Baltenstraße/Engelburg

Nach dem Luftangriff in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1943 begannen auch in Mühlhausen die Planungen für Luftschutzstollen. Bis dahin hatte man sich auf die Keller der Häuser verlassen und darauf, dass der stark landwirtschaftlich geprägte Ort, der zum 01. Mai 1933 nach Stuttgart eingemeindet worden war, kein lohnendes Bombenziel sei.

Der einzige größere Industriebetrieb war die einstige Baumwollspinnerei der jüdischen Familie Arnold & Söhne am Neckarufer, in der seit 1936 die Firma Bosch Ankerwicklungen und Dynamos produzierte.

Stollen der Firma Haisch

Unter dem Eindruck der für Mühlhausen umfangreichen Zerstörungen stellte der Bauunternehmer Karl Haisch am 23. August 1943 einen Bauantrag für einen Luftschutzstollen in seinem Steinbruch in der Baltenstraße. Mit Presslufthämmern und Sprengstoff wurde der Stollen in den Berg getrieben. Er erhielt die offizielle Nummer Pi 22 (Pionier-Stollen 22). Den Ausbruch führten die noch verfügbaren Männer aus, Frauen und Kinder füllten das Gestein in eine Lore, die auf Feldbahngleisen nach draußen geschoben wurde, um dort entleert zu werden.

Stollen der Ortsgruppe der Partei

Am 19. Oktober 1943 reichte die Ortsgruppe Hofen/Mühlhausen der NSDAP einen Bauantrag für einen zweiten Stollen ein. Er sollte Teile der örtlichen Verwaltung, der Partei, die Rentenstelle, aber auch Teile der Bevölkerung aufnehmen. Der Stollen sollte im ehemaligen Steinbruch Ade hinter der Turn- und Versammlungshalle und damit zum Teil unter der ehemaligen Engelburg entstehen. Da er direkt an den Haisch-Stollen angrenzen würde, war er den Bauvorschriften für Luftschutzstollen zufolge mit diesem zu verbinden. Somit entstand aus dem Haisch-Stollen und dem Stollenprojekt der Partei (Pi 87) der Doppelstollen Pi 22-87.

Stollen der Firma Bosch

Im Dezember 1943 erging der dritte Bauantrag aus Mühlhausen. Antragsteller war diesmal die Firma Bosch. Sie plante allerdings einen Produktionsstollen, der die Fabrikation aus der Baumwollspinnerei aufnehmen und sie so unter die Erde verlagern sollte. Als Verlagerungsprojekt bekam der Stollen keine Pi-Nummer, sondern einen Decknamen aus der Nomenklatur des Rüstungsministeriums unter Albert Speer. Dort wurde das Vorhaben unter dem Decknamen „Fahlerz“ geführt. Der Stollen erhielt eine Drainage mit Hebeanlage. Ein Teil der Decke wurde mit Holz abgehängt, die Wände verputzt. Für die Baumaßnahmen sollen russische Zwangsarbeiter eingesetzt worden sein. Auch dies war im Stollenbau im Deutschen Reich zu dieser Zeit üblich. Der Zugang wurde in den Gewölbekeller des Kastengebäudes des Palmschen Schlosses gelegt. Vom rechten Eingang zum Kastengebäude wurde auch noch ein kleiner Stollen in den Fels getrieben, der heute nicht mehr zugänglich ist. Dieser Stollen war ca. 70 m lang und hatte eine kleine Querkammer.

Der Bosch-Stollen liegt ca. 2 m tiefer als der benachbarte Pionierstollen 22-87. Um dennoch eine Verbindung zwischen den Stollen herstellen zu können, musste eine Treppe angelegt werden. Die gesamte Stollenfläche betrug nun 1176 Quadratmeter.

Der Bau von „Fahlerz“ begann Anfang 1944. Beim Luftangriff am 21. Februar 1944, der in Mühlhausen erneut ernste Schäden verursachte, kann er noch nicht fertig gewesen sein. Der Doppelstollen 22-87 konnte aber bereits genutzt werden, so dass bei diesem Angriff keine Toten zu beklagen waren. Das Kastengebäude, in dessen Keller der Eingang zum Bosch-Stollen lag, wurde bei dem Angriff vollständig zerstört.

Es ist davon auszugehen, dass die Firma Bosch im Stollen „Fahlerz“ die Produktion nicht mehr aufnahm. Es konnten jedenfalls keine Indizien dafür gefunden werden. Wahrscheinlich diente der Stollen stattdessen als Werksluftschutzanlage für die Arbeiter des Werkes.

Nach dem Krieg

Unmittelbar nach dem Krieg bis zum März 1946 nutzte Bosch den Stollen für Prüfzwecke ihrer Bohrhämmer. Die Firma Haisch nutzte ihren Stollen nach dem Krieg als Lagerraum und zum Bau von Verschalungen. Der Pi-Stollen 87 wurde zeitweilig von der Firma Knisel als Lagerraum angemietet.

Kalter Krieg bis heute

1963 begann die Diskussion, ob der Stollen für die Bedürfnisse des Kalten Krieges ausgebaut werden könnte. Weiterführende Maßnahmen unterblieben aber.

So blieb das Stollensystem bis in das neue Jahrtausend weitgehend sich selbst überlassen. 2006 dokumentierten wir seinen Zustand. Zu diesem Zeitpunkt standen manche Teile mehr als einen Meter tief unter Wasser.

In den Jahren danach wurde der Stollen leer gepumpt und begehbar gemacht, so dass er sich heute in einem teils deutlich anderen Zustand präsentiert.

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