Stuttgart

Unter den Hochbunkern in Stuttgart sind es vor allem die Bunker am Pragsattel und an der Rosensteinbrücke, die den Blick auf sich ziehen. Viele andere fallen im Stadtbild kaum auf. Darüber hinaus gibt es im Bewusstsein der Bevölkerung zumeist nur stadtteilbezogenes Wissen über die Existenz solcher Bauwerke. So ist es kein Wunder, dass die meisten Stuttgarter oft nicht einmal wissen, wie viele Hochbunker es überhaupt in ihrer Stadt gibt. Von den 16 regulären Hochbunkern mit individuellem Zuschnitt und den vier Winkeltürmen, die in Stuttgart während des zweiten Weltkriegs errichtet wurden, sind die meisten Bauwerke noch erhalten.

Seit dem Krieg abgerissen wurden die Winkeltürme am Wilhelmsplatz Bad Cannstatt, sowie am Karl-Benz-Platz und Martin-Schrenk-Weg in Untertürkheim, außerdem der Hochbunker in der Wilhelmstraße in Bad Cannstatt.

Standorte

Lässt man die Winkeltürme außen vor, wurde über die Hälfte der Hochbunker in Siedlungen errichtet: Die Neuwirtshaussiedlung, Wolfbuschsiedlung, Siegelbergsiedlung, Steinhaldenfeld, Wallmersiedlung, Raitelsberg und die Arbeitersiedlung an der Eierstraße sind ihre Standorte. In Siedlungsplanungen ab 1933 wurden Luftschutzbauwerke teilweise bereits in die Planungen einbezogen. So verfügt z.B. die Rotwegsiedlung über einen unterirdischen Sammel-Luftschutzraum.

Die Errichtung nahezu aller Hochbunker im Stadtgebiet resultierte aus den am 21.11.1940 begonnenen Beratungen mit den Beiräten für Luftschutzfragen. Nach diesen Gesprächen erfolgte am 28.11.1940 die Auftragsvergabe für eine ganze Reihe von oberirdischen Luftschutzbauten. Vorgesehen war die Errichtung von Türmen, Turmhäusern, Terrassenbauten und Häusern. Als Standorte wurden definiert: Altstadt Bad Cannstatt, Böheimstraße, Dachtlerstraße, Eiernest, Frauenklinik, Hoffeld, Jakobschule, Im Degen, Katharinenhospital, Krankenhaus Bad Cannstatt, Krankenhaus Feuerbach, Kinderklinik Birkenwaldstraße, Ludwigspital, Luisenstraße, Neuwirtshaus, Pragwirtshaus, Polizeisiedlungen Waldeck und Reutte, Raitelsbergsiedlung, Reisachsiedlung, Ringelgärten, Siegelbergsiedlung, Steinhaldenfeldsiedlung, Viktor-Köchl-Haus, Wallmer, Wilhelmsplatz Bad Cannstatt, Wolfbuschsiedlung und Zazenhausen.

Bauprogramm

Die Pläne der Hochbauten wurden Prof. Bonatz vorgelegt, dem auf einer Rundfahrt auch alle erwogenen Standorte gezeigt wurden. Bonatz hatte kaum Änderungsvorschläge und war größtenteils mit den eingereichten Lösungen einverstanden. Er regte an, die Luftschutzbauten mit Werkstein zu verkleiden. Der zuständige Luftschutzreferent Oberbaurat Scheuerle berichtete u.a. „Prof. Bonatz ist der Auffassung, daß die Gestaltung der Luftschutzhochbauten eine architektonisch und städtebaulich dankbare Aufgabe bietet.“

Im Februar 1941 war das Bauprogramm voll im Gange. Oberbaurat Scheuerle konnte am am 13.02.1941 berichten dass derzeit an etwa 35 Stellen bombensichere Luftschutzräume gebaut werden.

Am 24. Juni 1941 lieferte Scheuerle erneut einen Zwischenstand über die Fortschritte bei der Errichtung von 36 Luftschutzbauten (14 Tiefbauten, 19 Hochbauten, 1 Reichsbahnbunker, und 2 Werkluftschutzbauten). Demnach waren 19 Projekte bis zum Rohbau gediehen. Auf den Baustellen arbeiteten zu dieser Zeit 797 deutsche und 887 kriegsgefangene Arbeiter.

Nach einem Erlass des Reichsministers der Luftfahrt und Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Hermann Göring vom 04. Juni 1941 sollte nach Abschluss dieses Programms eine weitere Welle von Luftschutzbaumaßnahmen folgen. Dafür hatte der örtliche Luftschutzleiter bereits 118 Objekte festgelegt. Eine weitere Auflage von Hochbauten erfolgte allerdings nicht mehr. Lediglich der Hochbunker in der Talstraße 71 in Gaisburg dürfte seinen Ursprung in diesem zweiten Programm haben.

Keine „Verschönerung“

Am 27. August 1941 war von Oberbaurat Scheuerlen zu erfahren, dass in Stuttgart 21 Architekten hauptberuflich für den Luftschutz arbeiten. Zugleich wurde bekannt, dass für die optische Ausgestaltung von Bunkern keine weiteren Mittel mehr bereitgestellt würden. Damit lässt sich die Fertigstellung der Hochbunker im Wolfbusch und in der Sickstraße relativ gut datieren, da sie als einzige noch die von Prof. Bonatz vorgesehene Sandsteinverkleidung erhielten. Fast alle anderen Hochbunker in Stuttgart weisen zwar die markanten Gesimse auf, die zum Anbringen der Sandsteinverkleidung vorgesehen waren, erhielten diese optische Aufwertung aber nicht mehr.

Konzepte

Interessanterweise hatte die in Stuttgart ansässige Ed. Züblin & Cie AG bereits 1939 einen siebenstöckigen Luftschutzturm für 500 Personen entwickelt. Der zylindrische Hochbunker konnte sowohl mit einer waagerechten Abdeckplatte oder mit einem Kegeldach ausgeführt werden. Der Turm wies drei Eingänge im Abstand von je 120 Grad auf. Um den zylindrischen Turmkern waren Sitzreihen angeordnet, innerhalb der Außenmauer waren drei Treppen vorgesehen. Das Konzept wurde von der Reichsanstalt der Luftwaffe mit der RL-Nummer RL 3 -39 / 315 zugelassen, und hätte somit genauso wie z.B. die Luftschutztürme der Bauart Winkel im gesamten Reichsgebiet erstellt werden können. Züblin erhielt in Stuttgart jedoch keinen Auftrag für seine Entwicklung.

Dennoch sind nicht alle Hochbunker in Stuttgart vollkommen individuell zugeschnitten. Zumindest die Siedlungsbunker in der Sattelstraße, der Sickstraße, in Steinhaldenfeld, im Kirschenweg und am Seelachwald sind im wesentlichen baugleich, die beiden Bunker in der Sattelstraße haben lediglich ein oberirdisches Stockwerk mehr. Alle sollten mit Werkstein verkleidet und mit einem Pyramidendach an die Siedlungsbebauung angepasst werden.

Noch erhaltene Hochbunker in Stuttgart

Feuerbach, Schraderweg (Siegelbergbunker)

Bad Cannstatt, Badstr. 51 (Rosensteinbunker)

Süd, Böheimstr. 64/1

Süd, Schreiberstrasse 44

Wangen, Kirschenweg 12

Neuwirtshaus, Föhrstraße

Nord, Pragsattel

Raitelsberg, Sickstrasse 171

Steinhaldenfeld, Kolpingstrasse 90

Steinhaldenfeld, Zuckerbergstr. 80

Untertürkheim, Sattelstraße 46

Untertürkheim, Sattelstraße 70

Wolfbusch, Am Seelachwald

Süd, Eierstraße 114/1

Gaisburg, Talstraße 71

Feuerbach, Bahnhof (Winkelturm)

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