Schlossberg

Der Stollen unter dem Schlossberg war der zweitgrößte Luftschutzstollen, der in Böblingen während des 2. Weltkriegs enstand. Die Bauarbeiten wurden zu erheblichem Teil von den Anwohnern ausgeführt. Von 9 Zugängen rund um den Schlossberg arbeiteten sich die Bautrupps in das Erdreich, das aus Mergel und Keuper besteht. Der erste Anstich erfolgte beim evangelischen Gemeindehaus, der dritte Zugang wurde hinter der „Sonne“ begonnen. Weitere Anstiche erfolgten beim zerstörten Fruchtkasten, beim Hotel „Post“, dem Landratsamt und dem provisorischen Rathaus auf dem Schlossberg. Der Eingang hinter der „Sonne“ wurde zu einem der Haupteingänge.

Durch den Untergrund bedingt wurde der Stollen als Pionierstollen ausgeführt. Mit Presslufthämmern wurden Erdreich und Steine gelöst, mit Pickeln vollends aus der Wand gehoben und dann nach draußen geschafft. Obwohl es über die Arbeiten etliche Zeitzeugenberichte gibt scheinen manche Informationen nicht gesichert zu sein. So ist in einer Publikation der Stadt Böblingen von 1963 von Stoßkarren die Rede, mittels derer der Abraum nach außen transportiert wurde. Andere Berichte erwähnen nur Eimer, mit denen alles Material ins Freie getragen werden musste. Möglicherweise liegt die Erklärung darin, dass man an allen Eingängen gleichzeitig arbeitete, und nur an einzelnen Anstichen Karren zur Verfügung hatte. Die Stollensegmente wurden mit Holz ausgeschalt.

Die Teilstollen wurden schon während der Bauarbeiten als Schutzräume genutzt. Nach den Durchbrüchen präsentierte sich der Schlossbergstollen als ein ca. 1 km langes Gangsystem, in dem links und rechts sogenannte Sitztruhen 1.500 Sitzplätze boten. Die Truhen waren nummeriert und abschließbar. Jede Truhe gehörte einer Familie, die darin Wertsachen bombensicher unterbringen konnte, wie z.B. Aussteuer, Sparbücher, Dokumente, etc.

Es gab eine elektrische Beleuchtung, die über einen Generator gespeist wurde. Zeitzeugen berichten, dass er immer wieder ausfiel und man dann im Dunkeln saß. Da offenes Feuer verboten war, halfen nur Dynamo-Taschenlampen. Eine Lüftungsanlage wurde trotz der Grösse des Stollens nicht eingebaut. Die Passivlüftung über 9 Zugänge wurde als ausreichend erachtet.

In Nischen in Eingangsnähe standen Torftoiletten zur Verfügung. Auch eine Sanitätsstelle solle in einer Nische eingerichtet gewesen sein. Ein Teil des Stollens diente der Stadtverwaltung als Aktenlager.

Bis November 1944 dauerten die Bauarbeiten, an denen auch polnische Zwangsarbeiter beteiligt waren. Es scheint nicht klar zu sein, ob diese dadurch wirklich auch ein Anrecht auf Schutz in der Anlage erwarben. Ein offizieller Beweis für diese Aussage fehlt.

Nach dem Krieg wurde das Schalholz aus dem Stollen entfernt. Die genormten Bretter waren willkommenes Baumaterial für den Wiederaufbau. Ein Teil der Zugänge wurde wieder verschlossen, als man die Gebäude davor neu errichtete oder instand setzte.

Doch anders als in vielen anderen Städten vergleichbarer Größe schien man in Böblingen eine Situation wie 1943 für wiederholbar zu halten. Denn schon in einer frühen Phase des Kalten Krieges wurde im Schlossberg wieder gebaut. Die nach Entfernung des Schalholzes unverkleideten Wände wurden mit Magerbeton und Betonfertigteilen einsturzsicher gemacht. Die Türen aus der Kriegszeit wurden durch moderne Luftschutztüren ersetzt und die Elektrik wurde modernisiert. Um der Feuchtigkeit Herr zu werden wurde eine Drainage eingebaut. Auch jetzt wurde auf die Installation einer Lüftungsanlage oder fester Toiletten verzichtet. Letzteres hätte die Installation von Wasser- und Abwassersystemen erfordert.

In diesem Ausbauzustand präsentiert sich die Anlage noch heute. Sie ist der einzige ehemalige Luftschutzstollen Böblingens der besichtigt werden kann. Führungen finden in der Regel einmal im Monat statt. Die Karten können in der Verkaufsstelle des Böblinger Boten in der Bahnhofstraße erworben werden. Eine Online-Buchung ist nicht möglich.

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