Schramberg, Junghans

Firmengründung, Aufstieg, 1. Weltkrieg

1861 gründete der Kaufmann Erhard Junghans und sein Bruder Xaver Junghans in Schramberg Firma Gebrüder Junghans. Die Firma fertigte zunächst Gehäuseteile für Uhrenhersteller im Schwarzwald. Ab 1866/67 begann die Herstellung eigener Uhrenwerke. 1870 erzeugte das Unternehmen rund 60 Uhren täglich.

Im Herbst des Jahres starb der Gründer Erhard Junghans. Seine Witwe Luise übernahm die Leitung der Firma und verkaufte sie am 01.Juli 1875 an die Söhne Erhard (d.J.) und Arthur Junghans. Die beiden bauten das Unternehmen konsequent auf, erweiterten die Produktpalette um Wecker und Taschenuhren. Während die Wecker dem Unternehmen eine erhebliche Expansion bescherten, waren die Versuche mit Taschenuhren 1883 und 1894 zunächst nicht erfolgreich. Dies änderte sich erst durch die Fusion mit der Schwenninger Firma Thomas Haller AG zum Ende des 19. Jahrhunderts, die zu diesem Zeitpunkt im Markt für Taschenuhren bereits erfolgreich war. So hatte Junghans ab 1900 auch Taschenuhren im Sortiment. Die Diversifikation und die Fusion mit Thomas Haller machten Junghans zum weltweit größten Uhrenhersteller, der 1903 mit 3000 Beschäftigten jährlich über drei Millionen Uhren produzierte.

1906 begann Junghans zusätzlich mit der Produktion von Munitionszündern. Mit dem in Oberndorf ansässigen Schusswaffenhersteller Mauser und der größten Pulverfabrik des Kaiserreichs in Rottweil entstand so im Schwarzwald eines der wichtigsten Rüstungszentren des Wilhelminischen Deutschland. Der Erste Weltkrieg bescherte Junghans beachtliche Aufträge. Nicht nur die Zünderfertigung florierte, sondern auch die Produktion von Taschenuhren, die für die Soldaten an der Front von enormer Bedeutung waren.

1918 – 1946

So verlief 1918 für Junghans der Übergang zur Friedenswirtschaft und den Auflagen des Versailler Vertrags vergleichsweise glimpflich, denn Uhren konnten weiterhin produziert werden, und die Märkte nahmen sie weltweit begehrlich auf. Ab 1928 hatte Junghans Armbanduhren im Sortiment, zunächst mit Werken der Firma Gebrüder Thiel GmbH in Ruhla, ab 1930 mit eigenen Werken.

Ab 1933 bewarb sich das Unternehmen auch wieder um Rüstungsaufträge. Neben der wieder aufgenommenen Fertigung von Zündern kamen so auch Präzisionsuhren für Flugzeuge und Schiffe zum Sortiment hinzu. Das Ende des zweiten Weltkriegs traf Junghans weit schwerer als das Kriegsende 1918. Demontagen von Maschinen, Zwangslieferungen von Uhrwerken nach Frankreich und die Beschlagnahme von mehreren Gebäuden als Kasernen machten dem Unternehmen zu schaffen. Immerhin konnten ab 1946 die Uhrenproduktion wieder aufgenommen werden. Mit qualitativ guten Armbanduhren schaffte das Unternehmen in den 50er Jahren den Wiederaufstieg zum größten Uhrenhersteller Deutschlands.

Nach 1946

1956 wurde Junghans von Diehl übernommen. Der Nürnberger Konzern spaltete später Uhrenproduktion und Wehrtechnik in separate Unternehmen auf und verkaufte die Uhrenproduktion 2000 an die Egana Goldpfeil Holding. Als diese in finanzielle Schwierigkeiten geriet, musste die Junghans Uhren GmbH am 29.08.2008 Konkurs anmelden. Zum 01.02.2009 übernahmen der Schramberger Unternehmer Hans-Jochem Steim und sein Sohn Hannes das Unternehmen, das seither Uhrenfabrik Junghans GmbH & Co. KG firmiert.

Junghans im 2. Weltkrieg

Das Stadtarchiv Schramberg nennt für die Stadt 17 Luftschutzstollen aus dem 2. Weltkrieg, die 1983 noch vorhanden waren. Für eine Stadt, die laut Volkszählung vom Mai 1939 16.010 Einwohner hatte ist diese Zahl ungewöhnlich hoch. Sie resultiert letztlich zum Teil aus den Aktivitäten des größten Arbeitgebers am Ort, der bereits ab 1933 in die Rüstungsanstrengungen des NS-Regimes eingebunden war.

Während des Krieges hatte Junghans die Führung des Sonderausschusses M IX inne, dem etwa 200 Nachbaufirmen mit 100.000 Beschäftigten angegliedert waren. In Schramberg selbst lag die Belegschaft bei annähernd 8.000 Personen, darunter (Stand 1942) 440 „Ostarbeiter”, 332 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Frankreich und 90 Zwangsarbeiter aus Polen, die nach Nationalitäten getrennt in Baracken, Gemeinschaftsunterkünften und Gasthäusern untergebracht waren.

Stollenbau

Bereits 1940 war mit dem Bau von unterirdischen Luftschutzräumen begonnen worden, hierzu gehörten auch eine Befehlsstelle und Schutzräume für Wach- und Feuerwehrmannschaften. Da diese Räumlichkeiten bei weitem nicht ausreichten wurden drei Stollenanlagen begonnen. Der Stollen I fasste 1944 1.200 Personen, der Stollen II 1.700 Personen. Für Stollen III gibt es keine genaue Angabe, die meisten der Gebäude verfügten über zu Luftschutzräumen ausgebaute Kellerräume, deren Decken verstärkt oder zusätzlich abgestützt wurden. Die Planungen für weitere unterirdische Anlagen wurden praktisch bis Kriegsende fortgesetzt. Noch im Frühjahr 1945 entstand der Plan zu einer unterirdischen Fabrik mit 32 „Berghallen“, die einheitlich 70 m lang und 12 m breit werden sollten. Der Anschluss an die Bahn sollte über einen Verbindungstunnel und einen unterirdischen Bahnhof im Stammwerk erfolgen.

Auch wenn diese Ideen nie Wirklichkeit wurden, sind die realisierten unterirdischen Baumaßnahmen beträchtlich. Spätestens ab 1944 wurden die Stollen mit Maschinen belegt und die Produktion unter die Erde verlagert. Unter dem Decknamen „Blauhai“ wurde so 5173 Quadratmeter Stollenfläche für die Fertigung aktiviert. Ende 1944 war Stollen I zu zwei Dritteln und Stollen III zur Hälfte mit Maschinen belegt, obwohl keine ausreichende Lüftung vorhanden war. Daher war lange Zeit angenommen worden, dass die Produktion dort nie angelaufen war.

Die Geheimhaltung auch nach dem Krieg vor allem nach der Übernahme des Unternehmens durch den Diehl-Konzern hatte eine Aufarbeitung der Geschichte dieser Stollen lange Zeit behindert. Erst vor wenigen Jahren tauchten so auch Zeitzeugenberichte auf, die die unterirdische Produktion bei Junghans 1944/45 belegen und anschaulich schildern. Der Lärm im Innern der Felsen war infernalisch, die Luft erfüllt von Staub, Abgasen und Dämpfen. Der Arbeitsschutz war mangelhaft und bestand in erster Linie darin, dass Warnschilder den Zutritt zu dem Produktionsräumen für allen Unbefugten strengstens verboten.

Es ist das Verdienst des Stadtarchivars Carsten Kohlmann, die Geschichte der Luftschutzstollen der Firma Junghans aufgearbeitet zu haben. Aus den verstreuten Quellen und Unterlagen konnte er nicht nur eine historisch aussagefähige Darstellung der realisierten Baumaßnahmen herstellen, sondern auch die noch im Frühjahr 1945 vorgenommenen Planungen für die unterirdische Fabrik einbeziehen.

Zum Weiterlesen

2015 verfasste Kohlmann den Aufsatz „Vom Lost Place zum Gedenkort – die Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg bei Junghans und H.A.U. in Schramberg“, der in dem Buch „Erinnern und Vergessen. Geschichten von Gedenkorten in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg“ erschienen ist. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Aufsatz_Luftschutzbunker_H.A.U._Junghans_Schramberg_2015

 

Advertisements