Geislingen, „Rubin“

Obwohl das Verlagerungsprojekt „Rubin“ als Räumlichkeit durch eine Urban Explorer-Seite recht gut dokumentiert ist, sind die meisten Fragen dazu noch ungeklärt.

Nach Lage der Dinge dürfte der Baubeginn 1944 gewesen sein. Das Projekt wurde in der Verantwortung der Organisation Todt-Einsatzgruppe V geführt. Es soll der WMF zugeordnet werden sein, in der Literatur zum KZ Natzweiler-Struthof und seinen Außenlagern taucht es allerdings nicht auf. In den Rastatter Prozessen 1946/47 sagten zwar auch ehemalige Zwangsarbeiter aus, die bei WMF in Geislingen eingesetzt waren, doch ihre Arbeitsstellen waren in den Räumlichkeiten von WMF und anderen kriegsbedingt rekrutierten Gebäuden eingerichtet.

Die lückenhaften Erkenntnisse über „Rubin“ sind kein Einzelfall. Viele Informationen über KZ-Betriebe und den damit verbundenen Verlagerungsbetrieben stammen aus Prozessen gegen Beteiligte, aus erhaltenen Lagerlisten und lokalen Unterlagen wie Ortschroniken, Sterbelisten usw. Ab Sommer 1944 nahm die Zahl der Verlagerungsprojekte rasant zu. Bedingt durch die allgemeine Kriegslage entstand eine zunehmende und am Ende kaum noch kontrollierte Dynamik auf den Baustellen.

Das KZ Vaihingen und das Projekt „Galenit“ stehen für diese Dynamik genauso wie „Steinbutt“ oder die Bemühungen zum Ausbau des Flugplatzes Hailfingen-Tailfingen. Da im Südwesten die für die Produktion vorgesehenen Arbeiter nicht am Bau oder Ausbau der Produktionsstätten beteiligt waren, und in den Rastatter Prozessen längst nicht aus allen Baukommandos Zeugen zugegen waren, blieben etliche Baukommandos unverhandelt und fanden damit keinen Eingang in die Akten.

Mit „Igelfisch“ und „Rubin“ gab es in Geislingen zwei solcher Bauprojekte, deren Entstehung bis heute weitgehend ungeklärt ist.

Für „Rubin“ enstand ein Längsstollen von ca. 180 m Länge und zwei davon abzweigende Querstollen mit ca. 120 m Länge, die durch einen Längsstollen miteinander verbunden sind. Ein dritter Querstollen wurde begonnen, ist aber deutlich kürzer und nur roh ausgebrochen.

Der 80 m lange Zugangsstollen mit 3 m Breite und 3,80 Höhe war bis Kriegsende bereits ausbetoniert. Auf 65 m Länge war auch bereits eine Lüftungsanlage installiert worden. Die inneren Räumlichkeiten waren im Endausbau ca. 6 m breit und rund 5 m hoch. Sie waren allerdings nur zu ca. einem Viertel bereits mit Beton ausgebaut. Die übrigen Räumlichkeiten waren nur ausgebrochen.

Es ist offensichtlich, dass hier bis Kriegsende keine Produktion stattgefunden hatte, davon war die Anlage noch Monate entfernt. Welche und wie viele Arbeiter hier eingesetzt worden waren ist bis heute unklar. Auch was in „Rubin“ letztlich hätte produziert werden sollen, ist nicht bekannt. Robert Steegmann schreibt in seinem Buch „Das Konzentrationslager Natzweiler Struthof und seine Außenkommandos an Rhein und Neckar 1941-1945“, WMF habe Querruder für Düsenflugzeuge und Maschinengewehre produziert. Auch Frauen bedienten bei WMF bis zu 200 Tonnen schwere Pressen.

Geografisch hätte Geislingen gut in die Produktionsinfrastruktur der Me 262 gepasst. Über die Bahnlinie nach Ulm bestand auch eine gute Verbindung nach Burgau, einem der Montagewerke für das Flugzeug. Allerdings wurden bisher keine Belege dafür gefunden, dass die Querruder aus WMF-Produktion für die Me 262 bestimmt waren.

Nach dem Krieg wurde die Anlag doch noch genutzt. Zumindest einige Zeit diente sie als Pilzzucht. Eine nicht unübliche Nutzung für solche Anlagen. In dieser Zeit wurde offenbar auch die Lüftungsanlage umgebaut. Allerdings sind auch hier die bisherigen Erkenntnisse lückenhaft.

Auf Weisung der Alliierten wurden die Zugangsbauwerke von „Rubin“ nach dem Ende des Krieges gesprengt. Lange Jahre waren die Eingänge noch an Bodenwellen erkennbar. Inzwischen sind diese eingeebnet. Auf die Stollenanlage deutet heute praktisch nichts mehr hin.