Pragsattel

Der Hochbunker am Pragsattel ist das wohl signifikanteste Bauwerk im Stadtgebiet von Stuttgart, das aus dem 2. Weltkrieg stammt. Er stand bis zum Ende der Nuller-Jahre noch in Zivilschutzbindung, und hätte im Katastrophenfall als Schutzraum bzw. Notunterkunft genutzt werden sollen. Inzwischen ist er entwidmet.

Während den Bunker selbst nahezu jeder Stuttgarter kennt, ist es weitgehend unbekannt, dass auch dieses architektonisch und geografisch herausragende Bauwerk von Paul Bonatz, dem Architekten des Hauptbahnhofs, stammt.

Planung und Bau

Nach der ersten Welle zur Errichtung von Luftschutzbunkern, die im Herbst 1940 angeordnet wurde, folgte knapp ein Jahr später eine zweite Bauwelle. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde auch der Hochbunker „am Pragwirtshaus“ errichtet. Die Baugenehmigung erfolgte am 28. November 1941. Bonatz entwarf den 30 Meter hohen Turm auf einem 8-eckigen Grundriss. Gerüchte, wonach der 1911 in Degerloch erbaute Wasserturm ebenfalls von Bonatz stammt, und er sich im Entwurf für den Pragbunker auf diesen bezog, entbehren jeglicher Grundlage, da der Degerlocher Wasserturm nicht von Bonatz stammt.

Der Hochbunker sollte für 2100 Menschen Schutz vor Luftangriffen bieten, überwiegend Anwohner der benachbarten Siedlungen Im Götzen, der Hunklinge und der Straßenbahnersiedlung, die für das Gelände der IGA 93 komplett abgerissen wurde. Unweit des Bunkers lagen das Proviantamt auf dem Gelände der heutigen Daimler-Bank, sowie diverse Industrieansiedlungen wie Rheinstahl, in deren Halle sich heute das Theaterhaus befindet. Direkt neben dem Bunker befand sich noch eine Wagenhalle der SSB und eine Straßenbahnschleife. Das Robert-Bosch-Krankenhaus verfügte im Keller über eigene Luftschutzräume. Es sollte auch eine eigene Stollenanlage bekommen, die allerdings nie gebaut wurde. Im Hang vor dem Krankenhaus entstand allerdings 1944 noch ein Pionierstollen.

Flakturm

Der Bunker hat neun oberirdische Stockwerke und ein unterirdisches, das für die Bunkertechnik vorgesehen war. Auf dem Bunkerdach wurde eine Plattform für eine 3,7 cm-Zwillingskanone zur Flugabwehr (FLAK) aufgebaut.

Zusammen mit den Flak-Stellungen an der Krailenshalde, am Burgholzhof und am Mühlbachhof war der Luftschutzturm ein Teil des Nordwestlichen Flak-Riegels im Stadtgebiet. Um die hochfliegenden Bomberströme der Alliierten zu treffen genügte die Reichweite der 3,7 cm-Kanonen jedoch nicht. Sie waren zur Bekämpfung tiefer fliegender Angreifer vorgesehen, die mit fortwährender Dauer des Krieges immer zahlreicher wurden.

In der Mitte der Flak-Plattform wurde ein Splitterschutzstand für den Flak-Beobachter errichtet. Für die Munition wurde ein Aufzug der Firma R.Stahl eingebaut. Der Aufzug wurde im Erdgeschoss beladen. In den darüber liegenden Stockwerken hat der Aufzugsschacht keine Zugänge. Er führt in das achte Stockwerk, wo die Munition entladen wurde.

Gelagert wurde sie im neunten Stockwerk, das außerhalb des eigentlichen Schutzbauwerks liegt. Damit wären die Insassen des Bunkers von einer Explosion der Munition nicht betroffen gewesen. Der Aufzug ist noch heute vorhanden, kann allerdings nicht mehr benutzt werden.

Gliederung

Die Stockwerke 2 bis 7 sind vom Grundriss her identisch. Um den Aufzugschacht wendeln sich zwei Treppengänge durch den Turm wie eine Doppelhelix. Auf jedem Stockwerk sind sie über einen Quergang in der Bauwerksmitte miteinander verbunden.

An die Treppengänge sind nach außen hin die einzelnen Räume angeordnet. Im 1. bis 7. OG waren jeweils 4 WC, 4 Waschbecken und 2 Ausgüsse eingeplant. Der Bunkerturm hat 51 einzelne Räume. Die Außenwand ist konstant 1 Meter dick.

Im Erdgeschoss sind die zwei Eingänge gegenüberliegend angeordnet, die jeweils in eine der beiden Treppen führen, sowie der Abgang ins Untergeschoss. Im achten oberirdischen Stockwerk liegt der Aufstieg auf das Dach.

Fassadenplanung

Der Bunker sollte nach den Plänen von Bonatz mit Werkstein verkleidet werden. Dazu wurde alle drei Höhenmeter ein Fries in die Fassade einbetoniert, um die Verkleidung aufzunehmen. Zeitzeugen erzählen, dass ein Teil der grünlich-grauen Sandsteine bis Kriegsende zwar angeliefert worden war, am Bunker angebracht wurden sie jedoch nicht mehr. Sie lagen auch nach Kriegsende noch vor dem Bunker. Die Friese wurden im Zuge der Fassadenneugestaltung 1980 entfernt.

Nutzung und Umnutzung

Der Bunker war nicht nur Zivilschutzbunker und Flakturm, sondern beherbergte nach den Juli-Angriffen 1944 auch den Einsatzstab der Feuerwehr für ganz Stuttgart. In den letzten Kriegswochen wurde er auch noch für einen Kampf um Stuttgart vorbereitet. Um den Bunker herum wurden Gräben ausgehoben, um die zur „Festung“ erklärte Stadt gegen die Alliierten Verbände zu verteidigen. Zu Kampfhandlungen kam es letztlich am Pragsattel nicht mehr. Die Stadt wurde kampflos übergeben, die Gräben am Bunker nicht besetzt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Bunkerturm bis 1961 als Wohnheim genutzt. 135 Männer wurden in den 51 fensterlosen Räumen untergebracht. Im Untergeschoss traf sich lange Zeit die evangelische Jugend.

Den Beinamen „Boschturm“ erhielt der Bunker schon bald nach dem Krieg. Bosch war die erste Firma, die den alles überragenden Bunkerturm als Werbeträger entdeckte und eine Leuchtreklame anbrachte. Nach einer Mieterhöhung gab Bosch die Werbung am Pragbunker Ende der 70er Jahre auf. Als man Anfang der 90er Jahre dort wieder werben wollte, gab es eigentlich keinen geeigneten freien Platz am Bunker. So wurde ein 3,5 Meter hohes Gerüst auf das Bunkerdach gesetzt, das mit einer Alu-Wand verkleidet ist. Dort wurde auf der Außenseite die Werbung der Firma Bosch angebracht.

Modernisierung und neues Konzept

1984 wurde der Bunker modernisiert und für den Schutz der Zivilbevölkerung nachgerüstet. Er erhielt moderne Türen mit Splitterschutzvorbauten. Wasserschläuche und andere Installationen wie modernere sanitäre Anlagen sind ebenfalls Bestandteil der Nachrüstung im Rahmen des Zivilschutzes. So dokumentiert der Turm heute rund 60 Jahre Bunkergeschichte innerhalb eines Bauwerks.

Heute beherbergt der Bunker eine Ausstellung zum Thema Katastrophenschutz, die gelegentlich für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Somit sind auch Besichtigungen zumindest von Teilen des Bunkers wieder möglich.

2019 endete der Werbevertrag mit der Firma Bosch und die Firma Mahle übernahm die Werbefläche auf dem Bunkerdach. Die 1980 von der Hedelfinger Künstlerin Waltraut Bücheler geschaffene Fassadengestaltung wurde Anfang 2021 im Zuge einer Fassadenrenovierung entfernt und durch einen einfarbigen hellen Anstrich ersetzt.