Falkertbergstollen

Zu den großen Luftschutzstollen im Stuttgarter Westen gehörte der Pionierstollen 59-247 in der Zeppelinstraße, der aus den Bauwerken 59 (Zeppelinstraße) und 247 (Klüpfelstraße) bestand, die mit einem Durchstoß vom Bauwerk 247 her zu einem Gangsystem verbunden worden waren.

Der Doppel-Stollen wurde von einer Stollengemeinschaft unter Leitung der Partei erstellt, wie die meisten dieser Anlagen. Dabei bestand die Stollengemeinschaft aus den Anwohnern des Einzugsgebiets, für das das Bauwerk bestimmt war. Die Partei kümmerte sich zumeist um die Erstellung des architektonischen Plans, das Material sowie Werkzeug und Maschinen. Sie stellte auch den Arbeitsplan auf, in den sich jeder eintragen musste.

Im Innern war der Stollen in Holz ausgebaut, d.h. Boden, Decke und Wände waren mit Brettern ausgeschalt. Längs der Stollenwände waren Sitzbänke angebracht. Es gab elektrisches Licht und Trockentoiletten. Die gesamte Anlage erstreckte sich über 1.278 qm Fläche. Das längste Gangsegment durchquerte den Falkertberg mit ca. 120 m Länge.

Die Fertigstellung der Anlage lässt sich sehr gut datieren, da der Zentrumspolitiker und spätere erste Ministerpräsident von Württemberg-Baden Reinhold Maier in einem Brief vom 13. Mai 1944 schreibt: „Unten in der Dillmannstraße (Dürrstraße) ist jetzt ein Stollen (Falkertbergstollen) bis zur Zeppelinstraße durchgestoßen, alles wandert jetzt zum Stollen. Es gibt Wettläufe: Wer ist Stollenerster? Das Heißt, wer hat so Angst, daß er auf den Flügeln dieser Angst zuerst am Stollen anlangt? Der Verkehr im Stollen ist geregelt: Frauen Sitzplätze, Männer Stehplätze. Jedermann braucht eine Zulassungsdauerkarte.“ (Aus: „Ende und Wende – Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1944 – 1946“). Die Zulassungsdauerkarte wurde Maier, dessen jüdische Frau nach England emigriert war, als einzigem Bewohner seines Hauses verwehrt. Der Stollenwart hatte sie mit den Worten verweigert: „Der soll zu seiner Frau nach England.“

Von der Zeppelinstraße aus wurden weitere Gänge in den Berg getrieben. Es entstanden zwei ungefähr parallele Zugänge von ca. 35 m Länge. Sie sollten mit Querschlägen verbunden werden und dann einen Durchstich zum Pionierstollen 59-247 erhalten. Zwar gibt es hierzu eine Planskizze, aber es ist strittig, ob dieses Vorhaben noch realisiert wurde. Die beiden zusätzlichen Anstiche wurden teilweise ausbetoniert.

1944 schlugen auf dem Falkertberg zwei Bomben ein, eine davon unmittelbar auf einem der Stollensegmente. Der Einschlag verursachte einen enormen Druck auf den Ohren. Im Stollen machte sich Angst breit, aberdas Bauwerk hielt.

Die Zugänge des Falkertbergstollens wurden 1946 verschlossen. Nachdem es in den 70er Jahren immer wieder zu Tagbrüchen gekommen war, erfolgte 1975 eine Verfüllung des gesamten Pionierstollens 59-247 mit Magerbeton. Als Ende 2011 in der Zeppelinstraße 10 ein Neubau errichtet wurde, stießen die Arbeiter wieder auf eines der ehemaligen Stollenportale. Es gehörte zu einem der beiden später begonnen Zugänge, die laut Planung mit dem Pionierstollen 59-247 hätten zusammenlaufen sollen.

Das Portal und der mit Beton verfüllte Stollenmund ragten für ein paar Tage aus der Baustelle, bevor sie abgetragen wurden, um das Gebäude errichten zu können.

Vom Pionierstollen 247 existiert noch ein vermauerter Eingangsbereich in einem Nebengebäude. Es ist das einzige Überbleibsel einer Anlage, die einmal über 1.000 Menschen aufnehmen konnte und ihnen Schutz vor den Bomben der Alliierten bot.

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