Cleebronn Depyfag

2010 wurde das Gebiet „Unter dem Schloss“ in Cleebronn komplett abgeräumt, planiert und für ein Neubaugebiet erschlossen. Zuvor standen dort die Gebäude einer pyrotechnischen Fabrik, die bis 1992 Feuerwerk produzierte und weltweit vertrieb.

Geschichte

1884 wurde in Cleebronn die erste pyrotechnische Fertigung durch die Wilhelm Fischer AG errichtet. Im August 1927 ging die Aktienmehrheit der Wilhelm Fischer AG an die Zündholz Export Zentrale / Deutsche Zündholzfabriken AG in Berlin über. In der Folge firmierte das Unternehmen um in Deutsche Pyrotechnische Fabriken, Berlin kurz Depyfag.

1937 wurde das Vermögen der Depyfag und die Verwaltung auf das Sprengstoffwerk Kloster Lechfeld GmbH, Neumarkt i.d.Opf übertragen. Die Depyfag wurde liquidiert. Der Betrieb Cleebronn wurde aber weiterhin als Pyrotechnische Anstalt geführt.

Nach Übernahme der Kloster Lechfeld GmbH durch die Orion Metallwarenfabrik, Berlin im Jahre 1941 wurde die Depyfag reaktiviert. Sie produzierte an den Standorten Cleebronn und Berlin überwiegend Signalmunition und technische Pyrotechnik. In Cleebronn wurde unter anderem auch in Zusammenarbeit mit dem Kommando Flughafenbereich Böblingen spezielle Feuerwerksraketen entwickelt, die in der Luft explodierende Granaten der Flak simulieren sollten, sowie Flakmündungsfeuer, die am Boden installiert feuernde Flugabwehrkanonen simulieren sollten. Diese „technische Pyrotechnik“ wurde in Scheinanlagen des Luftgaukommandos VII eingesetzt, um angreifenden Flugzeugen eine masive Flugabwehr vorzutäuschen, so z,B, in Lauffen. Nach Kriegsende wurde das Unternehmen unter alliierte Kontrolle gestellt. Das Werk Berlin wurde gesprengt.

Das Werk in Cleebronn hingegen produzierte als „Special Unit Cleebronn“ weiter. Schließlich wurde es von der DAG (Dynamit Nobel) übernommen, die dort Feuerwerksartikel und technische Pyrotechnik produzierte. Dabei wurden Name und Logo der Depyfag beibehalten. 1990 stellte die DAG ihre Feuerwerksproduktion ein.

Der Betrieb in Cleebronn wurde Anfang 1991 von der Buck Werke GmbH & Co. übernommen und firmierte unter Depyfag Pyrotronic GmbH, bis Ende 1992 die Produktion endgültig eingestellt wurde. Es war das Ende einer über 107-jährigen Werks- und Firmengeschichte in Cleebronn. Auch die Marke Depyfag verschwand nach über 60 Jahren vom Markt. Die Buck Werke GmbH & Co. ging 1998 konkurs.

Das Areal in Cleebronn blieb bis Herbst 2009 eine Industriebrache. Dann begannen die Rodungs- und Abbrucharbeiten.

Werksluftschutz

Neben den in der pyrotechnischen Produktion üblichen Trockenkammern und Bunkern zur Lagerung von Halb- und Fertigprodukten wurden auf dem Werksgelände auch Baumaßnahmen zum Luftschutz realisiert. Das Werk erhielt einen Luftschutzstollen im Schlossberg und einen gassicheren Luftschutzkeller.

Die Anlagen blieben bis zur Stillelegung der Fabrik weitgehend im Originalzustand erhalten und boten einen umfassenden Einblick in die realisierten Werksluftschutzmaßnahmen. Allerdings gingen die Originalschilder und andere Gegenstände im Laufe der Zeit in den Besitz von Sammlern und Souvenirjägern über.

Stollen

Der Stollen im Schlossberg wurde vollständig in Beton ausgeführt. Er ist ca, 2 Meter breit, der Gewölbescheitel liegt bei ca. 2,40 m. Da das Gelände am Hang des Schlossbergs abschüssig ist, wurden im Stollen zwei Treppen eingebaut, die den Höhenunterschied überbrücken. Jedes der so abgegrenzten Stollensegmente liegt somit in einem anderen Stockwerk und verfügt über einen ebenerdigen Ausgang zum Werksgelände. Die Zugänge waren sämtlich als Gas- und Druckschleusen ausgeführt.

Vom Stollen aus wurden noch mehrere Räume in den Berg hineingetrieben. Sie waren alle mit eigenen Türen versehen und konnten abgeschlossen werden. Zumindest teilweise waren im Stollen hölzerne Sitzbänke vorhanden. An mehreren Stellen waren Trockentoiletten eingebaut worden. Das Bauwerk verfügte über eine Lüftungsanlage und elektrische Beleuchtung. Über das Fassungsvermögen liegen keine Angaben vor. Die Länge des Bauwerks liegt bei ca. 130 Metern.

Luftschutzkeller

Der Luftschutzkeller lag unter einem der Werksgebäude. Er bestand aus zwei identischen Räumen im Untergeschoss, die an einer Längsseite durch einen Durchgang miteinander verbunden waren. Im Durchlass war eine Luftschutztür eingebaut worden, um die beiden Räume schutzmäßig abtrennen zu können.

Die Zugänge zu beiden Räumen befanden sich an einer der schmalen Seiten. Die Zugänge waren ebenfalls mit Luftschutztüren versehen. Dem Zugang gegenüber verfügten beide Räume über Notausgänge mit Steigeisen, die ins Freie führten. Links und rechts der Notausgänge war jeweils eine Kammer abgemauert. In einer der Kammern befand sich eine Trockentoilette. Ihr gegenüber lag eine Abstellkammer. Der Luftschutzkeller verfügte ebenfalls über einen Schleusenbereich, ein Lüftungssystem und Elektrizität.

In einem anderen Gebäude des Areals war ein Luftschutzgeräteraum eingerichtet worden. Solche Räum dienten der Aufbewahrung von Gerätschaften des Werkluftschutzes, insbesondere, um Verschüttete und Verletzte zu bergen. Die Räumliche Trennung von Luftschutzraum und Luftschutzgeräteraum war eine Vorsichtsmaßnahme. Sollte das Gebäude über dem Luftschutzraum zerstört und die Insassen des Kellers verschüttet werden, so bestand immer noch die Wahrscheinlichkeit, dass das Gebäude mit dem Luftschutzgeräteraum nicht auch komplett zerstört wurde. Dann hätten die Gerätschaften zur Bergung der Verschütteten bereit gestanden.

Unsere Fotos entstanden bevor das Werksgelände komplett abgeräumt und eingeebnet wurde. In den Bildern konnten wir immerhin noch einige Einblicke in die einstigen Werksluftschutzmaßnahmen dokumentieren.