Neckarsulm – NSU und Kolbenschmidt AG

1873 wurde in Riedlingen die „Mechanische Werkstätte zur Herstellung von Strickmaschinen“ gegründet, die 1880 nach Neckarsulm verlegt wurde. Ab 1886 stellte das Unternehmen auf Fahrräder um und spielte ab 1901 bei der Entwicklung von Motorrädern in Deutschland eine maßgebliche Rolle. Seit 1892 verwendete das Unternehmen die Bezeichnung NSU als Marke, die als Abkürzung für Neckarsulm steht. 1897 firmierte das Unternehmen offiziell als „Neckarsulmer Fahrradwerke AG“.

Mit dem dreirädrigen „Sulmobil“ stieg die Firma 1906 auch in die Entwicklung von Autos ein. Die langjährige Beliebigkeit von Namen und Marken des Unternehmens wurde 1913 neu geordnet. Der Firmenname lautete nun „Neckarsulmer Fahrzeugwerke AG“ und „NSU“ war das offizielle Markenzeichen. 1913 wurden mit rund 1.200 Arbeitern ca. 13.000 Fahrräder und 2.500 Motorräder gefertigt. Viele Motorräder gingen in den Export. Im Ersten Weltkrieg wurden u.a. Motorräder für das Heer, aber auch LKW mit 1,25 und 2,5 Tonnen Nutzlast produziert.

Kolbenschmidt

1917 übersiedelten die Deutschen Ölfeuerungswerke nach Neckarsulm. Das Unternehmen war 1910 von Karl Schmidt, dem Sohn des NSU-Gründers Christian Schmidt, in Heilbronn gegründet worden. Zu diesem Zeitpunkt begann das Unternehmen auch Kolben-Rohlinge für die Automobilindustrie zu fertigen. 1934 wurde die Endfertigung von Kolben ins Portfolio aufgenommen und 1937 die Ofenbau-Sparte verkauft. Die Neuausrichtung intensivierte die enge Zusammenarbeit des Unternehmens mit der NSU, die über alle Veränderungen der beiden Unternehmen bis heute anhält.

1938 lag die Belegschaft der NSU bei 3.500 Mitarbeitern bei einer Einwohnerzahl Neckarsulms von knapp 8.600 Menschen (Volkszählung 1939), die Fertigung betrug rund 136.000 Fahrräder und 63.000 Motorräder. Die Automobilproduktion war 1931 nach einer gescheiterten Expansion in den 1920er Jahren eingestellt worden. Eines der bekanntesten Produkte der NSU während des Zweiten Weltkriegs war das Kettenkrad Typ HK 101 (Wehrmachtsbezeichnung Sd.Kfz. 2), das bei der Wehrmacht aber auch bei der Luftwaffe für zahlreiche Aufgaben eingesetzt wurde, zumeist als Zugmaschine für leichte Geschütze und für Flugzeuge. In Neckarsulm wurden 7.500 Exemplare davon gebaut. Darüber hinaus lieferte die NSU an die Wehrmacht Teile für U-Boote, ferngesteuerte Sprengstoffträger, Granaten, Zünder und Flugzeugaggregate.

Der Winkelturm der NSU

Bedingt durch die Ufernähe standen in den Werksgebäuden nicht ausreichend zum Ausbau als Schutzraum geeignete Kellerräume zur Verfügung. So wurde auf dem Werksgelände, im Bereich des heutigen Tor 4 des Audi-Werks zunächst ein Winkelturm für die Belegschaft errichtet. Er stand eher am Rand des damaligen Werks südöstlich der Einfahrbahn in einem Areal mit mehreren eineinhalbgeschossigen Hallen.

Der Winkelturm wurde in der Nachkriegszeit als Werkstatt genutzt. Dazu wurden entsprechende Einbauten wie ein Flaschenzug, eine Garderobe für Arbeitskleidung, Regale und ein kleines Büro vorgenommen.

Nachdem die Kriegsschäden weitgehend beseitigt waren, wurde der Hochbunker offenbar nicht mehr genutzt. Im Mai 2004 wurde er für die Werkserweiterung abgebrochen. Die Einbauten der Nachkriegszeit waren zu diesem Zeitpunkt noch immer vorhanden und gaben einen anschaulichen Einblick in die ersten Jahre nach dem Krieg, als intakte Gebäude einen unschätzbaren Wert darstellten.

Luftschutzstollen

Die Firmen Baldauf, Spohn, Kolbenschmidt AG und NSU beteiligten sich 1940 beim Bau von öffentlichen Luftschutzdeckungsgräben im Finkenweg und in der Bahnhofstraße. Die Deckungsgräben waren insbesondere für Personen gedacht, die mit der Bahn zu den Neckarsulmer Betrieben kamen, und ggf. in Bahnhofsnähe Schutz vor einem Luftangriff würden suchen müssen.

1944 begannen die Kolbenschmidt AG und die NSU mit dem Bau von eigenen Luftschutzstollen für ihre Belegschaften.

Kolbenschmidt  baute einen Stollen zwischen der Salinen- und der Paulinenstraße.

Die NSU baute einen Stollen am Hungerberg sowie einen weiteren unweit des Winkelturms, dessen Zugänge im Bahndamm lagen.

Vernebelung

Bereits 1940 setzte das Luftgaukommando bei als besonders gefährdet betrachteten Betrieben Nebelgeräte ein, um sie der Sicht feindlicher Flugzeuge zu entziehen. Erste Erprobungen hatte es bereits in den 1920er Jahren gegeben. Ab 1933 verstärkte die deutsche Luftwaffe die Anstrengungen zur Entwicklung effizienter Vernebelungsverfahren. Der Flughafenbereichskommandant des Fliegerhorsts Böblingen (1939 – 1942), Oberstleutnant Ernst Brückner, hielt selbst ein Patent auf Nebelgeräte, die z.B. zum Schutz der Mauserwerke in Oberndorf oder der Krauss-Maffei-Werke in Allach eingesetzt wurden.

In Neckarsulm wurden ab 1941 rund um das Areal der Firmen Kolbenschmidt und NSU in einem blasenförmigen „Kreis“ Nebelgeräte aufgestellt.Sie Standen ab der Wehrbrücke am Neckarufer bis oberhalb der Südgeraden der Einfahrbahn über das Gebiet „In den Stöcken“ und dann wieder entlang der Bahnlinie südwärts bis zur Wehrbrücke. Bei Obereisesheim, entlang der Neckargartacher Straße war eine Reihe von Nebengeräten quasi als westlicher Riegel aufgestellt, südlich der A6 führte ein solcher Riegel durch das Areal des heutigen Hafengeländes bis zur Artillerie-Kaserne an der Binswanger Straße (Heute Lidl-Hauptsitz), und auch nördlich waren noch zwei Stellungen mit Nebelgeräten vorgelagert. Die westliche Stellung lag nördlich der Einfahrbahn, die östliche im Bereich des heutigen Kochendorfer Recyclinghofs.

Flak

Insbesondere wegen der Werke der Kolbenschmidt AG und der NSU wurde Neckarsulm zu Beginn des Kriegs als stark luftkriegsgefährdet eingestuft. Im Gewann Klauenfuß (zwischen Bahnlinie und B 27, heute Gewerbegebiet)war eine Schwere Flakstellung eingerichtet und mit 8,8-cm-Kanonen belegt worden. Wie bei zahlreichen anderen Kleinstädten, die Rüstungsindustrie beherbergten, blieben die befürchteten Luftangriffe aber zunächst aus, oder richteten nur geringe Schäden an. So wurde die Schwere Flakbatterie 1940 geräumt und 1941 aufgelassen und die Bauwerke von der Stadt Neckarsulm übernommen, die darin Kriegsgefangene unterbringen wollte, die bei NSU arbeiten mussten.

Stattdessen wurden 1942/43 mehrere Stellungen für Leichte Flak eingerichtet, von denen die meisten auf dem Werksgelände der Kolbenschmidt AG und der NSU lagen (je zwei Stellungen) oder in unmittelbarer Nähe des Industriegebiets. Drei Kanonen wurden an der Wehrbrücke stationiert, je eine Stellung wurde in der Einfahrbahn und In den Stöcken gebaut. Auf dem Hungerberg, bei der Artillerie-Kaserne in der Binswanger Straße, sowie östlich des Neckars bei Obereisesheim (2 Stellungen) und in der Fuchshälde ging ebenfalls Leichte Flak in Stellung. Dort wurden 2 cm-Oerlikon-Kanonen aufgestellt und auch ein Scheinwerfer. Der Flakschutz Neckarsulms oblag der Heimatflak-Batterie 7/VII.

1943-44 lag der 1. Zug mit zwei Geschützen auf den Dächern der Kolbenschmidt AG in Stellung. Der zweite Zug war auf dem Hungerberg stationiert. In der NSU-Einfahrbahn waren drei acht Meter hohe Holztürme für die Geschütze des dritten Zugs errichtet worden. Unweit davon lag östlich der Zug In den Stöcken.

Die Kommandantur der Batterie befand sich zunächst im Pförtnergebäude der Fa. Kolbenschmidt, und wurde 1944 in das Café Hartmann in der Sulmstraße 7 verlegt.

Das Prinzip der Heimatflak war entwickelt worden, um Flaksoldaten für die Front „freizumachen“. In den Heimatflak-Batterien wurde ein Teil der Mannschaften durch ältere Soldaten und durch „unabkömmliche“ Werktätige ersetzt, die unweit der Heimatflak-Batterie wohnten oder arbeiteten. Sie sollten bei Alarm zum Dienst in die Stellung, und dort die Mannschaft komplettieren.

Ab Anfang 1943 wurden in allen Flak-Verbänden Schüler der Jahrgänge 1927 und 1928 als Flakhelfer eingesetzt.

Da Neckarsulm bis April 1944 praktisch keinen Luftangriff erlebte, war nach dem Abzug der Schweren Flak vom Hungerberg 1940 keine Schwere Flak mehr in der Stadt stationiert worden. Als Neckarsulm am 24. April 1944 erstmals bombardiert wurde, zeigte sich zwar auch hier, dass die Leichte Flak mit ihrer geringen Reichweite gegen hoch fliegende Bomber nichts ausrichten konnte, aber die Schäden waren zunächst noch gering.

Es folgten weitere kleinere Angriffe am 08. Dezember 1944 und am 20. Januar 1945.

Am 01. März 1945 um 14:30 h griffen 84 B-17 der USAAF die Stadt an. Sie warfen 651 Sprengbomben (500-Pfund-Bomben) und 36.300 Brandbomben. 128 Menschen starben, 3.455 Neckarsulmer verloren ihre Wohnung. 650 Wohnungen wurden total zerstört, 324 so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar waren. Nur 150 Wohnungen blieben unbeschädigt. Die Werke von Kolbenschmidt und NSU wurden ebenfalls schwer beschädigt. Die Leichte Flak konnte wegen zu geringer Reichweite gegen die Bomber nichts ausrichten.

Verlagerungsprojekt in Forchtenberg

Ca. Mitte 1944 bekam die NSU einen Auftrag der Luftwaffe zur Fertigung von Riedel-Anlassern. Die Produktion sollte nicht im Werk Neckarsulm stattfinden, sondern in einem unterirdischen Verlagerungsbetrieb im Gipswerk in Forchtenberg am Kocher. Unter dem Decknamen „Glasaal“ wurde  ab Sommer 1944 dort mit dem Ausbau der unterirdischen Kavernen begonnen.

Scheinanlage „Peru“

Bei Stein am Kocher errichete die Luftwaffe 1940 die Nachtscheinanlage „Peru“. Es ist nicht eindeutig belegt, ob diese Anlage explizit Angriffe auf sich ziehen sollten, die Neckarsulm gegolten hätten. Die Lage der Anlage 10 km nordöstlich von Neckarsulm hätte aber unweigerlich dazu geführt. Insofern erscheint es logisch, dass „Peru“ zumindest auch von Kolbenschmidt und NSU ablenken sollte.

Die NSU wuchs nach dem Krieg zum größten Zweiradhersteller der Welt und begann 1953 auch wieder mit dem Bau von Autos. Mit der Fusion der NSU AG und der Auto Union GmbH, Ingolstadt am 21. August 1969 zur Audi NSU Auto Union AG mit Sitz in Neckarsulm wurde erstmals der Firmenname Audi öffentlich platziert. Mit der Umfirmierung in Audi AG 1985 trat er die offizielle Nachfolge des Firmennamens NSU an. Der Firmensitz wurde nach Ingolstadt verlegt. Lediglich im Börsensymbol für die Audi-Aktie lebt der Name NSU noch weiter.

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