Wilhelmsplatz Bad Cannstatt

Der Wilhelmsplatz Bad Cannstatt hat nach dem zweiten Weltkrieg sein Gesicht zweimal radikal verändert. Das erstemal im Rahmen eines notdürftigen Wiederaufbaus nach dem Krieg. Das zweitemal ab Mitte der 70er Jahre bis zum Stadtbahnbau in den neunziger Jahren. War nach dem Krieg zunächst entscheidend, das zivile Leben wieder irgendwie gewährleisten zu können, so trat ab Ende der 60er Jahre immer mehr eine Neuordnung und eine zukunftsgerichtete Konzeption in den Vordergrund. Die Luftschutzanlagen am Wilhelmsplatz wurden im Zuge der Neuordnung beseitigt.

Wilhelmsplatz Bad Cannstatt, Wilhelmstrasse

Im Amtsblatt der Stadt Stuttgart Nummer 46 vom 13. November 1975 schreibt Bezirksvorsteher Schwenger: „Nach langwierigen Verhandlungen und Beratungen konnten in diesem Jahr die Planungen für drei Großprojekte am Wilhelmsplatz zum Abschluß gebracht und deren Baufreigabe erreicht werden. An allen drei Stellen ist mit den Bauarbeiten fast gleichzeitig begonnen worden […].“ Das erste der drei Projekte ist der Kaufhof an der Ecke Bad-/Marktstraße. „Zwei weitere Geschäftshäuser entstehen an der Ecke König-Karl-/Wilhelmstraße, Bauträger ist die Cannstatter Volksbank und an der Ecke Waiblinger/Seelbergstraße, Bauträger ist eine Pforzheimer Baugesellschaft. Vor dem Baubeginn der beiden letzten Projekte mussten die beiden im zweiten Weltkrieg erstellen Betonbunker abgebrochen werden. Ihrer Beseitigung wird sicherlich niemand nachtrauern.“. Die beiden Betonbunker, die Schwenger erwähnt, waren der am 29.07.1973 gesprengte Winkelturm an der Ecke Waiblinger/Seelbergstraße und der Hochbunker in der Wilhelmstrasse.

Von dem zweithöchsten Luftschutzturm der Stadt (er ragte ungefähr so hoch über die Dächer Bad Cannstatts wie der Hochbunker am Pragsattel) sind nur wenige Dokumente und Bilder überliefert. Die Planungen zum Bau lagen im März 1941 vor. Danach wurde mit dem Bau begonnen. Das direkt an das ehemalige Amtsgericht Wilhelmstrasse 4 angrenzende Bauwerk wies eine Grundfläche von ca. 17 x 13 Metern auf. Darauf wurde ein Luftschutzturm mit einem unterirdischen und neun oberirdischen Stockwerken errichtet. Obenauf wurde noch ein Walmdach gesetzt, das aber keine Funktion für den Luftschutz hatte. Es diente lediglich der optischen Integration des Bauwerks in seine Umgebung und damit auch in gewissem Maße der Tarnung. Ähnlich wie beim Rosensteinbunker hatte der Turm im obersten Stockwerk Fenster.

Die Außenwände waren 1,30 m stark. Die Bunkertechnik war im Untergeschoss untergebracht. Die oberen Geschosse teilten sich in einen Schutzraumtrakt und einen Versorgungs- und Treppentrakt. Der Schutzraumtrakt wies drei Abteilungen auf, wovon die beiden äußeren jeweils durch einen mittigen Flur geteilt waren. Links und rechts eines solcehn Flurs lagen jeweils zwei Schutzräume mit einer Größe von ca. 2,20 x 2,20 Metern. Die mittlere Abteilung war ca. 2,00 x 4,40 Meter groß und ebenfalls als Schutzraum konzipiert. Ihr gegenüber lag das Treppenhaus, das alle Etagen miteinander verband.

Links und rechts des Treppenhauses waren die Versorgungstrakte angeordnet. Auf einer Seite die Toiletten auf der anderen Seite befanden sich Küche und Esszimmer. Ob diese Aufteilung für alle Etagen gleich war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Vermutlich waren das Erdgeschoss und das oberste Stockwerk anders zugeschnitten. Vom obersten Stockwerk aus führte eine Treppe in das aufgesetzte Dachgeschoss hinein, das auf dem eigentlichen Bunkerdach saß. Der Hochbunker verfügte über einen Aufzug, der in der Mitte des Treppenhauses untergebracht war. Im Juli 1973 wurde das Bauwerk für die Neugestaltung des Wilhelmsplatzes abgerissen.

Wilhelmsplatz Bad Cannstatt, Ecke Seelbergstraße/Waiblinger Straße

An der Ecke Seelbergstraße/Waiblinger Straße wurde im Frühjahr 1940 ein Luftschutzturm Bauart Winkel errichtet, der Baugleich zum Winkelturm am Bahnhof Feuerbach war. Das Bauwerk war auf 129 qm Grundfläche errichtet worden und 21 Meter hoch. Der Durchmesser auf Straßenniveau betrug 12,8 Meter. Auf sechs Etagen sollten rund 300 Menschen Schutz finden. Die Bauweise war von dem Duisburger Baumeister Leo Winkel entwickelt und patentiert worden. Winkels Firma vergab anschließend Lizenzen an Baufirmen, die die Luftschutztürme errichteten. Hierfür war eine Vertriebsgenehmigung des für den Luftschutz zuständigen Reichsluftfahrtministeriums notwendig. Dieses vergab sogenannte RL-Nummern, die man auch heute noch auf zahlreichen Gegenständen des Luftschutzes wie Gasmasken, Filter, Luftschutztüren etc. findet. Unter der Nummer RL 3-40/1 wurde der Luftschutzturm Bauart Winkel zum Vertrieb im Reichsgebiet zugelassen.

Der Winkelturm am Wilhelmsplatz war im Juli 1940 weitgehend fertig, allerdings fehlte zu dieser Zeit noch die Entlüftung. Überliefert ist ein Alarm am 02. September 1940 bei dem der Bunker voll besetzt war. Infolge Sauerstoffmangels wurden dabei 12 Insassen ohnmächtig und mussten behandelt werden. Danach wurde die Lüftung eiligst nachgerüstet.

Eine Geschichte der Winkeltürme mit Schwerpunkt Stuttgart finden Sie hier.

2 Antworten zu Wilhelmsplatz Bad Cannstatt

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