Eierstrasse

 

1926 ließ die Stadt Stuttgart im Rahmen eines Programms für sozialen Wohnungsbau im äussersten Süden Heslachs 176 einstöckige Einfamilienhäuser für städtische Arbeiter und Angestellte errichten. Der Name des Gewanns gab der Siedlung ihren Namen: „Eiernest“

 Die Häuser entlang der Eier-, Liebig- und der Schreiberstraße waren nach dem Prinzip der englischen Gartenbauidee als Reihenhäuser in Leichtbauweise ausgeführt. Sie sollten 40 – 50 Jahre halten und dann Neubauten weichen. Vor ca. 30 Jahren wurden die Häuser modernisiert. Einige sind inzwischen verkauft worden und seither Privateigentum der Bewohner. 

Im Rahmen des Bauprogramms für zivile Luftschutzbunker in Stuttgart wurde für die Bewohner der Siedlung an ihrem südlichen Rand 1941 ein zweigeschossiger Hochbunker errichtet. Neben den Bunkern in der Böheimstrasse und in der Schreiberstrasse war er der dritte Hochbunker Heslachs.

Das ca. 42 m lange und 11 m breite Bauwerk verfügt über ein Untergeschoss und ein Erdgeschoss mit insgesamt 289 qm Fläche. Die Zugänge liegen am jeweils linken Ende der beiden Längsseiten. Im Innern ist das Bauwerk vollkommen symmetrisch gegliedert. Über die Gasschleusen gelangt man jeweils in einen ca. 30 qm großen Raum, von dem vier weitere Räume abgehen. Zwischen diesen großen Räumen liegt in der Bauwerksmitte ein Verbindungsgang über den beidseitig jeweils mehrere kleine 2 x 3 Meter große Räume und die Toiletten erschlossen sind. Über die großen Räume sind auch die beiden Treppen zugänglich, die in einem 180 Grad-Bogen in das Untergeschoß führen, dessen Grundriss zum Erdgeschoß weitgehend identisch ist. Statt der Schleusenbereiche sind hier die Technikräume untergebracht.  Hier sollten 1.000 Menschen Schutz vor Luftangriffen finden.

Ähnlich dem Bunker in der Föhrstrasse in Neuwirtshaus wurde das Erscheinungsbild des Bunkers an die Siedlung angepasst. Der langgezogene Bau ist kaum höher als die Siedlungshäuser und ebenfalls mit einem Ziegeldach versehen. Wer das Gebäude nicht kennt, kann es auf Luftbildern nicht als Bunker identifizieren.

Wie praktisch alle Stuttgarter Hochbunker ist auch der Eiernest-Bunker an das städtische Leitungswassernetz angeschlossen, elektrifiziert und verfügt über eine Lüftungsanlage und Toiletten.     

Anfang 1946 entstand in dem Bunker ein Frauenwohnheim. Man nutzte das neben dem Bunker zum Wald gelegene Grundstück um den Frauen, die oft mit Kindern hier lebten, zusätzlichen Raum zur Verfügung zu stellen, zumindest bei gutem Wetter. Dort konnten die Kinder im Freien spielen, was im Bunker in der Böheimstrasse z.B. nicht so einfach möglich war. Ein Teil des Grundstücks war reserviert um kleine Nutzgärten anzulegen.

Dies alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Heim ein Provisorium war. Anfang 1946 eingerichtet, mangelte es im Mai noch immer an grundlegenden Einrichtungsgegenständen, wie Schränken, Stühlen, und Tischen. Die 2 x 3 m grossen Räume mussten sich nicht selten zwei Frauen teilen. Geschlafen wurde im Stockbett. Und die Situation besserte sich zunächst nur unwesentlich. Zwar wurde im Laufe der Zeit die Ausstattung mit Mobiliar verbessert. Doch im August 1948 lebten in Stuttgart noch immer 1.800 Menschen in Bunkern.

Der Bunker in der Eierstrasse wurde nicht für den Kalten Krieg instand gesetzt. Das Nachbargebäude und das angrenzende Grundstück, das einst den Bunkerkindern und ihren Müttern die Möglichkeit zum Aufenthalt im Freien gab wird heute von einem Kindergarten  genutzt. Der Bunker selbst ist seit Mitte der 1970er Jahre an Bands vermietet, die teilweise dort seit Jahrzehnten ihre Proberäume haben. Dadurch ist im Bunker ein entsprechendes Gemeinschaftsgefühl unter den Musikern gewachsen. Dies ist nicht überall so. In manchen Bunkern wechseln die Bands häufiger, so dass auch der Kontakt untereinander eher gering ist.

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Eine Antwort zu Eierstrasse

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