Rosensteinbunker

Nach dem weithin sichtbaren Pragbunker ist der am zweitstärksten exponierte Hochbunker Stuttgarts der sogenannte Rosensteinbunker. Er steht an einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt am Neckarufer schräg gegenüber dem Wilhelma-Theater und wird intensiv als Werbeplattform genutzt. Während viele Schutzbauten in Stuttgart ein Mauerblümchendasein fristen, wird der Rosensteinbunker wie sein ungleicher Bruder auf dem Pragsattel so förmlich in die Wahrnehmung der Verkehrsteilnehmer hineingedrängt.

Die Wirtschaft der Region pflegte einen ausgesprochen offenen Umgang mit dem Bauwerk. Der Luftschutzturm mit der Adresse Badstraße 51 wurde viele Jahre u.a. von Kärcher als Werbeträger genutzt. Die Kauderer GmbH & Co. KG ist mit Außenwerbung an der Südostseite des Luftschutzturms vertreten. Das Ergebnis ihrer Fassadengestaltung unterstreicht und vergrößert automatisch die eigentlich für Werbezwecke angemietete Fläche. Auf ihrer Homepage listet sie den Rosensteinbunker unter ihren Referenzen für Maler- und Fassadenarbeiten im Auftrag der öffentlichen Hand auf.

2009 bewarb die Dauerwerbung Franke GmbH & Co. KG, Agentur für Außenwerbung, die freien Flächen des Luftschutzturms (jeweils 12,00 m breit x 5,50 m hoch, 66 qm, beleuchtet) als ideale Plattform für drei Giant Poster, die 1000 m weit sichtbar sein würden. Diese Option wollte allerdings kein Unternehmen buchen. Generell haben seit 2011 mehrere Unternehmen ihre Werbung vom Bunker abgezogen.

Abriss?

In Cannstatt ist das Verhältnis zum Rosensteinbunker nicht ungeteilt positiv. In der Anfrage Nr. 174/2005 vom 06.06.2005 im Gemeinderat der Stadt Stuttgart wollten 4 Stadträte u.a. wissen, ob der Hochbunker Rosensteinbrücke noch Bestandteil der Zivilschutzkonzeption ist, ob langfristig eine Instandsetzung und Modernisierung sinnvoll und auch vorgesehen ist, welche technischen Möglichkeiten einer Beseitigung es gibt und welche Kosten dafür anzusetzen wären.

Die Argumentation zielte darauf ab, dass der Luftschutzturm an exponierter Stelle den Blick auf eine historische Ecke Bad Cannstatts verstelle. Mit Antwort vom 20.10.2005 beschied OB Wolfgang Schuster, dass das Bauwerk noch in Zivilschutzbindung stehe und ein Abriss angesichts der Kosten von geschätzten 2 Mio. Euro zuzüglich der Baukosten für ein Ersatzbauwerk (ebenfalls in Millionenhöhe) nicht angedacht sei. So waren es letztlich rein monetäre Gegebenheiten, die den Erhalt des Bunkers sicherten, und damit der Dokumentation der jüngeren Geschichte den Vortritt vor dem freien Blick auf die ältere Geschichte verschaffte.

In der Antwort des Oberbürgermeisters werden die jährlichen Mieteinnahmen, die der Stadt Stuttgart durch die zivile Nutzung des Bauwerks zufallen, mit 50.000 Euro beziffert. Würde die Dauerwerbung Franke GmbH & Co. KG ihre drei Giant Poster noch vermitteln können, wären die Einnahmen wohl deutlich höher. Eine Modernisierung oder Instandsetzung nannte Schuster nicht notwendig.

Der Hochbunker am Neckar

Der Hochbunker wurde 1941 als einer von insgesamt 20 Hochbunkern (incl. der Winkeltürme) in Stuttgart errichtet. Seine Grundfläche liegt bei ca. 150 qm, er hat acht oberirdische Etagen und ein unterirdisches Geschoss für die Bunkertechnik. Bedingt durch die Lage an einer Böschung gibt es zwei Erdgeschosse mit jeweils einem Zugang. Der Luftschutzturm mit der offiziellen Bezeichnung BW 101 erhielt neben dem Treppenhaus auch einen Aufzug aus der Produktion der Adolf Zaiser Maschinenfabrik GmbH aus Zuffenhausen. Auch dies ist eine Gemeinsamkeit mit dem Hochbunker am Pragsattel, und zugleich eine Seltenheit; denn üblicherweise verfügen die Hochbunker in Stuttgart nicht über einen Aufzug. Treppenhaus und Aufzug liegen an der Nordostseite des Bauwerks, die dem alten Ortskern von Bad Cannstatt zugewandt ist. Auf dieser Seite befindet sich auch – heute eher versteckt – der Eingang in das untere Erdgeschoss.

Der Eingang in das obere Erdgeschoss ist der weitaus bekanntere. Er liegt genau gegenüber dem unteren Eingang an der Auffahrt zur Rosensteinbrücke.

Über dem oberen Erdgeschoss liegen fünf identische Stockwerke mit je sieben Räumen und Waschraum / WC. In der achten Etage befindet sich der Treppenaufgang auf das Dach. Die Treppe liegt an der Nordwestseite hinter den vier markanten Fenstern.

Das Bauwerk erhielt Anschlüsse an das Stadtwasser, die Kanalisation und die elektrische Versorgung. Ein Generator für Notstrom wurde nicht eingebaut. Der Bunker war überwiegend für die Zivilbevölkerung der umliegenden Wohngebäude errichtet worden, und wies 1.400 Schutzplätze aus. Wie in den anderen Bunkern des Reiches harrten viele Anwohner wohl auch hier in den letzten Tagen und Stunden des Krieges aus, bis die Kampfhandlungen endlich vorüber waren. Bei Schusswechseln der Alliierten mit versprengten Resten der Wehrmacht gab es 1945 in Bad Cannstatt noch am 21. und 22. April Tote. Die Deutschen sprengten noch die Brücken über den Neckar, bevor sie abzogen, auch die Rosensteinbrücke. Dann kehrte Ruhe ein. Am 22. April übergab Oberbürgermeister Strölin Stuttgart an die Besatzungstruppen. Bereits am 9. Mai 1945 hatten US-Pioniere eine Behelfsbrücke für die zerstörte Rosensteinbrücke errichtet.

Nachkriegsnutzung und Hotelbetrieb

Da intakte Unterkünfte in der zerstörten Stadt knapp waren, entging auch der Rosensteinbunker der Zerstörung auf Grund des „Entfestigungsbeschlusses“. Von 1946 – 1948 diente der Luftschutzturm zunächst als Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt. Anschließend eröffnete darin der Hotelbetrieb. Es war das einzige Bunkerhotel außerhalb der Innenstadt und das einzige, das nicht in einem Tiefbunker untergebracht war. Während aber das Bunkerhotel unter dem Stuttgarter Marktplatz dank seines langen Betriebs etliche prominente Gäste beherbergte, die den einstigen Bunker zur Legende werden ließen, geriet völlig in Vergessenheit, dass auch mit dem Bunker in der Badstraße prominente Namen verbunden sind.

Es war der aus Ürzig (Landkreis Bernkastel-Wittlich) stammende Edmund Conen, der 1949 sein Glück als Hotelier an der Rosensteinbrücke versuchte. Conen war ein Star der 30er und 40er Jahre. Er war Mitglied der Fußballnationalmannschaft, Held der WM 1934 und seit 1939 bei den Stuttgarter Kickers. Conen ist neben Gerd Müller und Miroslav Klose der einzige Deutsche, der in einem Weltmeisterschaftsspiel einen Hattrick erzielen konnte. Im Eröffnungsspiel gegen Belgien schoss er 1934 zwischen der 66. und der 85. Minute drei Tore in einer Halbzeit. Im „Turmhotel Conen“ bot er 1949 41 Betten an. Die Übernachtung kostete 4,50 Mark. Im ehemaligen Sanitätsraum im oberen Erdgeschoss richtete er ein Café-Restaurant ein. In die Südseite des Bunkers wurden mehrere Fenster eingebaut.

Das Frühstück war für 2 Mark zu haben. Der Aufzug bot einen unbeschwerten Zugang zu allen Stockwerken. Vor dem unteren Eingang gab es sogar Parkmöglichkeiten.

1952 begann Conen seine Trainerlaufbahn bei Eintracht Braunschweig. Das Hotel in Cannstatt übernahm Ernst Fischer, der es bis 1954 weiterführte. Danach bestand kurzzeitig ein reiner Café-Betrieb im oberen Erdgeschoss, die vom Hotel als Fremdenzimmer genutzten Etagen blieben leer. Lediglich in der obersten Etage befand sich eine Modelleisenbahnanlage, die besichtigt werden konnte. Da jedoch seit 01.07.1953 die wieder aufgebaute Rosensteinbrücke dem Verkehr zur Verfügung stand und als Folge davon auch die Straßenbahnschleife am Bunker entfiel, blieben dem Café alsbald die Gäste weg. Mitte der 1950er Jahre endet die gastronomische Nutzung des Bunkers. Über die anschließende Nutzung ist nichts bekannt.

Rock’n’Roll

Spätestens in den 70er Jahren wurde der Bunker als Übungsraum für Bands genutzt. Dort probten u.a. Spratzel Strull (später Strull), die jahrelang quer durch Deutschland und das angrenzende Ausland tourten. Spratzel Strull war eine der ersten Gruppen, die im Tonstudio Zuckerfabrik aufnahm, und jahrelang ein fester Bestandteil der deutschen Rockszene.

Eines ihrer Gründungsmitglieder, Hardy Sikler, lebt heute als Musiker und Autor in Waiblingen (www.hardysikler.de). In seiner 2008 erschienen Bandgeschichte über Spratzel Strull erwähnt Sikler möglicherweise den letzten Bewohner des Rosensteinbunkers: Bandmitglied „John“ nutzte 1973 das Raumangebot des ehemaligen Bunkerhotels offenbar zeitweise in Ermangelung einer anderen Bleibe. Hardy Sikler erinnert sich auch an die hölzernen Einbauten für die Hotel-Rezeption im Eingangsbereich des Bunkers, die in den frühen 70er Jahren noch erhalten waren.

1988-91 wurde der Rosensteinbunker mit Bundesmitteln für 275.000 Euro saniert und instandgesetzt. Die Fenster wurden – mit Ausnahme derjenigen am Treppenaufgang zum Dach – wieder mit Beton drucksicher verschlossen. Derzeit bietet er 546 Schutzplätze. Obwohl er sich in Zivilschutzbindung befindet, vermietet ihn die Stadt auch nach wie vor als Übungsraum an Musiker. Der Proberaum befindet sich heute allerdings im obersten Stockwerk in der Südecke des Luftschutzturms. Dieser Teil des Bauwerks zählt nicht mehr zum Schutzbereich. Bis 1998 probte dort z.B. Florian Dauner.

Von den Mitgliedern von Spratzel Strull probt heute keiner mehr im Rosensteinbunker. Dennoch hat die Familie von Hardy Sikler noch immer einen gewissen Bezug zum Luftschutzturm in der Badstraße: Auf der Südostseite des Bunkers wirbt noch heute u.a. die Firma „Gerüstbau Sikler“. Sie wurde einst von einem Vetter des Vaters von Hardy Sikler gegründet.

Ausblick

Nachdem von Cannstatter Seite immer wieder Vorstöße zur Beseitigung des Bunkers unternommen worden waren, initiierten dei Freien Wähler Bad Cannstatt 2016 einen Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Bunkers, um ihn „zu einem richtigen Wahrzeichen Bad Cannstatts“ werden zu lassen. Im Zusammenhang mit der Vision der Stadt am Fluß sollte der Bunker nun in ein ganzheitliches Konzept integriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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