellen Bauart Moll als stumme Zeitzeugen. Nur wenige Meter entfernt fanden wir zwei weitere Splitterschutzzellen einer anderen Bauart, die dort abgelegt und weitgehend übererdet wurden. Auch sie dürften dem den 1858 gegründete Traditionsunternehmen gehört haben. Die Geschichte dieser Zellen wartet noch auf eine eingehendere Aufarbeitung.

Weitere Zellen in der Region

Dieser Überblick über „Einmannbunker“ ist nicht vollständig. So ist das Technikmuseum in Sinsheim ebenfalls im Besitz eines Mollbunkers. Allerdings ist dort nur der Korpus vorhanden. Die Haube fehlt. Auch im Hafen von Heilbronn, in Kirchheim und auf dem Flugplatz Schwäbisch Hall sind noch Moll-Zellen erhalten. Wir versuchen diese Kleinunterstände zu dokumentieren und setzen uns für ihren Erhalt ein. Wenn Sie weitere Standorte kennen, würden wir uns über eine Mitteilung freuen.

Literatur zum Weiterlesen.

Eine Antwort zu „Einmannbunker“

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