Stuttgart – TWS-Gebäude

Die Technischen Werke der Stadt Stuttgart (TWS) entstanden am 01. Mai 1933 als Zusammenfassung des Gas-, des Elektrizitäts- und des Wasserwerks durch Verfügung des Staatskommissars.

Gemeinderatsbeschluß

Am 21. Dezember 1933 befasste sich der Stuttgarter Gemeinderat in öffentlicher Sitzung mit dem Projekt eines eigenen Verwaltungsgebäudes für die Technischen Werke. Der Bauplatz stand bereits fest. Das Areal an der Lautenschlager-, Stephan- und Thouretstraße gehörte bereits zu einem Drittel der Stadt direkt und zu zwei Dritteln der Industriehof AG, einer Beteiligungsgesellschaft der Stadt. Die Gesamtkosten wurden mit 3,5 Mio. Reichsmark beziffert. Dabei dürfte aber auch die Überführung des Grundstücks der Industriehof AG in städtischen Besitz enthalten gewesen sein. Errichtet wurde das Gebäude vom städt. Hochbauamt unter der Leitung von  Baudirektor Dr. Oskar Schmidt.
Der Baubeginn erfolgte am 15. Juni 1934. Für das Fundament wurden 24.700 cbm Erdreich ausgehoben, vorwiegend von Hand. Am 9. Oktober 1934 wurde der Grundstein gelegt.

Ausführung

Die Gründung der Umfassungswände wurde mit durchgehenden Eisenbetongurten ausgeführt, die Mittelstützen wurden aus Eisenbetoneinzelplatten erstellt.
Der achtstöckige Aufbau erfolgte als Eisenbetonskelett. Der Komplex hatte zwei Stockwerke unter Straßenniveau und 6 oberirdische Stockwerke. Sämtliche Umfassungswände – außer dem Erdgeschoß an der Lautenschlager- und Thouretstraße – waren 40 cm dick.

Im Juni 1936 war das Gebäude weitgehend fertig. Die Chronik der Stadt Stuttgart vermerkt unter dem 24.6. „Hinter dem Neubau der Technischen Werke entsteht ein neuer Parkplatz“. Am 19. September 1936 wurde das Gebäude eingeweiht.

In Heft 27 vom 25. September 1936 veröffentlicht „die Bauzeitung“ eine mehrseitige Abhandlung über die neue TWS-Verwaltung. Dort werden die Baukosten ohne Mobiliar  mit 2.495.000 RM angegeben.

Der Beitrag beginnt mit den Worten: „Besondere Bedeutung kommt dem Neubau für die Technischen Werke der Stadtverwaltung Stuttgart in der Baugeschichte dieser Stadt zu. Ist er doch das erste große Gemeindebauwerk der nationalsozialistischen Bewegung in Stuttgart. Wie auf anderen Lebensgebieten kämpft unsere heutige Weltanschauung auch um eine grundlegend neue geistige Einstellung in der Baukunst. Das neue Bauen soll naturverbunden, technisch und betriebswirtschaftlich richtig und vor allem von dem Kulturwillen unserer Zeit erfüllt sein.“

Die Gliederung des Verwaltungskomplexes wird folgendermaßen beschrieben:
„Die Bauanlage besteht aus drei Teilen:
1. Hauptgebäude an der Lautenschlagerstraße mit einer Länge von 94 m, einer mittleren Höhe von 22 m und einer Bautiefe von 15,50 m.
2. Flügelbau an der Thouretstraße in einer Länge von 46 m und derselben Höhe und Breite.
3. Garagenbau an der Stephanstraße mit dem 3 m unter Straßenhöhe angelegten Wirtschaftshof.“

Luftschutz

Die Veröffentlichung enthält nicht nur Grundrisse von drei Stockwerken und einige eindrucksvolle Fotos, sondern geht auch auf die bereits eingebauten Luftschutzmaßnahmen ein. So war das Garagenbauwerk für 20 Fahrzeuge ausgelegt, drei der Stellplätze waren für Luftschutzfahrzeuge vorgesehen.

„Im Hauptgebäude an der Lautenschlagerstraße sind unter diesem Sockelgeschoß noch Lager- und Kellerräume, die Wärmezentrale und zwei Raumgruppen für den Luftschutz der Werksangehörigen und für die allgemeine Benützung untergebracht.“

„Die Skelettbauweise dürfte in Anbetracht der stellenweise sehr stark geneigten Schichtung des Baugrundes und auch für die Wirkung eines Luftangriffs besonders widerstandsfähig sein. […] Über den Luftschutzräumen wurde 25 cm starke massive Eisenbetonplatten mit einer Bruchlast von 15.000 kg / qm ausgeführt.“

„Sämtliche Stockwerke sind mit je einem Feuermelder, welcher gleichzeitig als Wächterkontrollmelder dient, ausgestattet. Ein weiterer solcher Melder befindet sich im Garagenhof, am Vortragssaal, in den Werkstätten und dem Luftschutzraum. […] Für Luftschutzzwecke sind in den verschiedenen Stockwerken 15 Läutwerke eingebaut, um die Angestellten sowie das Publikum zum Aufsuchen der Luftschutzräume zu veranlassen.“

Tatsächlich überstand das Gebäude die Luftangriffe auf Stuttgart relativ gut. Die zur Lautenschlagerstraße hin angeordneten großen Fenster im Erdgeschoß waren während des Krieges vermauert worden. Das Gebäude war bei den Juliangriffen 1944 ausgebrannt, die Fenster ausgeblasen und das signifikante Treppenhaus an der Ecke Lautenschlagerstraße / Thouretstraße war zerstört worden. Die Gebäudesubstanz und die Luftschutzräume hatten aber die Angriffe überstanden.

Ein letzter Einblick

Als das Gebäude Anfang 2011 abgerissen wurde, zeigte sich Passanten für einige Tage ein interessanter Einblick in die Vergangenheit. An der Wand des freigelegten Untergeschosses an der Thouretstraße waren noch die Originalbeschriftungen zu sehen, die den Weg zu den Luftschutzräumen wiesen. Doch damit nicht genug. Die Beschriftung wies auch den Weg in die entgegengesetzte Richtung: Zur Oberpostdirektion.

Von dort wurde das TWS-Gebäude mit Wärme versorgt, es hatte keine eigene Heizanlage. Doch die Verbindung der beiden Gebäude war spätestens im Krieg nicht mehr nur auf die Versorgung mit Wärme beschränkt. Die Gebäude dienten einander offenbar auch gegenseitig als Notausstieg. Solche Verbindungen waren freilich keine Besonderheit. 1944 referierte OB Karl Strölin, dass in Stuttgart ca. 40 km an Verbindungstunneln zwischen den Kellern der Gebäude geschaffen wurden. Sie retteten zahlreichen Stuttgartern das Leben, die sonst in ihren Kellern umgekommen wären.

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