Neuwirtshaus

Die Neuwirtshaus-Siedlung wurde zu Beginn der 30er Jahre geplant und unmittelbar nach der Machtergreifung unter Federführung der NSDAP errichtet. Somit markiert das Siedlungsprojekt den Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus.

Die Konzeption sah vor, auf der „günen Wiese“ sozial schwache Familien mit mehreren Kindern anzusiedeln, die weitgehend autark leben konnten. Die Grundstücke wurde im Erbbaurecht auf 60 Jahre überlassen. Die Gebäude wurden mit einem sehr hohen Anteil an Eigenarbeit von der Siedlergemeinschaft nach bereitgestellten Plänen errichtet. Für die neuen Machthaber bot sich somit die Möglichkeit schnell und ohne wesentliche planerische Eigenleistung ein soziales Wohnungsbauprojekt auf Stuttgarter Gemarkung zu erstellen.

Da viele Gebäude am Hang stehen, war es zumeist möglich, die Unterkellerung so auszuführen, dass das Untergeschoß einen ebenerdigen Zugang hatte und nur teilweise in den Hang gebaut werden mußte. Dadurch haben viele Häuser keine volle Unterkellerung. Viele von ihnen sind als Doppelhäuser konzipiert. 1935 zählte Neuwirtshaus 1462 Einwohner.

Ein Bunker für die Siedlung

1941 wurde in der Föhrstraße unmittelbar neben der Kirche der zweigeschossige Hochbunker mit 802 m² Grundfläche errichtet. Er war für 2190 Personen ausgelegt. Das Bauwerk wurde architektonisch komplett ins Ortsbild integriert und erhielt ein weit vorgebautes Ziegeldach, das ihn von oben wie eine Sport- oder Versammlungshalle aussehen lässt.

Der Bunker ist an das Stadtwassernetz angeschlossen und verfügt über Toiletten, Strom und eine einfache Belüftungsanlage. Während des Krieges drängten sich die allermeisten Bewohner der Siedlung in dem Gebäude.

Neuwirtshaus erlebte mehrere schwere Angriffe sowie zahlreiche Alarme und Bombenwürfe in unmittelbarer Nähe. Für die Bewohner war klar, dass die Lage der Siedlung in unmittelbarer Nähe zu den Hellmuth-Hirth-Werken für die häufigen Angriffe verantwortlich zeichnete. Die Werke gehörten zu Heinkel und produzierten hauptsächlich Flugzeugtriebwerke.

Allerdings war der gesamte Bereich zwischen Korntal/Schlotwiese und Zuffenhausen/Feuerbach ein bedeutender Standort für Rüstungsindustrie und damit bevorzugtes Ziel der Bomber. Eine Attrappe des Hauptbahnhofs in der Nähe des Fasanengartens bei Hausen erhöhte das Risiko von Bombenwürfen auf Korntal und Neuwirtshaus zusätzlich.

Der Tod des Bunkerwarts

Auch Familie Götz suchte bei Fliegeralarm Schutz im Bunker an der Föhrstrasse. In diesem Bauwerk hatte Marianne Götz bei einem Angriff ein traumatisches Erlebnis. Nachdem der Luftangriff vorüber war und die Sirenen Entwarnung gaben, wollten die im Bunker zusammengedrängt kauernden Menschen wieder ins Freie. Da im Bunker die in der Nähe erfolgten Bombeneinschläge zu hören gewesen waren, hatte es jeder eilig. Alle im Bunker hatten Angst um ihr Haus und ihre Habe.

Doch der Bunkerwart saß regungslos innen direkt vor der Tür und machte keine Anstalten, zu öffnen. Als sie ihn ansprechen wollten, entdeckten die Insassen, dass der Mann tot war. Er war direkt hinter der äußeren Tür gesessen. So war ihm durch die Druckwelle eines Einschlags direkt vor der Tür die Lunge geplatzt.

Der Bunker selbst wies keine gravierenden Schäden auf. Es war wohl auch der einzige Vorfall, bei dem Menschen im Hochbunker in Neuwirtshaus zu Schaden kamen. Während des Kalten Krieges wurde das Bauwerk modernisiert. Es ist mit 730 Schutzplätzen noch heute in der Zivilschutzbindung.

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