Diakonissenplatzbunker

Der Diakonissenplatz entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Fläche zwischen dem ersten Diakonissenmutterhaus an der Forst- und Rosenbergstraße und dem Neubau zwischen der Silberburg- und Falkertstraße. Zu dieser Zeit war der Platz noch als Lagerplatz eines Bauunternehmens genutzt und zum Ende des 19. Jahrhunderts kurzfristig als Lehmgrube einer Ziegelei. 1900 wandelte die Stadt die Fläche in eine öffentliche Anlage um,  die den Namen Diakonissenplatz erhielt. Der Platz wurde als Grünfläche angelegt, die von zwei breiten diagonalen Wegen durchkreuzt wurde.

Bau des Bunkers

Im Rahmen des Bauprogramms nach dem Führersoforterlass vom September 1940 wurde der Platz als Standort für einen Tiefbunker für 1240 Personen bestimmt. Den Bauauftrag erhielt die in der Ludwigstraße ansässige Firma Gottlob Müller Hoch- und Tiefbau. Sie begann mit dem Aushub der insgesamt 18.000 Kubikmeter Erdreich am 10. Januar 1941. Am 21. April 1941 waren die Betonierarbeiten abgeschlossen. Die Außenwände sind 1,80 m dick, die Decke

Die Anlage mit einer Grundfläche von 3.158 qm ist U-förmig angelegt und in drei Trakte gegliedert. Der längs der Rosenbergstraße liegende Trakt enthielt ein ärztliches Rettungszentrum, das während des Krieges als Hilfslazarett diente. Die beiden anderen Trakte waren als Zivilschutzräume geplant. Allerdings wurde der längs zur Forststraße liegende Flügel im Laufe des Krieges mit dem  Lagezentrum des Sicherheits- und Hilfsdienstes (SHD) ein, der für die Koordinierung von Hilfsmaßnahmen nach Bombenangriffen zuständig war. Der größte der drei Teile, der Verbindungstrakt entlang der Silberburgstraße, wurde seiner ursprünglichen Planung gemäß als Schutzraum für die umliegende Bevölkerung genutzt. Dieser Trakt liegt etwas höher als die beiden anderen. An den Durchgängen zwischen den Trakten liegen Treppenstufen. Die Decke ist zwischen 1,60 und 1,80 m dick. Die meisten der 64 Kabinen entsprechen der Normgröße von 2,90 x 2,04 m, eine kleinere Anzahl ist 2,90 x 2,45 m groß. In der Mitte des nach Osten offenen U wurde ein unterirdischer Löschwasserbehälter mit 308 Kubikmetern Inhalt errichtet, der bis heute nutzbar ist.

1941, als die Bunker der ersten Bauwelle errichtet wurden, gab es keinen Luftangriff auf Stuttgart, so dass die Baumaßnahmen ungestört durchgeführt werden konnten. Es gab jedoch immer wieder Luftalarme und auch Berichte von Angriffen auf andere Städte gelangten nach Stuttgart. So waren Akzeptanz und Vertrauen in die neu errichteten Bunker in der Bevölkerung sehr hoch.

Luftangriffe auf den Westen

Ab April 1943 erlebte die Stuttgarter Innenstadt und der Westen die ersten Luftangriffe mit Bombenwürfen in ihrem Gebiet. Bereits im März des Jahres waren die Fildervororte schwer getroffen worden.

So erklärt sich auch, dass sich bei Fliegeralarm an den Bunkereingängen mitunter dramatische Szenen abspielen, Gedränge entstand, Menschen stürzten und teils über sie hinweggetrampelt wurde, und dass der Bunker spätestens zu diesem Zeitpunkt in erheblichem Umfang überbelegt war.

Bei den Juli-Angriffen 1944 wurde das städtische Telefonnetz schwer getroffen, so dass auch im Bunker die Telefonanlage verstummte. Melder sollten nun die Lageberichte zu Fuß oder Fahrrad in das SHD-Lagezentrum bringen. Der erste Melder, der eintraf, ein Schüler aus Feuerbach, fand den Bunker verschlossen vor. Er öffnete die Tür und fand ohnmächtige Bunkerinsassen vor. Infolge der Großbrände in der Innenstadt war die Außenluft erheblich mit Rauchgasen und Kohlenmonoxid belastet, dafür arm an Sauerstoff. Über die Lüftungsanlage war dieses gefährliche Gemisch ins Innere des Bunkers gelangt. Vor zu hohem Kohlenmonoxidgehalt und zu geringen Sauerstoffanteilen in der Atemluft  konnte die Filteranlage nicht schützen.

Der Tiefbunker unter dem Marktplatz hatte aus diesem Grunde noch während des Angriffs evakuiert werden müssen. Beim Luftangriff am 12. September 1944 auf den Stuttgarter Westen musste der Diakonissenbunker ebenfalls evakuiert werden, da sich die Großbrände ringsum vereinigten und den Bunker einzuschließen drohten.

Nachkriegsnutzung

Nach dem Krieg wurde die Anlage zunächst als Bunkerhotel genutzt. Zwar lag der Diakonissenplatz nicht so zentral wie die drei anderen Bunkerhotels der Innenstadt, aber vom Hauptbahnhof ist es ungefähr genauso weit entfernt wie der Wilhelmsplatz. 1949 kostete eine Übernachtung in einem der 40 Betten 5,75 Mark. Das Hotel nutzte den Verbindungstrakt an der Silberburgstraße als Gästebereich, der mit seinen normierten Bunkerzellen einfach umzugestalten war.

Leider ist über den Hotelbetrieb nicht allzu viel bekannt. Das Hotel existierte bis 1952. Danach wurden die Räume zunächst vom Sozial- und Flüchtlingsamt für die Unterbringung von Flüchtlingen aus dem Durchgangslager Stammheim genutzt. In einem Teil des Bunkers probte bis Mitte 1953 die Polizeikapelle.

Von 1953 bis 1962 betrieb die Heilsarmee ein Männerwohnheim in den Räumlichkeiten. E wurden Unterkünfte für 138 Männer eingerichtet, die hier bis maximal 3 Monate bleiben konnten. Für Saisonarbeiter galt eine Frist von 6 Monaten.

Auf dem Diakonissenplatz – und damit auf dem Dach des Bunkers – wurde in den 1950er Jahren der vermutlich erste Jugendverkehrsübungsplatz Deutschlands erstellt. Schätzungen zufolge haben auf diesem Platz seit seiner Eröffnung zwischen 300.000 und 500.000 Stuttgarter Kinder Verkehrsregeln und Verhalten im Straßenverkehr gelernt.

Kalter Krieg und Rockmusik

Ab 1963 wurde der Bunker zu einer von drei Abschnittsbefehlsstellen in Stuttgart. Sie sollten im Krisenfall die Verwaltung der Stadt Stuttgart übernehmen. Im Diakonissenbunker wären die Stäbe der Stadt untergebracht worden. Aus finanziellen Gründen ging diese Umwidmung allerdings noch nicht mit Umbauten oder Modernisierungsmaßnahmen einher. Das Bauwerk entwickelte sich aus der fehlenden aktiven Nutzung heraus zunächst eher zum Problemkind. Obdachlose, Diebesgut aber auch nächtliches Rückzugsgebiet für junge Pärchen waren Ende der 1960er Jahre mit dem Bunker verbundene Themen.

Ab 1971 wurde ein Raum im Bunker an die Rockband Müll vermietet. Die Zivilschutzbehörde erhoffte sich von der Belebung des Bunkers durch die Musiker auch eine Abnahme der unerwünschten Nutzung, die tatsächlich eintrat.

Von 1980 bis 1985 wurde der Bunker mit Bundesmitteln modernisiert und den Erfordernissen des Kalten Krieges angepasst. Die während des 2. Weltkriegs entstandene Dreiteilung der Nutzung wurde beibehalten. So wurde aus dem SHD-Lagezentrum eine Ausweichstelle für den Katastrophenschutz und den Zivilen Verteidigungsstab, und auch der Trakt des Notkrankenhauses wurde modernisiert.

Und weiter?

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der Bunker aufgegeben und wieder in die Zuständigkeit des städtischen Liegenschaftsamts gegeben. Es gab gelegentlich Führungen und kulturelle Veranstaltungen in den Räumen, aber dies waren zumeist Einzelinitiativen.

Mit dem Beschluss zur Schließung  des Jugendverkehrsübungsplatzes 2019 und der anschließenden Neuordnung des Diakonissenplatzes rückte auch der unter dem Platz liegenden Bunker wieder in das Interesse der Anwohner. Da die Stadt Stuttgart den Bunker nicht in die Gestaltungspläne des Platzes einbezogen hat und auch keine Nutzung des Bunkers beabsichtigt haben sich inzwischen vor allem Einzelpersonen und kleine Initiativen Gedanken zu einer möglichen Nutzung von Teilen des Bunkers gemacht.

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