Killesberg Rote Wand

1935 war mit der Planung der Reichsgartenschau in Stuttgart begonnen worden. Die Gartenschau sollte das seit Jahrhunderten als Steinbruch genutzte Killesberggelände in ein dem Zeitgeist entsprechendes Naherholungsgebiet verwandeln. Die meisten Steinbrüche waren inzwischen stillgelegt, manche als Müllhalden oder Erddeponien genutzt. Der Abbau der bis zu 20 m starke Schilfsandsteinschicht hatte das Gelände mit zahlreichen Löchern, Schrunden und Klüften mit erheblichen, auch steilen Höhenunterschieden überzogen, denen nur wenige weitläufige Ebenen gegenüberstanden. Insofern war das Gelände für eine Gartenschau ausgesprochen untypisch und der Aufwand erheblich.

Am 22. April 1939 wurde die Reichsgartenschau eröffnet. Eigentlich sollte sie bis Ende Oktober dauern, doch am 02. September 1939 wurde sie wegen der „gegenwärtigen Umstände“ für beendet erklärt.

Ein Stollen für die Luftwaffe

Der ehemalige Buntsandsteinbruch an der Roten Wand lag gegenüber des Haupteingangs, und damit außerhalb des Gartenschaugeländes. Hier wurde 1939 mit dem Bau eines Stollens für die Luftwaffe begonnen. Die Maßnahmen führten lokale Bauunternehmen unter Leitung der Organisation Todt durch. Im Frühjahr 1940 sollen die Beton und Eisenbauarbeiten abgeschlossen gewesen sein. Die Anlage verfügte über zwei Zugänge an der Roten Wand und einen Notausstieg an der Landenberger Straße. Dort befand sich auch die Antenne des Flaksenders „Monica“. Neben den beiden Eingängen wurde noch eine 8 x 3 m große Garage für Militärfahrzeuge in die Rote Wand eingebaut.

Am Innenausbau waren zahlreiche lokale und regionale Firmen beteiligt. Die Lüftung und Heizung stammte von Gg. Kiefer in Feuerbach, die Transformatoren von SEL in Zuffenhausen, Ladegeräte von der Trafo Union in Cannstatt, Luftschutztüren von der Engstlatter Firma Dietzinger.

Der frühe Baubeginn ist bemerkenswert. Zu diesem Zeitpunkt stützte sich die deutsche Luftverteidigung auf die Fluko, deren Stuttgarter Zentrale in der Fürstenstraße untergebracht war, Jagdverbände und Flak. Eine wirksame Nachtjagd wurde erst nach dem Abbruch der Luftschlacht um England aufgebaut, als klar war, dass der Krieg mit England nicht kurzfristig beendet werden würde, und Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion lenkte.

Die Anlage in der Roten Wand war zunächst eine verbunkerte Befehls-, und Koordinierungsstelle insbesondere der Flakverbände der Flakgruppe Stuttgart, deren Stab bis November 1941 in der Villa Wolf am Tazzelwurm untergebracht war. Bereits im 1. Weltkrieg hatte die Luftwaffe eine Flakstellung am Gähkopf errichtet, der einen weitreichenden Überblick über Stuttgart bot. Es liegt nahe, dass die exponierte Lage außerhalb der Innenstadt mit ihrer hervorragenden Aussicht bei der Standortauswahl eine Rolle spielte.

Diese exponierte Lage wurde auch zu Beginn des 2. Weltkriegs für eine Schwere Flakstellung genutzt, die am Mühlbachhof in Stellung ging, und der ein Beobachtungsposten auf dem Bismarckturm zugeordnet wurde.

Der Zivilschutzstollen

Im Rahmen der Luftschutzbauprogramms begannen 1941 auch Planungen für einen zivilen Luftschutzstollen. Einer Kostenschätzung vom 26. April 1941 zufolge wurden für einen Stollen mit 680 m Länge und 7.000 cbm umbauten Raum 1 Mio. Reichsmark veranschlagt. Eine zweite Variante sah eine Stollenlänge von 950 m vor. Bezogen auf die Kostenschätzung für die kleinere Variante hätte diese Baukosten von ca. 1,5 Mio. RM verursacht.

Möglicherweise waren es die hohen Kosten, die zunächst nicht zum Bau dieses Stollens führten. Erst in der zweiten Jahreshälfte 1943 begann der Bau dieses Stollens, wobei nun auch die NSDAP-Ortsgruppe Weißenhof am Bau mitwirkt, die den Einsatz von Anwohnern in der „Stollenbaugemeinschaft“ organisierte.

Der Stollen sollte ca. 1.400 Personen Schutz bieten. Zum 01. März 1944 konnten bereits 700 Menschen im noch im Bau befindlichen zivilen Teil des Stollens Schutz vor Luftangriffen finden, freilich unter sehr provisorischen Bedingungen. Noch war kein elektrisches Licht verlegt, im Zugang standen die Loren und Werkzeuge der Bautrupps, und teils waren auch die Sprenggase vom Stollenvortrieb noch nicht vollständig abgezogen, wenn die Menschen infolge eines Alarms in die Baustelle drängten.

Für den Zivilstollen wurde der 2. Zugang des bestehenden Luftwaffenstollen genutzt und im Hang eine Abtrennung der beiden Anlagen durch Türen vorgenommen.

Zusätzliche Dienststellen

Mit dem Aufbau des Funkmeßnetzes und der Nachtjagdverbände, die eine umfangreiche Infrastruktur für Leitung und Kommunikation erforderten, nahmen auch die Aufgaben der Leitstelle im Stollen zu. Zu immer mehr unterschiedlichen Abteilungen und Stellen in der Stadt und im Umland mussten Verbindungen geschaffen und deren Meldungen gesammelt werden. Auch weitere Dienststellen wurden in den Stollen verlegt, so bezog der SHD hier Räume, genauso wie die TWS, deren Verwaltungsgebäude in der Lautenschlagerstraße bei den Juliangriffen 1944 stark beschädigt worden war.

Stollen Robert-Mayer-Straße

Am 07. Februar 1944 fiel die Entscheidung, die örtliche Luftschutzleitung für Stuttgart Nord ebenfalls in den Killesbergstollen zu integrieren. Zuvor hatte man auch den Tiefbunker am Feuerbacher Bahnhof als Standort in Erwägung gezogen, die Idee aber wieder verworfen. Stattdessen wurde eine Erweiterung der Killesbergstollens auf den Weg gebracht, die von der Robert-Mayer-Straße aus in den Hang getrieben wurde.

Durch diese Erweiterung konnten zusätzliche 1.635 zivile Schutzplätze geschaffen werden, so dass in der Anlage dann 3.000 Zivilisten Platz finden sollten. Außerdem wurden weitere 120 Plätze für die Befehlsstelle geschaffen. Der Durchbruch zur Verbindung der Stollen Rote Wand und Robert-Mayer-Straße erfolgte allerdings nicht mehr. Am 02.11.1944 wurden die Bauarbeiten gestoppt. Zur Vereinigung der Stollen fehlten noch ca. 10 m Vollausbruch und 40 m Betonausbau. Die Baufirma erhielt den Befehl zum Abzug aller Arbeitskräfte und Geräte zugunsten eines Bauprojekts der Rüstungsindustrie. Somit blieben die beiden Stollen voneinander getrennt.

Abzweig am Saumweg

Vom Zivilstollen Rote Wand wurde im Bereich des Saumwegs ein Abzweig geschaffen, der in Richtung Mühlbachhof führte. Er war lediglich roh ausgebrochen, jedoch nicht abgesichert. Er soll angeblich zur Villa Wolf geführt haben und noch in den frühen 1980er Jahren begehbar gewesen sein. Es gibt aber keine verlässlichen Belege wie weit dieser Abzweig führte. Auch ist nicht erwiesen, dass er wirklich eine Verbindung zur Flak, bzw. der Villa Wolf herstellen sollte. Da bei der Villa Wolf ebenfalls ein Stollen gebaut worden war, hätte eine solche Verbindung als Vorteil insbesondere die unterirdische Zusammenlegung von Dienststellen gebracht.

Andererseits ist nicht klar, ob die Villa Wolf noch 1944 von der Luftwaffe genutzt wurde. Der Stab der Flakgruppe Stuttgart hatte am 26.11.1941 ins Rudolph-Sophien-Stift verlegt. Der Abzweig könnte somit einfach zu einen weiteren Zugang zum Stollen geführt haben, der möglichwerweise in den Grünanlagen am Saumweg angelegt worden war.

Kriegsende und Kalter Krieg

Am 20. April 1945 wurde der militärische Stollen geräumt. Zahlreiche Akten wurden verbrannt, und im Stollen wurden auch Sprengungen vorgenommen, der vor allem wohl die dortige Technik zum Opfer fiel. Die einrückenden Franzosen fanden die Anlage unbesetzt und verwüstet vor. Im August 1945 wurden die Eingänge auf Anweisung der Militärregierung gesprengt.

1979 beschloss die Bundesregierung, dass die Stadtverwaltungen für den Krisenfall verbunkerte Befehlsstellen schaffen sollten. In Stuttgart wurde daraufhin das Tiefbauamt damit beauftragt, die Anlage am Killesberg zu öffnen und ihre Eignung zu prüfen. Am 29.11.1979 erfolgte die Öffnung und erste Begutachtung. Dem Bergbauamt zufolge war eine weitgehende Standfestigkeit gegeben. Die Kosten der Sicherung wurden auf 320.000 DM geschätzt.

1983 wurden die Mittel zur Sicherung bereitgestellt und der Kampfmittelräumdienst mit der Säuberung der Anlage betraut. Zuvor war es am Saumweg zu Tagbrüchen gekommen. Von Mai 1983 bis August 1984 erfolgte die Sicherung der ca. 160 m unausgebauter Stollenteile mit Spritzbeton. Die Kosten betrugen schließlich 400.000 DM. Weitere Maßnahmen zum Ausbau sind nicht mehr erfolgt.

Um 2014 wurden die Zugänge umgebaut und erhielten neue Türen. Die Maßnahme stand im Zusammenhang mit der Auflösung des Parkplatzes an der Roten Wand und seiner Umwandlung in eine Grünanlage.