Talstrasse

Unweit vom Gaskessel Gaisburg entfernt steht in der Talstraße ein Hochbunker. Das imposante Bauwerk mit 470 qm Grundfläche steht quer zur Straße und ist optisch gut in die architektonische Umgebung eingepasst. Wahrscheinlich ist den wenigsten Menschen, die täglich mit dem Auto die Talstraße entlang fahren jemals aufgefallen, dass dort ein Bunker steht.

exponierte Lage

Gaisburg war am 25. August 1940 der Schauplatz des ersten Luftangriffs auf Stuttgart. Der Nachtangriff der britischen Luftwaffe mit ca. 20 Bombern forderte vier Tote und fünf Verletzte. Auch der zweite Luftangriff auf Stuttgart traf Gaisburg. Am 08. November 1940 griffen ca. 20 britische Bomber den Bereich Gaisburgstraße und Alexanderstraße an. Es gab drei Verwundete.

Durch die Nähe zu den Industrieanlagen am Neckar, das Gaswerk und das Kraftwerk war Gaisburg den ganzen Krieg über immer wieder Angriffen ausgesetzt. Das Areal des Gaswerks war am Ende des Krieges vollkommen verwüstet, die Gaskessel selbst waren Ruinen. Für die in dichter Wohnbebauung lebenden Menschen war der Bau von Luftschutzanlagen dringend erforderlich.

Ein Hochbunker für Gaisburg

1941 wurde in der Talstraße 71 ein Hochbunker mit drei oberirdischen und zwei unterirdischen Stockwerken gebaut. Das Unterste Geschoss beherbergt u.a. die Bunkertechnik. Die oberirdischen Stockwerke waren komplett für die Aufnahme der Bevölkerung vorgesehen. Der Bunker mit der Bauwerksbezeichnung BW 176 erhielt ein aufgesetztes Walmdach. Die seitlichen Splitterschutzvorbauten zum Schutz der Eingänge und Fensterattrappen in der Fassade verleihen dem wuchtigen Betonbau eine weithin unauffällige Optik, die an einen Fabrikkomplex erinnert. Die beiden Eingänge befinden sich hinter den Splitterschutzvorbauten. Sie sind zur Diagonalen spiegelsymmetrisch am Ende der langen Seiten des Gebäudes angeordnet. Bis Mitte der Neunziger Jahre wirkte das Bauwerk wie im Dornröschenschlaf. Die graue Betonoptik schaute hinter unkontrolliert wachsendem Grün hervor und war teilweise mit Graffitis versehen. 1995 wurde die Fassade komplett renoviert und der Bunker erhielt einen gelblich-ockerfarben Anstrich. Plakatwände an der Fassade und das inzwischen gepflegte Grün verleihen dem Relikt weitere Farbe. Die Plakate und eine UMTS-Antenne auf dem Dach bescheren der Stadt gewisse Einkünfte. Im Innern ist der Bunker heute vollkommen renoviert und für den Katastrophenschutz ausgerüstet. Elektrik, Wasser, Lüftung, Toiletten, Stockbetten und Sitz-Liegekombinationen ermöglichen 800 Zivilschutzplätze.

Nachzügler

Der Bunker war im ersten Bauprogramm vom 28. November 1940 nicht enthalten. So unterscheidet er sich nicht nur im Grundriss und durch seine beiden markanten Eingangsvorbauten von den meisten Hochbunkern Stuttgarts. Auch in der Fassade ist eine spätere Planungsperiode erkennbar. So wurde in der Talstraße 71 keine Werkstein-Verkleidung mehr geplant. Die Fassade ist stattdessen mit Strukturelementen im Beton und scheinbaren Fenstern ausgeführt, die eine hausartige Optik erzeugen. Dem Architekten war folglich bereits beim Entwurf klar, dass das Bauwerk keine weitere Fassadengestaltung erfahren würde.

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