Esslingen-Mettingen

Der größte Luftschutzstollen Esslingens befindet sich in Mettingen unter dem Friedhof an der Lerchenbergstraße. Von außen kaum erkennbar erstreckt sich ein Gangsystem mit über 2500 qm Nutzfläche in 12 bis 38 Metern Tiefe unter dem Lerchenberg. Sechs Zugänge wurden für das Bauwerk angelegt, davon führt einer über 150 Treppenstufen hinauf in den Weinberg.

Die Aktenlage zu dieser Stollenanlage ist ziemlich dürftig und gab immer wieder Anlass zu Spekulationen. Diese werden zusätzlich durch die bekannten Fakten, die ursprüngliche Ausstattung der Anlage und eine für Zivilschutzanlagen eher ungewöhnliche Mischnutzung verstärkt.

Bau und Bauträger

Als Baujahr des Großstollens gilt 1941. Demnach wäre er chronologisch als eine Maßnahme einzuordnen, die direkt auf den Führererlass vom 10. Oktober 1940 zum Bau von Zivilschutzräumen zurückgeführt werden könnte. Über die Umstände der Baumaßnahmen konnten bislang keine Zeugnisse gefunden werden. Berücksichtigt man, dass im benachbarten Stuttgart zur gleichen Zeit für den Bau des Großluftschutzraums Wagenburgtunnel bereits polnische Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, könnte es bei der Erstellung des Mettinger Stollens ähnlich gewesen sein.

Als Bauträger wird die Maschinenfabrik Esslingen genannt. Das Bauwerk wird teilweise dem Werksluftschutz zugeordnet. Demnach sollte es der Belegschaft bei Luftangriffen als Schutzraum gedient haben. Die Maschinenfabrik Esslingen war 1920 mehrheitlich von der Gutehoffnungshütte AG übernommen worden und gehörte fortan zum Haniel-Konzern. Sie produzierte Lokomotiven und Kühlaggregate und wurde von Haniel während des Krieges rasch in die Rüstungsproduktion eingebracht. Die Fabrik, unmittelbar am Mettinger Neckarufer gelegen und heute im Daimler-Werk Mettingen aufgegangen, war ein bedeutender Arbeitgeber vor Ort.

Ausstattung

Bestimmte Ausstattungsmerkmale der Stollenanlage, wie verhältnismäßig umfangreiche Toilettenanlagen, Wasch- und Lagerräume, sowie Sanitätsbereiche sind geeignet, eine über den Zivilschutz hinausgehende Nutzung zu unterstellen. Einige noch heute erhaltene Beschriftungen an den Wänden tragen ebenfalls dazu bei, andere Nutzungsarten zu vermuten. Und auch der gitterähnliche Grundriss der Anlage ähnelt stark den Stollenbauten, die ab 1944 zur Untertageverlagerung von Produktionsstätten errichtet wurden. Belege für eine Nutzung als Produktionsstandort konnten jedoch nicht gefunden werden.

Die Darstellung, wonach die aufwändige Stollenanlage nur für die Belegschaft des Unternehmens in den Berg getrieben wurde, wird durch Aussagen von Anwohnern widerlegt. Demnach war der Stollen sowohl als Bunker für die Bevölkerung Mettingens als auch für die Belegschaft der Maschinenfabrik Esslingen errichtet und genutzt worden.

Der Eingang lag gegenüber dem Schulhaus unterhalb des auch damals schon existierenden Mettinger Friedhofs. Er ist noch heute nutzbar.

Die für einen Stollen vergleichsweise gute Innenausstattung könnte verschiedene Gründe gehabt haben. Von Anfang an war die Anlage für eine große Anzahl von Menschen errichtet worden – ca. 5.000 Schutzplätze sollte der Bunker den Quellen zufolge gewährleisten. Wegen seines frühen Baujahrs muss er mit den Hoch- und Tiefbunkern Stuttgarts verglichen werden, die in vielen Fällen eine ähnliche Ausstattung aufwiesen. Der Stollen verfügte über einen Telefonanschluß und eine eigene Quelle.

Kriegsende

In unmittelbarer Nähe des Stollens war auf der Neckarhalde eine Flakstellung. Sie war weitgehend mit Schülern der Esslinger Gymnasien besetzt, die dort Ihren Dienst als Flakhelfer leisteten. Von den herannahenden französischen Truppen wurde die Stellung heftig beschossen. Anwohner berichten über Tote, die es dabei gegeben hat.

Die Übergabe der Stadt an die alliierten Truppen am 22. April 1945 erlebten die meisten Mettinger im Stollen. Der Schutzraum war ein sicherer Ort, um vor den Kampfhandlungen Zuflucht zu suchen. Durch das Telefon war überdies gewährleistet, dass man über die Entwicklung außerhalb des Stollens informiert war.

In einer Auflistung der Schutzplätze vom Februar 1945 wird der Stollen in der Lerchenbergstraße mit einem Fassungsvermögen von 7000 Personen aufgelistet. Dies dürfte die ungefähren Verhältnisse in Mettingen zum Kriegsende widerspiegeln. So konnte wohl die gesamte noch in Mettingen verbliebene Zivilbevölkerung aufgenommen werden zuzüglich der ca. 2.500 regulären Arbeitskräfte der Maschinenfabrik Esslingen. Diese beschäftigte 1944 im Monatsmittel 4.834 Personen, davon 2.389 Zwangsarbeiter, die in der Regel keinen Zugang zu regulären Luftschutzanlagen hatten.

Reaktivierung

Nach dem Krieg wurden die meisten Luftschutzstollen auf Befehl der Alliierten „entfestigt“. In vielen Fällen führte das zur Sprengung der Portale, Verfüllung oder zumindest zum Zumauern der Eingänge. Dieses Schicksal blieb der Anlage in der Lerchenbergstraße nicht erspart. Es wurden jedoch lediglich die Zugänge teilweise gesprengt und verschlossen. Im Innern befand sich das Bauwerk 1945 noch immer in einem unfertigen Zustand. Über die Hälfte der Hohlräume waren mit Betonfertigteilen ausgebaut, die restlichen Räume waren nur mit Holz verkleidet worden. Im Laufe der Zeit verrottete das Holz, es gab Einstürze.

1964 wurde im Rahmen der Reaktivierung von Schutzräumen aus dem Zweiten Weltkrieg in der Lerchenbergstraße erneut mit Ausbauarbeiten begonnen. Dabei musste die alte Holzverkleidung komplett entfernt und durch Beton ersetzt werden. Parallel dazu trieben Mitarbeiter einer Spezialfirma aus dem Ruhrgebiet einen neuen Zugang von einer Garage in der Lerchenbergstraße in den Berg.

Die Maßnahmen waren im Schutzbaugesetz vom 09.09.1965 begründet, das als eine Reaktion auf die neue politische Situation in Europa (Kalter Krieg) verabschiedet wurde. Im Rahmen der Instandsetzung der Luftschutzanlage wurden neben den Erd- und Betonarbeiten auch teilweise neue Versorgungsleitungen eingebaut.

Ein zweiter Dämmerschlaf

Heute präsentiert sich das Stollensystem in einer Art Rohbauzustand. Die Betonarbeiten sind abgeschlossen, alte, originale Stollenteile lösen sich mit nachträglich ausbetonierten Abschnitten ab. An einigen Stellen sind noch die Beschriftungen aus den frühen 40er Jahren an den Wänden erhalten. Die 1965 geplante neue Lüftungsanlage wurde offenbar nie eingebaut. Auch andere Maßnahmen wurden nicht zu Ende geführt, die man für ein modernes Bauwerk erwarten würde, das bei Atomkrieg und Angriffen mit chemischen Kampfstoffen Tausende schützt. Entsprechende Schleusen und Tore sind nicht vorhanden, auch Einrichtungen zur Dekontamination fehlen.

So hinterließ die nicht fertiggestellte Modernisierung in erster Linie ein statisch intaktes und vollständig begehbares Bauwerk, das Antworten nur zögerlich preisgibt. Doch die Dimensionen dieses Großstollens und die zahlreichen im Urzustand belassenen Bauabschnitte geben ein beeindruckendes und teilweise auch beklemmendes Zeugnis ab von einer Zeit, in der der Krieg die deutschen Städte erreichte.

Advertisements