Stuttgart-West

Wir erhielten die Gelegenheit, exklusiv einen Stollen in Stuttgarter Westen zu besichtigen, der sich in privatem Eigentum befindet. Der Eigentümer, Herr S.*, möchte um das Bauwerk keinen großen Rummel haben, „sonst muss ich hier noch den Fremdenführer machen“. Doch seine Geschichte, und die des Stollens in seinem Grundstück ist hochinteressant. Wir sind Herrn S. daher ausgesprochen dankbar, dass er sie uns erzählt hat, und wir sie hier in Teilen wiedergeben dürfen.

Von der großen Anlage im Berg gibt es fast nichts mehr. Das wussten wir schon vom Telefonat her. Eine umfangreiche Luftschutzanlage war es einst gewesen, die vier Zugänge von der Hauptstraße her hatte. Doch im Vergleich zu einigen anderen solcher Anlagen in Stuttgart hat diese eine besondere Vorgeschichte.

Wie viele Anwesen im Altbaubestand hat auch das Haus, in dem Herr S. wohnt, einen Gewölbekeller, der parallel zur Straße läuft. Hier hatte früher jeder Haushalt sein Abteil. Und hier suchten die Bewohner während der ersten Luftangriffe auf Stuttgart Schutz vor den Bomben.

Der Anfang

Dem Onkel von Herrn S. war dies jedoch bald zu unsicher. Als Architekt hatte er nicht nur das ganze Haus gebaut, sondern er konnte nun auch seine Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg einbringen. Damals hatte er an der Front Pionierstollen gebaut.

So begann zunächst eine kleine Gruppe von Personen um die Familie von Herrn S. einen Stollen in den Hang hinter dem Haus zu treiben. Eine private Initiative, angeleitet von fachmännischem Sachverstand.

Durch das Gebäude gelangt man an die Stelle, an der damals die Bauarbeiten begannen. Der noch sehr gut erhaltene Teil des Stollens ist ca. 1 m breit und 1,85 hoch. Der Boden ist betoniert, die Seiten und die Decke sind mit armierten Betonelementen ausgekleidet, jedes ca. 20 cm breit und wohl 18 cm dick. Da der Stollen vollkommen trocken ist, sind sie außerordentlich gut erhalten. „Die haben wir alle selber gegossen“, erzählt Herr S. Zusammen mit seinem Cousin hat er die Betonteile im Hof des Nachbarhauses hergestellt. „Meine Mutter war in der Zwischenzeit mit dem Boschhammer im Stollen und hat die Erde herausgeholt.“ Etwa zehn Betonelemente haben er und sein Cousin jeden Tag produziert. Im Hof wurden sie gelagert, bis sie komplett ausgehärtet waren, dann wurden sie im Stollen verbaut.

Öffentliches Interesse

Es muß 1943 gewesen sein, so erzählt Herr S. „damals war ich 11.“ Der von ihm und seiner Familie errichtete Stollen liegt U-förmig im Hang und ist vollständig erhalten. Er ist ca. 30 m lang und komplett mit den selbstgefertigten Betonelementen ausgekleidet. Sein Onkel legte noch eine fachmännische Entwässerung in den Boden, danach wurde er mit Beton ausgegossen. Noch heute erweckt der Boden den Eindruck, als sei er eben erst fertig geworden.

Schon bald nach Beginn der Aktivitäten der Familie holte sie allerdings die Realität ein. Die Stadt übernahm die Regie über das unterirdische Bauwerk und nutzte es als einen von vier Eingängen für einen großen Luftschutzstollen, den man über die Breite von vier Häusern in ca. 55 m Entfernung zur Hauptstraße parallel in den Berg trieb. Die längste Achse des Stollens maß ca. 85 m, bis zu 60 m führte das Bauwerk in den Hang hinein und erreichte dort eine Überdeckung von 20 – 25 m. Der Stollen wurde mit Holz-Stollenrahmen von jeweils ca. 2 m Länge ausgeschalt und bot bis zu 1200 Menschen Zuflucht vor den Bombenangriffen, die den Westen Stuttgarts empfindlich trafen.

Von einem Zeitzeuge aus der Reinsburgstraße gibt es beispielsweise einen Bericht, wonach die Gebäude 77 und 77a bei den Angriffen vom 25. auf 26.6.1944 bzw. 29. auf 30.07.1944 schwer beschädigt wurden. Vor dem Gebäude Reinsburgstaße 77 klaffte nach dem Angriff vom 29. auf 30.07.1944 ein großer Krater, an dessen Boden man die Hauptkanalisation sehen konnte. Das Gebäude selbst war vollkommen unbewohnbar geworden.

Doch zurück zu Herrn S.: Wir fragten, wo man den Aushub für ein so umfangreiches Bauwerk hinschaffte. „Auf die Straße“, erzählt er mit einem wissenden Lächeln. „Der Aushub wurde einfach auf die Straße gebracht. Der nahm fast die Breite einer Fahrbahn ein und war wohl drei Meter hoch. Da musste man mit der Schubkarre ganz schön Anlauf nehmen, um da nach ganz oben zu kommen. Wir Kinder haben darauf natürlich immer gespielt. Der Abraum wurde erst nach Kriegsende abgeholt.“ Wir staunten. Wir haben noch keine Bilder von Stuttgarts Westen gesehen, die diese Aushub-Halden in den Straßen zeigen. Nur vom Mühlwasen in Feuerbach. Auch dort wurde die Erde erst Jahre nach dem Krieg abgeräumt.

Das Ende

Nach Kriegsende wurden die einst über 1,5 m breiten Durchgänge aus dem Ursprungsstollen der Familie S. in den Hauptstollen auf Anordnung der Militär-Regierung komplett zugemauert. Dahinter blieb der große Luftschutzstollen bis in die 70er Jahre hinein intakt.

Dann entstand im Garten am Hang hinter dem Haus von Herrn S. eines Tages plötzlich ein Loch im Boden. Es war schnell klar, dass die Ursache nur in einem Stolleneinbruch liegen konnte. Die alte Holzverschalung war im Boden verfault und hielt das Erdreich nicht mehr an der Decke. Nach Gesprächen mit der Stadt Stuttgart führte diese zunächst Bohrungen durch. Mit 80 Bohrlöchern verschaffte man sich ein Bild vom Zustand des Stollens und verfüllte ihn anschließend mit Flüssigasche. Das Bauwerk hörte damit endgültig auf zu existieren. Somit ist außer dem anfänglich privaten Teil von der Stollenanlage nichts mehr zugänglich. Dort sind noch heute die zugemauerten ehemaligen Durchgänge zum großen Stollen zu sehen.

* Der Name von Herrn S. ist uns bekannt. Mit ihm wurde vereinbart, Standort und Namen anonym zu halten.

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